Am fünften Tag bricht die Staatsanwaltschaft Hannover nun ihr Schweigen. Jörg Fröhlich, der Leiter der Ermittlungsbehörde, begründet diesen Schritt am Freitag auf einer Pressekonferenz mit der umfangreichen Berichterstattung, die es bereits über den Fall von Sebastian Edathy gegeben habe. Erschüttert sei er darüber, so gesteht der Oberstaatsanwalt gleich zu Beginn, wie viele Informationen aus dem Verfahren bekanntgeworden seien.

Noch größer als die Empörung über undichte Stellen ist aber seine Verärgerung darüber, dass zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Vorermittlungen bereits in Berlin über den Verdacht gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten getuschelt worden sei. Fröhlich spricht von einer „Vorgeschichte“, worunter er den Hinweis von Ex-Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) an SPD-Chef Sigmar Gabriel versteht, dass der Name Edathy im Zuge von Ermittlungen im Ausland aufgetaucht sei.

„Wir sind fassungslos“, sagt der Staatsanwalt. Schließlich ahnte er nach eigenen Angaben selbst nicht, wie viele Personen in Niedersachsen, Hessen und Berlin über die Verdachtsmomente gegen den SPD-Politiker Bescheid wussten.

Als leitender Staatsanwalt habe er die Akte Edathy am 5. November 2013 erhalten – in einem verschlossenen Umschlag, der von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main über die Kollegen in Celle an ihn gegangen sei. Aufgrund der Brisanz habe er entschieden, das Verfahren zunächst hochvertraulich zu behandeln. Lediglich den Leiter der Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft, Thomas Klinge, habe er eingeweiht. Man sei übereingekommen, dass man sich unter keinerlei Zeitdruck befinde und die Vorwürfe zunächst gründlich zu prüfen – wissend, was ein Verfahren für den Politiker bedeuten könnte.

Weshalb die Staatsanwaltschaft aber keinen Grund zur Eile sah, als eine Woche später kanadische Kollegen vor der Presse berichteten, dass ein Kinderporno-Ring geknackt werden konnte, der auch von Kunden in Deutschland genutzt worden sei, mag Fröhlich nicht erklären.

Ebenso wenig scheint es ihn irritiert zu haben, dass ein Anwalt Edathys am 29. November bei der Staatsanwaltschaft vorstellig wurde, um zu erfragen, ob man gegen seinen Mandanten wegen Kinderpornografie ermittle. Was man damals im Übrigen verneinte, weil seine Gesprächspartnerin nicht in das Verfahren eingeweiht war.

Selbst als es nach „unzähligen weiteren Versuchen“ dieses Anwalts am 22. Januar zu einem weiteren Gespräch in Hannover kam, diesmal mit Klinge, scheinen die Ermittler nicht hellhörig geworden zu sein. Der Anwalt habe von „Gerüchten“ gesprochen, dass gegen Edathy ermittelt werde und klargestellt, dass besagte Filme nicht pornografisch seien und sein Mandant sie gar nicht mehr besitze.

In Hannover wollte man sich offenkundig nicht drängen lassen. Dabei waren die Verdachtsmomente gegen Edathy durchaus stichhaltig. Zwischen dem 21. Oktober 2005 und dem 18. Juni 2010 soll der SPD-Politiker neun Bestellungen bei dem Kinderporno-Händler in Kanada gemacht und dabei 31 „Produkte“ erworben haben. Nach Erkenntnissen der Ermittler waren dies Videofilme und Fotoserien von nackten Knaben im Alter zwischen neun und 13 Jahren.

Sieben Bestellungen seien per Post an Edathy geliefert, die letzten beiden als Download über eine IP-Adresse heruntergeladen worden, die dem Rechenzentrum des Deutschen Bundestags zugeordnet wird. Sowohl die benutzten E-Mail-Adressen als auch die Kreditkartenabrechnungen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit dem SPD-Politiker zuzuordnen. Ob es sich bei den Darstellungen um Kinderpornografie im juristischen Sinne handele, sei schwierig zu sagen. Man bewege sich in einem Grenzbereich, sagt Fröhlich am Freitag.

Nach dem zweiten Gespräch mit dem Anwalt vergehen weitere sechs Tage, bevor man sich entschließt, dass die Verdachtsmomente ausreichen, um förmlich zu ermitteln. Und eine weitere Woche zieht ins Land, bis Fröhlich einen Brief an Bundestagspräsident Norbert Lammert aufsetzt, um ihm die Ermittlungen anzuzeigen. Dieses Schreiben braucht sechs Tage, um nach Berlin zu gelangen.

Eher geringe Ausbeute

Während der Brief unterwegs ist, gibt Edathy sein Bundestagsmandat auf. Die Ermittler sind davon völlig überrascht und erkennen, dass nun, drei Monate nach Beginn der Vorermittlungen, keine Zeit mehr zu verlieren ist. Sie beantragten einen Durchsuchungsbeschluss für Büros und Wohnungen Edathys.

„Die Ausbeute war eher gering“, sagt Fröhlich. Lediglich zwei Computer hätten sichergestellt werden können, einige Hefte sowie Splitter, die von einer zerstörten Festplatte stammen könnten. Noch seien die Datenträger nicht ausgewertet worden, man könne deshalb nicht mehr sagen. Auf Nachfrage erklärte er, dass die Ermittler den Eindruck hatten, dass früher weitere Rechner in den Räumen gewesen sein könnten.