Spät am Abend landet ein Flugzeug aus Amsterdam in Simbabwes Hauptstadt Harare. Sechs junge Männer steigen aus, mit großen Koffern, in die sie Malariaprophylaxe, Netzadapter und Laptops gepackt haben. Und mit einem großen Plan für ein neues Afrika.

Lange Schlangen haben sich vor den Passkontrollschaltern gebildet. Christopher Pruijsen, ein blasser Mann mit hellen Augen, runzelt die Stirn. „Wir sind verdammt noch mal das Größte, das Simbabwe in diesem Jahr passieren wird“, sagt er und läuft auf den einzigen Schalter zu, vor dem keine Schlange steht, dafür aber ein Schild: „Diplomaten/V.I.P“.

Die Zollbeamtin hinter dem Tresen blickt müde auf den Lederzylinder auf Pruijsens Kopf und dann auf das Grüppchen hinter ihm: ein Mikrobiologe aus Köln mit Panamahut, ein blonder Däne mit Megafon in der Hand und, aus Berlin, ein Arzt mit Hornbrille und zwei hochgewachsene Männer, der eine mit einem adrett um den Hals gelegten Schal, der andere mit Lockenkopf.

Die Zollbeamtin interessiert sich nicht für ihre großen Pläne, mit einem Fingerzeig entscheidet sie, dass Simbabwe noch eine halbe Stunde länger ohne Pruijsen und seine Delegation auskommen kann, und schickt sie zurück ans Ende der Schlange.

„Das nächste Mal“, sagt Pruijsen, „sollten wir uns um eine Freigabe von der Regierung kümmern.“ Dabei ist in diesem Moment noch nicht einmal entschieden, ob dies nicht eher eine Geschichte von der Selbstüberschätzung einer Gruppe junger Männer wird, ob es überhaupt ein nächstes Mal geben wird.

Der Tellerwäscher ist heute ein Computerfreak

Aber ginge es um Bescheidenheit, dann wären sie gar nicht hier. Vielleicht braucht es diese Portion Größenwahn, die Pruijsen und die anderen von Eliteuniversitäten in Europa und den USA mitgebracht haben, wo sie gelernt haben, dass die Welt auf sie wartet. Und dass es kaum ein Problem in dieser Welt gibt, das sie nicht mit Technologie und einem Businessplan lösen können.

Nur so lässt sich ihr Plan erklären: Von Harare aus wollen sie mit einem Bus bis nach Kapstadt fahren, 2?500 Kilometer in fünf Tagen. „Stellen Sie sich eine Welt vor“, sagt Christopher Pruijsen, „in der Menschen in fünf Tagen ein Unternehmen an Bord eines Busses gründen können.“ Die Idee stammt aus Amerika. Dahinter steckt der alte Traum des Tellerwäschers von den Millionen. Nur dass der Tellerwäscher von heute ein Computerfreak in einer Garage ist. Oder in einem Bus. Jeder, das ist das Versprechen, kann der nächste Steve Jobs sein, der nächste Mark Zuckerberg.

In Amerika kaufen sich noch während der Fahrt Investoren in die Unternehmen ein, die im Bus gegründet werden. Busse wie dieser fahren durch Kanada und Mexiko, durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz.

Afrika ist der nächste Schritt. Die Investoren warten in Kapstadt, am fünften Tag werden sie die beste Idee aus dem Bus küren. Ob sie auch Geld geben werden, kann zu diesem Zeitpunkt noch niemand sagen. Afrika ist ein Experiment.

Dreißig junge Menschen sitzen zwei Tage später mit den sechs vom Flughafen in einem Reisebus, der durch die Straßen Harares rollt. Sie kommen aus Europa und den USA, aus Indien und Australien. Und aus Afrika. Sie halten Laptops auf dem Schoß, viele von ihnen haben bereits Start-ups gegründet und Apps programmiert.

