BERLIN. Seit Tagen steht Marianne Birthler mal wieder in der Kritik. Medien und Forscher anderer Institutionen werfen der Chefin der Stasi-Unterlagen-Behörde unprofessionelle Arbeit vor. Dass die Stasi-Akte des Mörders von Benno Ohnesorg per Zufall gefunden wurde, sei ein Skandal, heißt es und drücke die Unfähigkeit aus, die Stasi-Hinterlassenschaften systematisch zu erschließen. Auch sei die Erforschung des Einflusses der Stasi im Westen sträflich vernachlässigt worden. Sollte die Behörde nicht besser geschlossen und die Unterlagen dem im Umgang mit Akten viel erfahreneren Bundesarchiv übergeben werden? Als Marianne Birthler gestern vor die Bundespressekonferenz tritt, um den Tätigkeitsbericht ihrer Behörde für die vergangenen zwei Jahre vorzustellen, schlagen ihr die Vorwürfe fast im Minuten-Rhythmus noch einmal entgegen. Kaum einer der Journalisten hat eine Frage zu ihrem Arbeitsbericht.Ruhig und mit bewusster Souveränität beantwortet sie eine Frage nach der anderen, sie braust nicht auf, gibt nicht die Beleidigte. Sie erklärt, wie der Historiker ihrer Forschungsabteilung, Helmut Müller-Enbergs, zusammen mit der Forscherin Cornelia Jabs tatsächlich zufällig auf die Akte des Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras stieß, als sie Unterlagen über die Westberliner Polizei zu Maueropfern bearbeiteten. Die beiden seien "auf diese Weise an die Akte gelangt", obwohl die Unterlagen zu Kurras auch über die Personenkartei F16 zugänglich gewesen sei, erläutert sie. Aber um den Namen dort abzufragen, hätten Müller-Enbergs oder auch jeder andere externe Forscher "erst einmal die Idee haben müssen, dass Kurras für die Stasi gearbeitet hat". Aber auf diese Idee seien auch die Historiker und Journalisten nicht gekommen, die in den Jahren zuvor schon zum Tod von Benno Ohnesorg in ihrer Behörde recherchiert haben.Und noch bevor eine entsprechende Frage gestellt werden kann, erklärt die Behördenchefin, zu dem Rudi-Dutschke-Attentäter Josef Bachmann lägen keine Stasi-Akten vor. Man habe - nach dem Fall Kurras - gerade nachgesehen.Auch die Kritik, ihre Behörde habe die Stasi-Arbeit im Westen vernachlässigt, weist Birthler zurück. Wie jemand zu dieser Auffassung komme, sei ihr rätselhaft, sagt sie, und verweist auf ein gutes Dutzend Publikationen der Behördenforscher zu diesem Thema. Zudem hätten weder der wissenschaftliche Beirat der Behörde noch der Bundestag, dem sie regelmäßig Bericht erstatte, dieses Defizit bisher ausgemacht.Zugleich erinnert die Bundesbeauftragte aber auch daran, dass in den alten Bundesländern das Stasi-Thema nach wie vor als "regionales Ost-Thema" verharmlost werde. Auch die Debatte um die Bewertung der DDR als Unrechtsstaat habe zu "erschreckend naiven Kommentaren" geführt. Auf ihren Streit darüber mit Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan geht sie aber nicht ein.Warum ihre Forscher denn die Bundestage nicht auf Stasi-Verstrickungen systematisch untersucht haben, will ein Journalist wissen. "Ich kann ja schwer die einsame Entscheidung treffen, alle Bundestage zu überprüfen", antwortet Birthler. Der Bundestag habe bisher keinen solchen Auftrag erteilt. Und der Kulturausschuss des Parlaments habe einen entsprechenden Antrag von FDP-Abgeordneten ja gerade abgelehnt."Frau Birthler, recherchieren Sie mit Ihrer Behörde nicht eigentlich an den brisanten Themen vorbei?", will eine junge Medienvertreterin wissen. "Warum scannen Sie