Die Figur des Lawrenti Berija der heute hundert Jahre alt geworden wäre, hätten die zahllos ausgebrachten Trinksprüche sich erfüllt hat die Phantasie seiner Landsleute weit über seinen Sturz und Tod hinaus beschäftigt. In Anekdoten und Witzen, Erzählungen, Zeichnungen und Filmen erscheint er als der düstere Genius der Stalinschen Epoche schlechthin der Herr über die Lager und oberste Geheimpolizist, vor dem selbst die anderen Mitglieder des Politbüros zitterten.Bei einer Konferenz über "Literatur und KGB" in Moskau 1993 tauchte am Rande das Gerücht auf, bei Bauarbeiten auf dem Areal des Moskauer Hauses von Berija seien die Gebeine zahlreicher junger Frauen gefunden worden. Das stellte sich später als Fehlinformation heraus. Aber keiner, der es nicht sofort geglaubt hätte!Mehr als schaurige AnekdotenBerijas jüngste Biographin Amy Knight hat versucht, ihm etwas von dieser Aura eines schieren Unmenschen und Monsters zu nehmen, und hat seine Fähigkeiten als kühler Machtpolitiker und effizienter Administrator hervorgehoben. Das war er wohl auch. Es macht seine Person allerdings nur noch unheimlicher.Als Stalin Ende 1938 seinen Landsmann aus Tiflis nach Moskau holte, war es dessen erste Aufgabe, den NKWD-Chef Jeshow, den er beerben sollte, zu erledigen was jener natürlich wußte. Als alkoholisiertes Nervenbündel saß dieser "blutige Gnom" noch Wochen zu Hause und wartete auf seine Verhaftung, während er bereits in einer geräuschvollen Kampagne von pyramidaler Heuchelei als der wahre Schuldige für die "ungesetzlichen" Verhaftungen, Deportationen, Erschießungen und Folterungen von Tausenden (tatsächlich von Hunderttausenden und Millionen) angeprangert wurde. Als man ihn endlich holen kam, gestand er sofort, daß er seit den Tagen der Revolution Agent imperialistischer Mächte gewesen sei. Er hatte rasende Angst vor jenen "ungesetzlichen" Mitteln, durch die solche Geständnisse auch weiterhin erpreßt wurden. Die wichtigen Fälle übernahm Berija selbst. Marschall Blücher, einer der Helden des Bürgerkriegs und Kommandeur der Fernostarmee, der leugnete, Agent der Japaner zu sein, wurde in seinem Beisein so barbarisch gefoltert, daß er ein Auge verlor und kurz darauf starb.Man muß sich das vorstellen: Gestern noch hatte man zusammen auf den ZK-Sitzungen gesessen oder auf den Banketten einander zugeprostet, sich mit Vatersnamen gerufen und heute wurden diese treuen Kampfgenossen als blutige Bündel hereingeschleift, um absurde Geständnisse abzulegen. Gleich nach seiner Ankunft hatte Berija sich die prachtvolle Villa ("Datscha") des verhafteten, aber noch nicht verurteilten Altbolschewiken Tschubar überschreiben lassen. So waren die Sitten: Man setzte sich nicht nur auf die Sessel der erlegten Rivalen, sondern legte sich auch in ihre Betten und aß von ihrem Geschirr.Das sind mehr als nur schaurige Anekdoten. Für den Kannibalismus, mit dem die angeblich so verschworene Bruderschaft der Kommunistischen Partei sich in der Ära Stalins gegenseitig denunzierte und ans Messer lieferte, findet man weder in der Geschichte früherer Zeitalter noch dieses Jahrhunderts etwas Vergleichbares, auch nicht bei den Nationalsozialisten. Wenn deren Kameraderie (abgesehen von der kurzen Vendetta der Röhm-Affäre) bis zum Schluß hielt, dann weil sie stabile Außenfeinde hatten und sich vom Gros der deutschen Gesellschaft getragen fühlen konnten. Die Stalinsche