Schon Ende Juni 1941 war die Lage an der sowjetisch-deutschen Front außerordentlich besorgniserregend. Die deutschen Truppen drangen entschlossen in die Tiefe der Sowjetunion vor. Unter großen Verlusten mussten sich die sowjetischen Truppen zurückziehen, alle Versuche von Gegenangriffen schlugen fehl. Bis zum 26. Juni waren die Deutschen 150 bis 200 Kilometer vorangekommen. Mit dem Überfall Deutschlands wurde der Nichtangriffspakt gebrochen, auf den Stalin gesetzt hatte. Der Diktator zeigte sich so beeindruckt, dass er nach Augenzeugenberichten wie gelähmt war und unfähig, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Erst als die Deutschen Minsk einnahmen, löste sich Stalins Schockstarre. Er erkannte endlich, dass die Wehrmacht ihren Hauptschlag nicht nach Süden richtete, wie er geglaubt hatte, sondern in Richtung Moskau. Die Hauptstadt war das wichtigste Ziel Hitlers.Erst jetzt wurde er sich der tödlichen Bedrohung für das Land bewusst, das er regierte. Er sah vor allem auch die Bedrohung seiner persönlichen Macht. Militärisch schien ihm eine Rettung kaum noch möglich zu sein. Aber nach Ansicht Stalins gab es eine politische Chance. Ihm erschien es aussichtsreich, den schon begonnenen Krieg durch einen Kompromiss zu lösen, der beide Seiten befriedigen würde. Stalin hatte die Erfahrung der bolschewistischen Führung unter Lenin nicht vergessen. Die ließ sich 1918 auf Gespräche mit dem deutschen Oberkommando ein, als deutsche Truppen auf Petrograd marschierten. Damals erhielten die Deutschen mit dem Vertrag von Brest-Litowsk für den Verzicht auf die Einnahme der Hauptstadt große Teile des Russischen Reiches. Lenin nannte den Brester Frieden "räuberisch", aber der Vertrag rettete den Bolschewiki die Macht.Stalin war im Juni 1941 bereit, eine gleichartige Vereinbarung mit Hitlerdeutschland zu treffen. Seine unbegrenzte Macht nutzend, unternahm er den Versuch, Gespräche mit Hitler über einen neuen "Raubfrieden" zu beginnen. Für viele Jahre war das eines der bestgehüteten stalinschen Geheimnisse. Stalin bot für die Einstellung der Kampfhandlungen an, gewaltige Territorien an den Feind abzutreten. Gemeinsam mit Molotow und Berija bereitete er konkrete Vorschläge an Hitler vor und legte die Wege fest, auf denen sie übermittelt werden sollten. Hinter dem Rücken der Armee und des gesamten Volkes, das einen blutigen Kampf um seine Unabhängigkeit führte, beschritt der Diktator den Weg des Verrats.Viele Jahre später, auf der Sitzung des Parteiaktivs des Verteidigungsministeriums der UdSSR am 2. Juli 1957, berichtete Marschall Merezkow, was er gemeinsam mit dem Generalstaatsanwalt Rudenko bei der Untersuchung des Falles Berija herausgefunden hatte. Stalin, Berija und Molotow hätten 1941 "die Frage einer Kapitulation vor dem faschistischen Deutschland" erörtert. Es sei damals besprochen worden, Hitler das Baltikum, die Moldaurepublik und darüber hinaus Teile anderer Republiken zu überlassen, wenn die deutschen Truppen an der bis dahin erreichten Frontlinie stehen bleiben würden. Berija wurde beauftragt, Kontakt zum bulgarischen Botschafter in Moskau, Iwan Stamenow, aufzunehmen und ihm vorzuschlagen, als Vermittler zwischen Moskau und Berlin aufzutreten. Stamenow war schon einige Zeit vorher von der sowjetischen Aufklärung angeworben worden.Nach dem Gerichtsverfahren und der Erschießung Berijas 1953 war in Moskau eine Gruppe von Führungskadern der Geheimpolizei NKWD festgenommen worden, die in die Verbrechen ihres Chefs verstrickt waren - unter ihnen auch Pawel Sudoplatow. Sein Fall wurde auch unter einem speziellen Aspekt untersucht: Er soll an dem Versuch Stalins beteiligt gewesen sein, das Land in den ersten Tagen des Krieges an Hitler zu verraten. Im Verlauf der Untersuchung präsentierte Sudoplatow am 7. August 1953 dem Ministerrat der UdSSR Aufzeichnungen. Er erklärte, dass er zwischen dem 25. und 27.Juni 1941 in das Büro Berijas befohlen wurde, der damals Volkskommissar für Innere Angelegenheiten war. Dieser habe zu ihm gesagt, dass die sowjetische Führung entschieden habe, inoffiziell zu klären, unter welchen Bedingungen Deutschland einverstanden wäre, den Krieg gegen die UdSSR zu beenden. Berija befahl Sudoplatow, sich mit dem bulgarischen Botschafter