Stasi-Akte: Deckname „Steinbock“

Der Mann steht „voll und ganz zu der Politik des Bonner Staates“. Oha! Beim Verwandtenbesuch mit einem grünen VW-Golf in der DDR interessiert er sich für „politische und philosophische Schriften“ im Buchladen. Donnerwetter! Doch dann sagt Deckname „Steinbock“ plötzlich eine Reise zu seiner Cousine ab – „angeblich wegen der bevorstehenden Bundestagswahl“. Zapperlot!

Wer die Stasi-Akte XI/394/80 durchblättert, weiß nicht, worüber er sich mehr wundern soll – die ungeheure Verschwendung von Ressourcen beim Festhalten von Nichtigkeiten, die lächerliche Wichtigtuerei der Spitzel bei der Formulierung von Protokollen oder den Dilettantismus, in dem sie westdeutschen Ministern nicht einmal den richtigen Namen zuordnen können. Doch für eins taugen die 50 Seiten ganz bestimmt nicht: dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück irgendeine Nähe zur Stasi nachzuweisen.

Das aber hatte am vergangenen Wochenende juristisch unangreifbar und in Frageform („Wie nah kam die Stasi Peer Steinbrück?“) die Welt am Sonntag getan. Ihr Chefredakteur unkte in einem Leitartikel von „Indizien“ und „ernsthaften Fragen“ und forderte Aufklärung. Der ist Steinbrück nun nachgekommen und hat seine Akte kurzerhand ins Netz gestellt.

Was bleibt von einer angeblich siebenmonatigen Recherche des Springer-Blatts, ist die Erkenntnis, dass Steinbrück eine Cousine in der DDR hatte, deren Mann unter dem Decknamen „Richard König“ offenbar als inoffizieller Stasi-Spitzel arbeitete. Der berichtete fleißig, dass sich Steinbrück angeblich als „Marxist“ bezeichne, doch „eindeutig ein Vertreter der Theorie des demokratischen Sozialismus – Prägung der bundesdeutschen SPD“ sei.

Zwei Einzelzimmer im Interhotel

Den real existierenden Sozialismus der DDR lehnte er ab: „Er stellte die feindliche Behauptung auf, dass der real existierende Sozialismus in der DDR nichts mehr zu tun habe mit den Theorien von Marx, Engels und Lenin.“ Gleichzeitig soll Steinbrück auch Kritik an Franz-Josef Strauß geübt haben. Im September 1977 meldet „Richard König“, dass Steinbrück nun als persönlicher Referent des westdeutschen Wissenschaftsministers Maihofer arbeite. Das stimmte fast - tatsächlich hieß der Mann Hans Matthöfer.

Auch die Beobachtung, dass Steinbrück – inzwischen Mitarbeiter der bundesrepublikanischen Ständigen Vertretung in der DDR, im Juli 1981 zwei (!) Einzelzimmer im Interhotel Newa in Dresden bestellt, entpuppt sich als wertlos: Die Stasi beobachtet bei der Anreise nämlich „zwei männliche Personen“ im Auto.

Wenn diese Akte überhaupt für etwas taugt, dann allenfalls dazu, den Ruf des Wahlkämpfers Steinbrück als „Klartextredner“ zu festigen. Er kritisiert das Berufsverbot für DKP-Mitglieder in Westdeutschland, spricht der kommunistischen Partei im Westen aber „jede Massenwirksamkeit“ ab: „Die Ziele, die die DKP propagiert, würden ad absurdum geführt durch die Politik, welche die DDR betreibt.“

Dort seien „die Obersten lediglich besorgt um ihre Privilegien und Sonderrechte“. Ausdrücklich kritisiert Steinbrück bei seinen Verwandtenbesuchen 1975 bis 1979 „eine Beschneidung der persönlichen Freiheit“, die mangelnde „Freizügigkeit im Reiseverkehr“ und den „Schießbefehl“ in der DDR. Nach einer übergroßen Nähe zum Regime klingt das nicht.

Von „brisanten Aktenfunden“, wie sie die Welt am Sonntag reißerisch vermeldete, kann also keine Rede sein. Höchstens von einem ganz gewöhnlichen Fall übler Nachrede. Auf eine Entschuldigung wird Steinbrück wohl vergeblich warten.