„Das hier ist eine Schatzsuche“, sagt Vasili, ein Grieche, der in Südafrika geboren wurde und in Bloemfontein für eine Unternehmungsberatung arbeitet. Er lehnt an der Tür zu der Chemietoilette in der Mitte des Busses. Wenn man Vasili glaubt, dann erfährt Afrika gerade den größten Wandel, seit die Kolonialherren den Kontinent verlassen haben. Vieles spricht dafür. Die 800?Millionen Handys etwa, die bereits in Afrika genutzt werden. 2017 sollen es bereits über eine Milliarde sein. Afrika, der Kontinent der Krisen und Katastrophen, des Instabilen und Ungewissen, ist langsam dabei, ein Kontinent des Fortschritts zu werden.

Viele scheitern

Wissenschaftler haben berechnet, dass ein Anstieg der Internetnutzung um nur einen Zehntelprozentpunkt die Wirtschaft eines Landes um 1,4 Prozentpunkte wachsen lässt. Digitale Technologie verspricht, infrastrukturelle Defizite zu überbrücken, Wissen und Demokratisierung, Wohlstand und Kaufkraft.

Es ist ein riesiger Markt, der gerade entsteht. Das haben große, internationale Internetunternehmen begriffen, wie Zalando oder Groupon, die längst Ableger in Afrika installiert haben. Und das begreifen immer mehr junge Afrikaner, die Start-ups gründen, weil sie beschlossen haben, dass sie es sein sollten, die den Fortschritt bestimmen.

Noch ist die Zahl derer, die scheitern, groß, Internet und Strom sind teuer in Afrika, Banken leihen Geld zu horrenderen Zinssätzen, und Investoren, die Risikokapital bereitstellen, gibt es bisher nur wenige. Vielleicht schafft es eines von zehn neuen Unternehmen durch das erste Jahr. Aber das Versprechen ist da.

Im Bus geht es um die ersten fünf Tage, um die Idee.

Was braucht Afrika?

Chiko aus Simbabwe steht zwischen den Sitzreihen, das Megafon in der Hand, er schlägt einen Erinnerungsservice für Arzttermine vor, am besten mit Ferndiagnose per Mobiltelefon, Theophil, halb Deutscher, halb Franzose, will eine Plattform für Mitfahrgelegenheiten gründen, in Paris arbeitet er für Blablacar, ein Start-up, das Forbes gerade als eines der erfolgreichsten des vergangenen Jahres benannt hat. Joe aus Kalifornien will mit einer App Wahlen überwachen.

Man würde jetzt gerne wissen, was Simbabwes Präsident Robert Mugabe wohl von so einer App halten würde. An den Häuserwänden Harares hängen noch, ausgeblichen von der Sonne, die Wahlplakate, auf denen der Diktator den Menschen Arbeitsplätze verspricht. Die Arbeitslosenquote liegt ein halbes Jahr nach seiner Wiederwahl noch immer bei achtzig Prozent. Am Straßenrand verkaufen die Menschen auf Klapptischen Gemüse, Früchte und Prepaidkarten.

Guthaben statt Wechselgeld

Der Fortschritt hat in Afrika eigene Regeln.Eine davon ist, dass er in Sprüngen stattfindet. Statt auf Festnetzanschlüsse zu warten, kaufen sich die Menschen gleich Mobiltelefone. Statt PCs in ihre Hütten und Häuser zu stellen, nehmen sie Smartphones in die Hand. Bevor sie jemals ein Konto bei einer Bank eröffnet haben, bezahlen sie mit ihren Handys, begleichen damit Rechnungen oder schicken Geld an Verwandte.