zu treffen, der nach den Erkenntnissen des NKWD Verbindungen zu den Deutschen unterhielt und sie über die diplomatische Initiative der Sowjetunion informieren konnte.Weiter heißt es in den Aufzeichnungen Sudoplatows:"Berija befahl mir, in dem Gespräch mit Stamenow vier Fragen aufzuwerfen:1. Warum hat Deutschland den Nichtangriffspakt gebrochen und einen Krieg gegen die UdSSR begonnen?2. Womit wäre Deutschland zufrieden, unter welchen Bedingungen wäre es bereit, den Krieg zu beenden, was ist dafür notwendig?3. Wäre Deutschland mit der Übergabe des Baltikums, der Ukraine, Bessarabiens, der Bukowina und der Karelischen Halbinsel zufrieden?4. Wenn nicht, auf welche zusätzlichen Territorien erhebt Deutschland Anspruch?Zu den Anweisungen, die ich von Berija erhielt, gehörte auch der Befehl, mit Stamenow nicht im Namen der sowjetischen Regierung zu verhandeln, sondern ein allgemeines Gespräch über die militärische und politische Lage zu führen und die Meinung Stamenows zu den vier Fragen zu erkunden. Berija war der Überzeugung, dass Stamenow von sich aus die vier Fragen den Deutschen vortragen werde. Berija warnte mich eindringlich, dass ich von diesem Auftrag der Regierung nirgends, niemandem und niemals etwas sage, andernfalls würde meine Familie ausgelöscht."Sudoplatow lud Stamenow in das Restaurant "Aragwi" im Zentrum Moskaus ein. Stamenow hörte die vier Fragen aufmerksam an. In seinen Aufzeichnungen bezeugt Sudoplatow, dass der Botschafter von der Niederlage Deutschlands in diesem Krieg überzeugt war. Dem schnellen Vordringen der Deutschen in der ersten Phase des Krieges habe er keine große Bedeutung beigemessen. Grundsätzlich war der Botschafter der Ansicht, dass die Kräfte der UdSSR zweifellos die Kräfte Deutschlands übertreffen würden, selbst wenn die Deutschen in der ersten Phase des Krieges große Teile der UdSSR besetzen und selbst wenn sie bis an die Wolga vordringen würden. Deutschland werde im weiteren Verlauf auf jeden Fall eine Niederlage erleiden und geschlagen werden, so Stamenow. Im Gegensatz zu Stalin zeigte der Bulgare keine Panik. Der NKWD überwachte noch einige Zeit den chiffrierten Schriftverkehr der bulgarischen Botschaft. Ohne Ergebnis. Die Idee Stalins, sich von Hitler "freizukaufen", war offensichtlich gescheitert. Stamenow bestätigte nach dem Krieg dieses Treffen mit Sudoplatow und seine Position dem namhaften sowjetischen Historiker Dmitri Wolkogonow.Hitler wusste nichts von den Vorstellungen Stalins. Das geht aus den deutschen Quellen von 1941 eindeutig hervor. Die Vorschläge an Hitler, die im Büro Stalins von den drei Verschwörern ausgeheckt worden waren, hätten nie die Chance auf Verwirklichung gehabt, selbst wenn sie Berlin erreicht hätten. Hitler stellte sich vor, dass die deutschen Truppen bis Weihnachten 1941 die Linie Archangelsk-Astrachan erreichen und der Ostfeldzug damit beendet sein würde. Die militärische Lage Ende Juni bestärkte ihn darin. Hitler hatte keinen Bedarf an Gesprächen mit Stalin. Er rechnete fest damit, die Gebiete zu erobern, die Stalin ihm abtreten wollte.Hitler hat sich auch über das Schicksal der Gebiete jenseits der Linie Archangelsk-Astrachan geäußert. 1942 wurde ihm in einem der Tischgespräche die Frage gestellt, wer sie verwalten werde. Hitler antwortete: Stalin natürlich, denn der wisse, wie man mit diesem Volk umgehen müsse. Stamenow sagte richtig voraus, dass die Deutschen bis zur Wolga vordringen würden, wo sich der Krieg zugunsten der Sowjetunion wendete. Nicht im Namen Stalins, wie seine Anhänger noch immer behaupten, wurde der große Sieg errungen, sondern trotz seiner schweren Fehlkalkulationen und der schweren Verbrechen, zu denen die Bereitschaft gehörte, vor Hitler zu kapitulieren, um seine Macht zu retten.Sudoplatow wurde 1953 nach dem Sturz Berijas seiner Posten enthoben und verhaftet. Nach fünfjähriger Haft wurde er im Herbst 1958 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und 1968 entlassen. Er starb 1996 in Moskau.Übersetzung: Frank Herold------------------------------Foto: Der Diktator Stalin trägt den Stern eines "Helden der Sowjetunion" an seiner Uniformjacke. Der Orden ist - wie die Imitation der Napoleon-Geste - Teil seiner Selbstinszenierung als genialer Feldherr.