Offensichtlich war der Kommission der Reichskulturkammer im Jahre 1940 der Torso nicht weiblich genug. Jedenfalls entschied sie kurz und bündig, daß die Skulptur unverzüglich zu entfernen sei, und zwar: "wegen zu kleiner Brüste". Man glaubte, dem "nationalsozialistischen Menschen" der die Berliner Sammlung van der Heydt besuchen würde, den Anblick dieses flachbrüstigen "Machwerks" nicht zumuten zu dürfen.Solch unqualifizierten Entscheidungskriterien sah sich die kleine Berliner Künstierschar "Ateliergemeinschaft Kiosterstraße" des öfteren ausgesetzt. Man war nicht direkt "entartet", aber es gab kaum -- besonders hart für Bildhauer -- offizielle Aufträge, und Verkaufsausstellungen waren wegen der Nazi-Begutachtung oft sehr schwierig zu organisieren. Die heute fast schon legendäre Schicksaisgemeinschaft kämpfte ständig ums Überleben.Wer kennt sie heute noch, die Namen Adolf Abel, Hermann Blumenthai, Ludwig und Ortilie Kasper, die Bildhauer? Oder Heinrich Boese, Erwin Rainer Fasshauer, ilse Fischer, Hermann Teuber, Herbert Tucholski und Werner Heidt, die Maler? Am 1 ehesten ist noch Werner Gilies ein Begriff, der später zu einem zentralen Künstler der Nachkriegszeit avancierte.Nun hat das Käthe-Kollwitz-Museum Köln zusammen mit der Akademie der Künste Berlin eine interessante Schau organisiert, die zuerst in Köln war und nun in Wesel/ Ruhrgebiet gezeigt wird, und in der man all diesen fast vergessenen Künstlern wlederbegegnen kann. Ihre Skulpturen lehnten sich an die Archaik und frühe Klassik der alten Griechen an, nicht an den von den Nazis geforderten heroischen Realismus der römischen Antike.Mit ihrem moderaten Modernismus, mit Ihrer zarten Melancholie in der figürlichen Darstellung gerieten diese Maler und Bildhauer aber auch In der Nachkriegszeit zwischen alle Stühle der Kunstgeschichte, entsprachen sie doch nun nicht dem alles beherrschenden Gegenstandsiosigkeitsdiktat der 50er. Fast alle Plastiken der großen Käthe Kollwitz sind im Atelier in der Klosterstraße entstanden. Hier hatte die von den Machthabern verfemte gealterte Künstierin Zuflucht gefunden. Denn ein Bildhauer und NSDAP-Obmann in der Klosterstraße, sein Name war Günther Martin, hielt seltsamerweise die Hände über Käthe Koliwitz und die kleine, aber gefährdete Künstlergemeinschaft. Eine "geheime Verwandtschaft mit irgendeiner hohen Stelle", so raunte man sich unter Künstlern zu, sei die Erklärung für solch schützenden Einfluß.In mühevoller Recherche in Museen und privaten Nachlässen hat die Berliner Kunsthistorikerin Gudrun Schmidt mit ihren Mitarbeitern mehr als hundert bisher kaum gesehene Exponate zusammengetragen: den verträumten "Campagnahirten" (Blumenthal) und die "Schreitenden" und "Sitzenden", Bronzefiguren von Ludwig Kasper.Frau Schmidt hatte eine erste kleine Ausstellung dieser Künstler schon 1988 in der Berliner "Galerie Mitte" möglich gemacht, die aber damals westlichen Besuchern kaum zugänglich war. Köln und Wesel holen das nun nach. Ein sehr informativer Katalog, Edition Hentrich, und ein Video-Programm, das einen Einblick in das bedruckende künstlerische Klima der Zeit von 1933-1945 gibt, begleiten diese verdienstvolle Ausstellung."Ateliergemeinschaft Klosterstraße, Berlin 1933-1945. Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus", Städtische Galerie im Zentrum, Weselfßuhrgebiet, bis 27. Juli.Zwischen den Stühlen Nachgeholt

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