Eine andere Regel ist, dass Mangel der stärkste Antrieb für Innovation ist. Weil es in Simbabwe zu wenig Münzen gibt, können sich die Menschen an der Supermarktkasse ihr Wechselgeld als Guthaben auf ihr Handy laden lassen. Weil es in Kenia wenige Hebammen gibt, bringen Frauen Kinder mit einem Handy am Ohr zur Welt. Farmer haben über Handys Zugang zu Wetterdaten und Viehzüchter zu Futterplänen. Firmen arbeiten an Smartphones, die weniger als hundert Euro kosten, und an Minisolaranlagen, die Strom für Licht geben.

Wo es nichts gibt, kann alles entstehen.

Bei einem Start-up geht es um den Anfang. Warum sich also nicht darauf einlassen, dass ein Problem so gelöst werden kann, dass am Ende jemand Geld damit verdient? Eine Win-win-Situation. Eine Utopie?

Auf der schnurgeraden Straße, die sich gen Süden durch die Savanne zieht, links und rechts nur weites, trockenes Land, ist das zunächst einmal eine Verheißung. Und auf jeden Fall einen Versuch wert.

Der Bus fährt an Autogerippen vorbei, an Strommasten, von denen die Kabel lose ins Nichts herabhängen, wie Lametta vom Weihnachtsbaum. Alle paar Kilometer stoppt ihn eine Polizeistreife, verlangt mal zwanzig, mal vierzig Dollar für die Weiterfahrt.

Der Bus schaukelt. Ein schlaksiger Junge geht nach vorne zwischen die Sitzreihen, mit seiner Afrofrisur sieht er aus wie ein Mitglied der Jackson Five. Er greift sich das Megafon. „Ich bin Wilhelm aus Tansania“, sagt er, „ich bin Programmierer und möchte eine Onlineplattform entwickeln, auf der man Korruption melden kann.“

Wilhelm Oddo ist nicht hier, um Afrika zu retten. Er ist hier, weil er beschlossen hat, sein Leben in die Hand zu nehmen. Er war acht Jahre alt, als seine Mutter an Gelbfieber starb. Und er war fünfzehn, als sein Vater in einer Bar auf einen Tisch stieg, weil Senegal im Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft Frankreich 1:0 geschlagen hatte. Der Vater jubelte, er taumelte, er fiel und brach sich den Oberschenkel. Fünf Tage später starb er im Krankenhaus.

„Lustig, oder?“, sagt Wilhelm, „das ist Afrika, Mann!“

Er wuchs nach dem Tod seines Vaters bei einem Onkel auf, der selbst vier Kinder hatte. Wilhelm wusste, dass er eine Last war. Und dass er niemanden hatte, außer sich selbst. Er studierte Wirtschaftsinformatik, die Studiengebühren bezahlte ein Ehepaar aus Amerika, die einem Jungen aus Tansania helfen wollten. Wilhelm hat sie nie kennengelernt, er schickte ihnen seine Zeugnisse, sie schickten ihm Geld über Western Union.

Es fehlt an Vorbildern

Wilhelms erster Computer war ein gebrauchtes Ding, das weniger Speicherplatz hatte als ein Smartphone. Aber es reichte, um programmieren zu lernen. Das meiste brachte er sich selbst bei. Für seinen ersten Job bei einem Softwareunternehmen bekam er umgerechnet 500 Euro, von dem Geld mietete er ein Haus am Stadtrand von Daressalam, kaufte Tische und Stühle und drei alte Computer.

Abends kamen die Informatikstudenten zu ihm, die in den Seminaren an den Universitäten oft nichts verstanden, weil Englisch nicht ihre Muttersprache war. Wilhelm ließ sie die Computer benutzen, gab ihnen Nachhilfe. Später unterrichtete er auch Frauen und Kinder. Er nahm kein Geld dafür. „Dann wäre niemand mehr gekommen“, sagt er. Das ist Afrika. Er sammelte stattdessen Spenden auf einer Crowdfunding-Plattform und kaufte damit neue Computer.

