Behutsam arbeiten sich die Soldaten durch den modrig-feuchten Schacht. Mit Taschenlampen ausgerüstet, waten sie durch Wasserlachen und Unrat, entschärfen Minen und gefährliche Fallen. Dann entdecken die Rotarmisten die Gemälde. Vorsichtig bergen sie die von der Feuchtigkeit stark angegriffenen Kunstwerke.Der 1961 entstandene Spielfilm "Fünf Tage - Fünf Nächte" brachte die offizielle Version auf die Leinwand. Feinfühlig beschreibt die Koproduktion von DEFA und Mosfilm die selbstlose Rettung der Meisterwerke aus der Dresdner Gemäldegalerie. Die Filmmusik schrieb Schostakowitsch.Regisseur Lew Arntscham legte bei den Dreharbeiten großen Wert auf Authentizität. Gedreht wurde an historischen Plätzen, unter anderem in jenem modrigen Schacht bei Rottwerndorf, in den die Dresdner Gemäldegalerie 1943 ihre wertvollsten Bilder ausgelagert hatte.Zu Arntschams Erstaunen war der Schacht 1961 aber völlig trocken. Der Regisseur rief kurzentschlossen die Feuerwehr und ließ ihn unter Wasser setzen. Jetzt war die historische Bedrohung der Kunstwerke wiederhergestellt. Es konnte gedreht werden, die Gemälde wurden durch die uniformierten Schauspieler noch einmal gerettet. Nach dem Abtransport in die Sowjetunion - so der Film - besorgten erfahrene Restauratorenhände die "zweite Rettung".Bis heute gilt diese Version in Moskau als vorherrschende Geschichtsschreibung. Die derzeit im Puschkinmuseum inszenierte Gemäldeschau "Zweifach gerettet" belegt das. Aber neue Dokumente, die kürzlich auftauchten, lassen an dieser Darstellung zweifeln. Zwei russische Kunsthistoriker, Konstantin Akinscha und Gregorij Koslov, belegen, daß die im Film verewigten Rettungstaten so nicht stimmen. Die Rote Armee hat zwar einige Gemälde vor der Vernichtung gerettet, andere aber schlicht geraubt. Monumentaler Bau Seit 1987 arbeiten die beiden Kunsthistoriker zusammen. Sie haben Hunderte Interviews mit Zeitzeugen geführt, auf Authentizität geprüft, miteinander verglichen, Dokumente, Akten und Unterlagen zusammengetragen. Bei ihren Recherchen sind sie auf sowjetische Pläne für ein gigantisches Beutekunstmuseum gestoßen.Es sollte nicht einfach nur das größte Museum der Sowjetunion werden. Auch der Ruhm der bedeutendsten Galerien der Welt - etwa des Britischen Museums in London, der Eremitage in Leningrad oder des Pariser Louvre - reichte den Kulturpolitikern nicht. Sie wollten in eine völlig neue Dimension vordringen, ein Weltmuseum der Kunst errichten, gefüllt mit Beutekunst aus Deutschland.Die Pläne gehen auf das Jahr 1943 zurück. Die Schlacht um Stalingrad war siegreich geschlagen, an allen Fronten befand sich die Rote Armee auf dem Vormarsch. Der damalige Direktor des Puschkinmuseums, Sergej Merkurov, wurde mit der Planung beauftragt. Merkurov übergab 1944 seine Arbeiten an Michail Chraptschenko, dem damaligen Kulturminister. "Wir haben die Entwürfe für den Monumentalbau des Museums gefunden", sagt Konstantin Akinscha. "Es hat damals schon richtig ernsthafte Diskussionen um die Architektur des Baus gegeben. Eines stand aber fest: Das Museum sollte ein gigantisches Monument des Sieges über den Faschismus werden." Das Weltmuseum wurde schnell zum Politikum. Im Ausland immer mit den Adjektiven proletarisch und kulturlos versehen, wollte Stalin mit dem Museumstempel sein Sowjetreich in ein anderes Licht rücken.Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges brachten die Sowjets zweieinhalb Millionen Kunstgegenstände aus den besetzten Gebieten in die UdSSR. Ziel: das Weltmuseum in Moskau. Nicht nur deutsche Kunst stand auf der Wunschliste der sogenannten Trophäenkommission, die den Kunstraub in Deutschland organisierte. Auch die von den Nazis in ganz Europa zusammengeraubten Schätze wurden nach Moskau verfrachtet. Sonderauftrag Linz Hitler hatte glänzende Vorarbeit geleistet. In Linz wollte er ein ganz ähnliches Vorhaben verwirklichen: ein Beutekunstmuseum des "Tausendjährigen Reiches", vollgestopft mit geraubten Werken aus dem okupierten Europa. Der "Führerbefehl" vom 