nicht einfach alle Personen der Zeitgeschichte auf Stasi-Kontakte?". Birthler erklärt ihr, dass es schier unmöglich sei, den ganzen Aktenbestand "mal eben schnell zu scannen" und erläutert geduldig den gesetzlichen Auftrag der Behörde, die ja in erster Linie den Stasi-Opfern verpflichtet sei. Und deren Interesse, ihre Spitzel zu finden, sei ein anderes als das einzelner Medien auf ein name-dropping.Auch zur Zukunft ihrer Behörde äußert sich Birthler sehr selbstgewiss. "Wieso sträuben Sie sich denn so gegen eine Aktenübernahme durch das Bundesarchiv?", wird sie gefragt. "Jedem ist klar, dass die Stasi-Unterlagen-Behörde eine zeitlich befristete Einrichtung ist", antwortet sie. Und verweist zugleich auf das vor einem Jahr von der Bundesregierung verabschiedete Gedenkstättenkonzept, das den Status ihrer Behörde zunächst festschreibt. Eine Expertenkommission solle in der kommenden Legislaturperiode die gesetzlichen Aufgaben analysieren und Empfehlungen erarbeiten, dann werde man weitersehen, sagt sie. Und zieht noch einen vermeintlichen Joker: Auch die Kanzlerin, die im Januar das Stasi-Archiv besuchte, habe betont, dass "diese spezielle Behörde" mit ihrem einzigartig offenen Zugang zu den Akten noch gebraucht werde.------------------------------Erfassen, erschließen, verwaltenMit der Besetzung des Archivs des Ministeriums für Staatssicherheit und einem Hungerstreik verhinderten Bürgerrechtler im Herbst 1990 die Übernahme der Stasi-Unterlagen ins Bundesarchiv und erzwangen so die Öffnung der Akten. Sie setzten sich damit gegen westdeutsche Politiker wie Kanzler Helmut Kohl durch, der die Akten lieber vernichtet gesehen hätte.Die Bürgerrechtler setzten das Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) durch, das am 20. Dezember 1991 in Kraft trat. Damit wurde eine Bundesbehörde geschaffen, die die Akten-Hinterlassenschaft des MfS erfassen, erschließen und verwalten sollte. Mit dem Auftrag, aktiv zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beizutragen, gehen die Aufgaben der Behörde für die Stasi-Unterlagen (BStU) über die eines Archivs weit hinaus. Von den 112 Kilometern Akten sind inzwischen 90 Prozent nach Personen und 45 Prozent nach Sachthemen erschlossen.Jeder Bürger hat laut Gesetz das Recht, bei der Behörde Antrag auf Auskunft zu stellen, ob in Stasi-Akten Informationen über ihn enthalten sind. Bis heute gingen bei der Behörde über sechs Millionen Anträge und Ersuchen ein. Historiker und Journalisten dürfen Unterlagen über MfS-Mitarbeiter und sogenannte Begünstigte der Stasi einsehen. Opfer-Akten dürfen sie nur lesen, wenn der Betroffene dem zustimmt.Die gesetzlich vorgeschriebene Stasi-Regelüberprüfung im Öffentlichen Dienst wurde mit der Novellierung des Stasi-Unterlagen-Gesetzes im Dezember 2006 stark eingeschränkt. So können auch künftig Personen in herausgehobenen politischen und gesellschaftlichen Funktionen, also Politiker, Sportfunktionäre, Behördenleiter und Intendanten auf eine frühere Stasi-Tätigkeit überprüft werden. Lehrer oder Polizisten werden aber nicht mehr per Regelanfrage auf eine Stasi-Mitarbeit überprüft.------------------------------"Was immer man mit der Behörde vorhat: Die Akten müssen offenbleiben." Marianne Birthler------------------------------Foto: Zum Bestand der Stasi-Unterlagenbehörde zählen 112 Kilometer Akten.------------------------------Foto: Stasi-Aktenbeauftragte Marianne Birthler mit dem Tätigkeitsbericht