Wilhelm Oddo hat in den ersten Stunden der Busfahrt viel gelächelt und wenig gesprochen. Er ist hier um zu lernen. Es hat lange gedauert, ehe er herausfand, dass ein Ort wie sein Haus anderswo „Co-working Space“ genannt wird, und dass sich damit Geld verdienen lässt. Anderswo. Es fehlt in Afrika an Vorbildern, von denen sich lernen lässt, wie die neue Welt funktioniert.

Jetzt sitzt er neben Joe, dem Kalifornier, der sich seine Wahlüberwachungs-App aus dem Kopf geschlagen hat, zu schwierig, zu groß für fünf Tage. Joe hat in Stanford Design studiert, im Zentrum des Silicon Valleys. Kreativität, das hat Joe in Stanford gelernt, ist eine Art Muskel, den man trainieren kann.

Jetzt hat er sich Wilhelms Idee vorgenommen. „Bribed“, sagt Joe, „bestochen.“ Eine bunte Androidanwendung soll daraus werden, mit einem goldenen Dollarzeichen als Logo, griffbereit, wenn die nächste Straßensperre naht, ein klandestiner Service, über den sich die gängigen Bestechungsgelder der Gegend abrufen lassen. Wilhelm lacht. Im Bus wird alles so leicht. Eine Stunde später hat er zusammen mit Thuto, einem stotternden Jungen mit dicker Brille, der in Malawi eine Ernte-App für Bauern programmiert hat, die Benutzeroberfläche entworfen.

Rechtzeitig die richtigen Dinge tun

In der Mitte des Busses sitzt Silvan Vesenbekh mit einem Plan, der nicht ein, sondern Tausende Menschenleben retten soll. Er ist Arzt an der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin-Zehlendorf. Bei einem Praktikum bei der Uno vor ein paar Jahren lernte er einen der Organisatoren des Busses kennen. Er ist hier, weil er findet, dass ein Experte wie er in den Bus gehört. Silvan hat in Harvard einen Master in Gesundheitswesen gemacht. Wenn er das erklären soll, erzählt er eine Geschichte: Ein Notarzt wird gerufen, weil einer im Fluss ertrinkt. Er rettet ihn, und kaum ist er wieder zu Hause angekommen, ist schon der nächste Notruf da, wieder ertrinkt einer. Silvan will nicht der Notarzt sein. Er will herausfinden, warum die Menschen in den Fluss fallen.

Auch Silvan hat im Bus das Megafon gegriffen. Seine Idee geht ihm nicht aus dem Kopf, seit er 2010 in Haiti war. Er flog dorthin, als gerade die Cholera ausgebrochen war und das Deutsche Rote Kreuz seine Mitarbeiter in Sicherheit bringen ließ. Mit einem Motorradtaxi fuhr er durch das zerstörte Port-au-Prince, während die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen in ihren Jeeps im Stau steckten. Haiti war ein Chaos, das er nicht verstand.

Silvan erzählt von dieser Frau, die in das Krankenhaus getragen wurde, in dem er arbeitete, ausgetrocknet, halbtot, er flößte ihr Elektrolytlösung ein. Ein paar Stunden später stand sie wieder auf. Er hat in diesem Moment begriffen, wie einfach es ist, Menschenleben zu retten, wenn man die richtigen Dinge rechtzeitig tut.

Es ist weit nach Mitternacht, als der Bus vor einem einfachen Gästehaus kurz hinter der Grenze zwischen Simbabwe und Südafrika hält. Eine Dame vom Tourismusministerium hat am Grenzübergang gewartet, der einer der geschäftigsten in ganz Afrika ist, und dafür gesorgt, dass der Bus schnell durchgelassen wurde.

Silvan sitzt auf einem Sofa mitten im Malariagebiet, der Nebel ist so dicht, dass er einen feuchten Film auf der Haut hinterlässt. Jabu, ein Programmierer aus Simbabwe, hockt neben ihm, ein österreichischer Unternehmensberater, der in San Francisco arbeitet, ein indischer Entwickler, und eine schmale Frau mit Pferdeschwanz, die in München eine Onlineplattform für Gruppenreisen aufbaut. Sie rauchen Zigaretten, Silvan erzählt von Haiti, die anderen hören schweigend zu.