17. August 1940 zur Erfassung "herrenlosen jüdischen Kunstbesitzes" hatte im Oktober 1940 die Gründung eines Sonderstabes "Bildende Kunst" zur Folge. Dieser konfiszierte oder erpreßte private Sammlungen von reichen Juden und Museen. Etwa 22 000 Kunstgegenstände raubten die Deutschen in Frankreich. Aus den Niederlanden stammten 3 000 Gemälde von holländischen Meistern des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Deutschen plünderten in Österreich, in Ungarn, der Tschechoslovakei, in Belgien, Dänemark und Polen. Die "Trophäen des Sieges der Arier" lagerten bei Kriegsende in Depots. Stalins Trophäenkommission brauchte sich nur zu bedienen. In der Sowjetunion ging der Sonderstab besonders gründlich vor. Am 17. Oktober 1944 rapportierte Hitlers Chefkunsträuber Alfred Rosenberg der Reichskanzlei: Für den Transport der beschlagnahmten Kulturgüter Sowjetrußlands seien 1 418 Eisenbahnwaggons nötig gewesen. 427 000 Tonnen Kulturgüter seien per Schiff "ins Reich" gebracht worden. Die Alliierten sprachen bei Kriegsende vom "größten Kunstraub aller Zeiten". Ein mindestens ebenso großer sollte folgen. Stalin begnügte sich nicht mit den deutschen Raubdepots. Auch in Museen und öffentlichen Galerien plünderten die Sowjets. Die Berliner Trophäenkommission, deren Stabsquartier sich in der Karlshorster Drachenfelsstraße befand, konfiszierte Schätze des Museums für Vor- und Frühgeschichte, die ostasiatische Sammlung und Gemälde von Degas, El Greco, verschiedenen Impressionisten und deutsche Meisterwerke des 15. Jahrhunderts. Am 26. Juni 1945 befahl Stalin, die 2 000 wertvollsten Werke der Dresdner Gemäldegalerie in die Sowjetunion zu bringen, um die eigene Sammlung anzureichern. Um dies vor der Weltöffentlichkeit zu legitimieren, erfand die sowjetische Propagandamaschinerie die Legende von den doppelt geretteten Bildern."Regisseur Arntscham konnte keinen feuchten Schacht vorfinden, weil der Schacht nie feucht gewesen ist", meint Professor Werner Schmidt, Generaldirektor der Dresdner Gemäldegalerie. "In Wirklichkeit lagerten die Bilder im Rottwernsdorfer Schacht in einem vollklimatisierten Eisenbahnwaggon." Dreimal täglich wurden die Klima-Werte abgelesen und notfalls korrigiert. Die Protokolle liegen vor.Nach dem Krieg konnte sich die Sowjetmacht den protzigen Bau des Weltmuseums nicht leisten. Die Pläne wurden auf Eis gelegt. 1955 und 1958 gaben die Sowjets Hunderttausende Kunstgegenstände an die DDR zurück. Die Rotarmisten hätten oft "unter Einsatz ihres Lebens die Kunst gerettet und für uns in Verwahrung genommen", sagte damals pflichtbewußt Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR. Nach Darstellung von Grigorij Koslov gaben die Sowjets die Kunstschätze nicht ganz freiwillig zurück. "Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn war das außenpolitische Gesicht der UdSSR stark lädiert", sagt Koslov. Die Rückgabe sollte dem Sowjetreich zu neuer Anerkennung verhelfen. Einige der zurückgegebenen Kunstgegenstände waren tatsächlich beschädigt. "Das ist nicht verwunderlich", meint Koslov. Die Kunstwerke wurden aus dem zerstörten Dresden oder Berlin in die zerstörte Sowjetunion gebracht. Oft waren sie schlecht verpackt. In der Sowjetunion angekommen, fehlten oftmals die Möglichkeiten einer fachmännischen Lagerung. Dürer im Regen Akinscha und Koslov haben unglaubliche Schlampereien entdeckt. Aus einem Transportflugzeug, das in Kiew zwischenlandete, wurde beispielsweise ein Triptichon von Albrecht Dürer einfach auf der Rollbahn abgelegt. Erst drei Tage später wurde sein "Dresdner Altar", eine Malerei auf feinem Leinen, geborgen; jetzt tatsächlich mit schweren Wasserschäden. Später wurde die Lagerung im Rottwerndorfer Schacht dafür verantwortlich gemacht.Nach den Rückgabeaktionen in den fünziger Jahren galten die noch fehlenden Kunstwerke als verschollen. Erst im Zuge von Glasnost kamen die Geheimdepots zum Vorschein. Am 30. März 1995 eröffnet die St. Petersburger Eremitage eine Ausstellung mit Beutekunst aus ihrem Fundus. +++