Führung sah hinter der Fassade ihrer triumphalen Erfolgspropaganda überall Feinde, außen wie innen. Und ihre vollständige moralische Verderbnis und Enthemmung verwies auf den Wegfall jeglicher Art sozialer Bindungen und institutioneller Kontrolle.Berija hat für dieses System, das mehrfach am Rande des Zusammenbruchs stand, tatsächlich bedeutende Leistungen vollbracht: Er hat das chaotische System des Gulag reorganisiert und zu einem zentralen Element der staatlichen Ökonomie ausgebaut. Er hat mit seinen NKWD-"Sperrtruppen" die geschlagenen Armeen 1941 wieder in die Schlacht getrieben und unter rücksichtslosem Einsatz aller Mittel die Verlagerung der Kriegsindustrien hinter den Ural bewerkstelligt. Und mit fanatischer Energie machte er sich zum Paten des sowjetischen Atomprogramms, ohne das die Sowjetunion ihren Aufstieg zur Super-Imperialmacht nach dem Zweiten Weltkrieg nicht hätte bewerkstelligen können.Griff nach der Macht1946 entzog ihm Stalin das Kommando über die Geheimpolizei, ließ ihn aber ins Politbüro aufrücken. Oft redeten sie Georgisch miteinander, und auf den nächtlichen Gelagen in der Führer-Datscha, auf denen die wichtigsten Entscheidungen fielen, fungierte Berija als Zeremonienmeister. Durch seine Skrupellosigkeit und Intelligenz drückte er alle anderen beiseite. Als er am 29. März 1949 seinen 50. Geburtstag feierte, stand er im Zenit seiner Macht, und viele in- und ausländische Beobachter sahen (nach dem Tod seines Gegenspielers Shdanow) in ihm den wahrscheinlichen Nachfolger Stalins.Eben deshalb konzentrierte sich der paranoide Verfolgungswahn Stalins zunehmend gegen Berija. Allerdings mißtraute Stalin mittlerweile fast allen, selbst Molotow, Kaganowitsch oder Woroschilow, seinen ältesten Gefährten. So konnte Berija die Schachzüge des Alten parieren. Als er am 1. März 1953 die Nachricht von Stalins Schlaganfall erhielt, ließ er den Führer des Weltproletariats, soviel steht fest, über Stunden ärztlich unversorgt. Er arrangierte das gigantische Begräbnis und trug als erster in der Reihe seinen Sarg. Dann schickte er seinen Zögling Malenkow vor, um die Macht zu ergreifen.Als das nur zur Hälfte gelang, überrumpelte er die Mitglieder der "kollektiven Führung" mit einer Serie kühner Reformvorschläge, von der Einstellung der gigantomanen Großbauten über die Wiederherstellung der Rechte der Nationalitäten bis zu einer Amnestie für die Häftlinge. Der Administrator des Terrors wollte zum Reformator des Systems werden. In Korea wurden die Waffenstillstandsverhandlungen wiederaufgenommen. Die DDR, aus der die Menschen in Scharen fortliefen, sollte ihre Politik gewaltsamer Kollektivierungen stoppen und womöglich Teil eines neutralisierten Mitteleuropa werden. Aber Ulbricht provozierte den Ostberliner Aufstand vom 17. Juni, dessen Niederschlagung ihn selbst rettete und Berija zu Fall brachte.Der wurde Tage später durch eine Verschwörung Chruschtschows mit führenden Militärs (Marschall Shukow mit der Pistole voran) auf der Sitzung des Politbüros verhaftet und nach einem Geheimprozeß im Dezember 1953 erschossen. Mit Berija und nach ihm wurden auch einige seiner schlimmsten Schergen abgeurteilt, sofern sie nicht rasch die Seite gewechselt hatten. Diese, in gut stalinistischer Manier geführten Prozesse waren die einzige juristische Sühne für die Massenverbrechen einer ganzen Epoche. Bis heute und wohl für immer.