Am nächsten Morgen sind sie ein Team mit einer Idee: Humaid soll sie heißen, eine Plattform, über die Hilfsorganisationen ihre Arbeit in Krisengebieten koordinieren können. „Bring the right kind of aid to the right kind of people“, sagt Silvan. Bring die richtige Hilfe zu den richtigen Leuten. Für einen Moment klingt es wie ein guter Slogan. Sie haben kaum geschlafen.

Businesspläne auf der Scheibe

„Wollt ihr ein Start-up sein oder eine NGO?“, fragt Jeff Miller. Es ist der nächste Abend, sie stehen in der oberen Etage eines modernen Bürogebäudes in Johannesburg vor diesem kleinen, dicken Mann mit aufgekrempelten Hemdsärmeln, der sie mit hochgezogenen Brauen ansieht. Draußen parkt der Bus, mit Filzstiften haben die Teams tagsüber Businesspläne an die Scheiben gemalt, dazwischen kleben Post-its mit Notizen.

Sie sind da, wo man eine Vorstellung davon bekommt, wie das neue Afrika aussieht. Ein buntes Mandela-Konterfei prangt neben der Tür. Jeff Miller ist der Vorsitzende von Seed Engine, ein Unternehmen, das in der Start-up-Sprache „Accelerator“ genannt wird, ein Beschleuniger. In den Büroräumen können ausgewählte Start-ups arbeiten, sie bekommen Betreuung von Jeff Miller und umgerechnet ein paar Tausend Euro Startkapital. Accelerator sind die Start-up-Goldschmieden. Es gibt in Afrika immer mehr davon.

„Wenn du ein Start-up in Afrika zum Laufen kriegst“, sagt Miller, „dann kriegst du es überall zum Laufen.“ Auf seiner Website posiert er in Schwarz-Weiß vor rotem Grund. Er sieht aus wie ein Pate aus einem Mafiafilm. Jeff Miller hat jahrzehntelang Unternehmen gegründet, mehrere hat er an die Börse gebracht. Jetzt ist er der Boss von Redwood Capital, einer der wenigen afrikanischen Risikokapitalfirmen, und investiert in Start-ups. „Meine Leidenschaft“, sagt er, „andere Leute sammeln Briefmarken.“ Er schaut Unternehmen beim Wachsen zu. Und verdient daran. Darum geht es.

Deshalb hat ihm Humaid nicht gefallen. Auch nicht, als Silvan hinzufügte, dass ihr Programm kostenpflichtig sein soll, dass der Markt riesig ist. Vielleicht verhaspelte er sich ein paar Mal zu oft. Er ist kein Redner, er ist Arzt. Sein Professor in Berlin sagt oft zu ihm: „Herr Vesenbekh, Ruhe bewahren, Sicherheit ausstrahlen.“ Irgendwie ist es ihm nicht gelungen, das, was er vor ein paar Tagen noch „Vortrag“ genannt hätte und was hier nun „Pitch“ heißt, überzeugend abzuliefern. Vielleicht ist die Idee auch einfach zu groß für ein Start-up. Vielleicht gibt es doch Probleme, die nicht mit einem Businessplan gelöst werden können.

Der Investor will Gewinn sehen

Jeff Miller gefiel Bribed, zumindest hat er laut gelacht, als Joe nach vorne ging und mit ausgebreiteten Armen versprach: „Mit unserer App zahlen Sie nie wieder zu viel Schmiergeld.“

Am besten aber fand Jeff Miller die Idee von Sarah Nahm. „Kommerziell und machbar“, sagt er. Das sei das Wichtigste, der Flaschenhals, durch den nur wenige afrikanische Start-ups hindurch gelangten. Weil ihre Gründer an den Unis nicht lernen, was es heißt, ein Entrepreneur zu sein. Investoren wie Miller wollen den Gewinn sehen, den sie mit ihrem Startkapital kaufen.

Sarah Nahm hat in dem gleichen Programm in Stanford studiert wie Joe. „Ideen sind billig zu haben“, sagt sie, „wertvoll ist die Arbeit, die nach der Idee kommt.“ Es gibt noch viel zu tun, und es bleiben nur noch zwei Tage.

In der letzten Reihe des Busses hat sie mit einem Programmierer aus Köln und einem aus Kapstadt, einer jungen Frau aus Simbabwe, die für das mobile Bezahlsystem Ecocash arbeitet, und Theophil, dem Marketingmann aus Paris, Workforce gegründet.

Sarah Nahm hat vom Busfenster aus die Arbeiter gesehen, die an der Straße warten, um einen Job für den Tag zu ergattern, Arbeiter, wie sie auf der ganzen Welt an der Straße stehen. Jetzt ist ihr Programm fast fertig.

Arbeiter können sich damit per Mobiltelefon ein Profil erstellen, das ihre Fähigkeiten zeigt. Bauunternehmer suchen sich dann am Computer die Arbeiter, die sie brauchen. Per SMS versenden sie ihre Aufträge. Für die Arbeiter gibt es eine kluge Zusatzfunktion: Sie können sich zu Teams zusammenschließen und werden so selbst kleine Unternehmer.

Die Programmierer schauen angestrengt auf ihre Codes. Das Internet, das Minirouter im Bus aussenden, funktioniert nur für kurze Momente, die kaum ausreichen, um eine Website zu laden. Strom ist ebenfalls kostbar. Nur eine Handvoll Laptops können gleichzeitig laden, sonst bricht das Netz zusammen. Die afrikanischen Entwickler im Bus kennen das. Sarah schreibt zum ersten Mal einen Pitch mit der Hand.

Der Bus fährt an einer Straußenfarmen vorbei, dann an einer mit Stacheldraht bewehrten Mauer, auf der Werbeplakate für Penisvergrößerungen kleben. Sarah hat keine Ahnung, wie es ist, ein Afrikaner zu sein. Aber darum geht es nicht. Sie weiß auch nicht, wie sich der Chef einer Personalabteilung fühlt, und trotzdem ist sie in San Francisco Mitgründerin einer Onlineplattform, die das Leben von Personalleitern leichter machen soll. Was zählt, ist die Lösung. Vielleicht verstellt zu viel Nähe zum Problem nur den Blick darauf.

„Ich habe keine Lust, an einem schleimigen Entwicklungshilfeprojekt zu arbeiten“, sagt Sarah, „hier geht es um ein globales Wirtschaftsprodukt.“ Sie stellt sich eine weltweite Börse für Arbeiter vor, in der ein Computerprogramm aus einer riesigen Datenmenge Löhne errechnet, einen neuen digitalen Arbeitsmarkt. Das ist es, was Investoren wie Jeff Miller überzeugt: eine Idee, die richtig groß werden könnte, nicht nur in Afrika.

Sarah schlägt ihren Teamkollegen vor, dass sie eine Million Dollar als Investment fordern sollten, wenn sie bei ihrem Abschlusspitch gefragt werden, wie viel sie brauchen. Sie hat drei Jahre lang die Recherchen für die Reden von Marissa Mayer übernommen, damals Chefentwicklerin bei Google. Sie hat dort gelernt, groß zu denken. Und dass ihre Arbeit es verdient, ernst genommen zu werden, dass sie etwas wert ist. Aber eine Million?

Fünf Minuten für den Pitch

Die Straße ist zu einem achtspurigen Highway geworden, als der Bus Kapstadt erreicht, hinter den Schallschutzwänden ragen Kräne und Hotels mit verspiegelten Glasfassaden auf. Silicon Cape nennen sie es hier. Kapstadt ist so etwas wie das Zentrum der afrikanischen Digitalisierung.

In einem Fabrikgebäude am Hafen, wo teure Designläden neben Kunstgalerien und Restaurants liegen, verbringen die Teams den Nachmittag. Ein paar Stunden lang sitzen sie in den gläsernen Meetingräumen des neuen Afrika, im Accelerator „The Bandwith Barn“, wo Investoren zum Lunch nach neuen Start-ups Ausschau halten. Das Versprechen fühlt sich hier greifbar an. Am Abend sollen die Teams ihre Ideen vorstellen. Im Township.

Jemand dreht die Musik an, als der Bus zum letzten Mal auf die Autobahn fährt: Totos „Africa“, Shakiras „Waka Waka“-WM-Hymne, die südafrikanische Trash-HipHop-Combo Die Antwoord. Auf einem Grünstreifen am Fahrbahnrand schlägt ein Mann Golfbälle. Dahinter die Wellblechdächer bis zum Horizont.

Mittendrin steht ein modernes Gemeindehaus. Den Tag über haben hier Menschen auf einem Podium diskutiert, die in den Townships leben und dort Start-ups gründen. Ekasi heißt die Initiative, zu der sie sich zusammengeschlossen haben. Sie glauben daran, dass Unternehmertum die Menschen hier endlich weiterbringt. „Wir brauchen niemanden von außen“, hat einer am Ende gesagt.

In der ersten Reihe sitzen jetzt die Investoren. Fünf Minuten hat jedes Team Zeit, sein Start-up vorzustellen. Fünf Minuten für eine Idee, die etwas verändern soll. „Mein Herz schlägt doll“, sagt Wilhelm.

Hinterher kommt ein Mann aus dem Township zu ihm. Er sagt, er besitze eine Schuhfabrik. „Ihr habt mir gut gefallen“, sagt er, „ich suche jemanden, der mir eine App für meinen Schuhverkauf macht. Könnt ihr sowas?“

Den Investoren hat Workforce am besten gefallen, Bribed machte den zweiten Platz. Es gab Applaus, ein paar Händedrücke und Visitenkarten. Geld bekam an diesem Abend keiner aus dem Bus.

War alles doch nur ein Spiel?

Zwei Wochen später. Wilhelm hat eine neue Website für seinen Co-working-Space in Daressalam gebaut, er plant jetzt, Mitgliedsbeiträge zu verlangen. Er träumt von einem eigenen Start-up-Bus, der durch Tansania fährt, er will ihn „Niwezeshe“ nennen. Mach mich stark. Vor ein paar Tagen schrieb ein bekanntes Start-up-Blog, Bribed sei eine App aus Afrika, die man kennen sollte. Weil sie eine Zukunft hat. Vielleicht.

Silvan sitzt in einer Bar in Berlin-Mitte vor einem Glas Wein. Er hat eine 24-Stunden-Schicht im Krankenhaus hinter sich. „Ich will endlich mein eigenes Baby schaukeln“, sagt er. Sie brauchen jetzt eine Betaversion für Humaid, um NGOs von der Idee zu überzeugen. Seinem Programmierer aus Simbabwe hat er vor ein paar Tagen eine Mail geschrieben und keine Antwort erhalten.

Sarah ist mit ihrem Freund noch eine Woche lang durch Namibia gefahren. Urlaub. Seit sie zurück ist, spricht sie sonntags über einen Videogruppen-Chat mit ihren Teamkollegen in Europa und Afrika. Die Programmierer haben die Betaversion fast fertiggeschrieben. Sie müssen Arbeiter und Unternehmen finden, die Workforce testen wollen. Und einen Investor, der an ihre Idee glaubt so wie sie selbst.

Sehen Sie hier den Trailer zum Startupbus Africa 2013.

Und finden Sie hier alle Start-ups, die an Bord des Busses gegründet wurden.