BERLIN, 22. September. Das Gericht gesteht seine Ratlosigkeit, als es den früheren Stasi-Haft-Psychiater Horst Böttger am Freitag vom Vorwurf der vorsätzlichen Fehlbehandlung und Köperverletzung mangels Beweises freispricht: "Wir wissen nicht, was im Haftkrankenhaus des Stasi-Untersuchungsgefängnisses in Hohenschönhausen wirklich geschah", sagt der Vorsitzende Richter Karl-Heinz Oplustil. Es könnte sein, dass er den ehemaligen Häftlingen Klaus und Waltraud Krüger Medikamente gegeben hat, die ihre Vernehmungsfähigkeit beeinflussten. Es könnte sein, dass ihnen der Arzt im Sommer 1980 vor und während Verhören gegen ihren Willen und mit Gewalt Tabletten und Spritzen verabreichte, wie sie es als Zeugen vor Gericht schilderten. Es könnte sein, in der Haft war alles möglich, aber kaum etwas ist nachweisbar, sagt der Richter. Die Behandlungsunterlagen seien verschwunden.Wenige Tage vor der Verjährung Wenige Tage vor der Verjährungsfrist am 3. Oktober müssen die Richter am Berliner Landgericht ein Urteil sprechen über den heute in Berlin-Hohenschönhausen praktizierenden Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Horst Böttger. Der Arzt hatte sich gleich nach seinem Medizinstudium 1971 zu einer Laufbahn als Berufssoldat der Staatssicherheit verpflichtet und im Auftrag der Stasi die Facharztausbildung zum Psychiater begonnen. In seiner Verpflichtungserklärung hatte der Mediziner erklärt, "mit aller Entschlossenheit den Kampf gegen die Feinde der DDR zu führen". Noch heute wirbt der Arzt mit zwei Doktortiteln an seiner Praxistür, wobei er den einen an der juristischen Stasi-Hochschule erwarb mit einer Dissertation zur Optimierung der Zersetzung Andersdenkender. Die Anklage hatte dem Psychiater vorgeworfen, dem inhaftierten ausreisewilligen Ehepaar Krüger 1980 vor und während der Vernehmungen vorsätzlich nicht indizierte, bewusstseinsverändernde Medikamente gegeben zu haben, die sie schläfrig und orientierungslos machten. Frau Krüger sei mit einem Medikament behandelt worden, das in der DDR nur in seltenen Ausnahmefällen gegen schizophrene Psychosen verordnet werden durfte. Eine Psychose hatte Böttger bei der Patientin zuvor aber selbst ausgeschlossen.Das Ehepaar belastete den Mediziner vor Gericht mit seinen Aussagen über Schikanen und Zwangsbehandlung schwer. Böttger konnte sich an die ehemaligen Häftlinge "nicht mehr erinnern", bestritt alle Vorwürfe. "Hier steht Aussage gegen Aussage", wird der Vorsitzende Richter später in seiner Urteilsbegründung resümieren. Es traten die medizinischen Gutachter auf den Plan. Zwei von ihnen erklärten, Böttger habe seine Patienten gegen besseres ärztliches Wissen falsch behandelt. Das Psychosemittel, das er Frau Krüger verabreichte, sei ausschließlich bei akuten Psychosen als "letztes Mittel" zu verwenden gewesen, wie auch aus einer Fachinformation für Ärzte des Dresdner Arzneimittelherstellers aus jener DDR-Zeit hervorgeht. Wegen seiner gefährlichen blutbildverändernden Wirkung war es zu einer Reihe von Todesfällen gekommen. Auch die noch wochenlang nach der Haft andauernde Verwirrtheit Frau Krügers, bei der sie nicht mehr wusste, wer zu ihrer Familie gehört oder wo ihr Postkasten ist, sei auf dieses Medikament zurückzuführen. Das Ehepaar leidet bis heute an Angstzuständen und Schlafstörungen. Ein von Böttger bestellter russischer Gutachter, der früher in der Sowjetunion praktizierte, erklärte hingegen, in seiner Heimat wie in der DDR sei es "üblich" gewesen, das Mittel auch zur Beruhigung anzuwenden. Am Ende befand das Gericht, eine absichtliche Fehlbehandlung sei "nicht nachweisbar". Die Gabe der umstrittenen Medikamente läge zwar "im Grenzbereich", sei bei einer "Therapiefreiheit des Arztes aber vertretbar"."Das Gericht hat geprüft - und freigesprochen", jubelten nach dem Urteilverkündung die ehemaligen Stasi-Offiziere im Zuschauersaal, die zuvor die "Siegerjustiz" und die "Treibjagd" gegen den früheren Stasi-Psychiater angeprangert hatten. Der Zusatz "mangels Beweises" ließen sie unbeachtet. Hatte Böttger doch 1995 schon in einem Fernsehinterview erklärt, er habe seine Arbeit als Haftpsychiater stets so "eingerichtet", dass er "in Salzgitter", der Erfassungsstelle für DDR-Unrecht, "nicht unrühmlich auffallen" könne. Auch Böttgers Verteidiger Frank Osterloh, früher selbst Vernehmer bei der Stasi, lobte das Gericht, das das "Stalingrad-Syndrom" der Justiz mit diesem Urteilsspruch überwunden habe.Fassungslos dagegen hörten die Eheleute Krüger das Urteil. Sie fühlten sich in der Verhandlung zeitweise zurückversetzt in die Tage ihrer Haft, als etwa Verteidiger Osterloh Frau Krüger nach ihrem Selbstmordversuch in der Haft befragte und sie plötzlich mit schneidender Stimme anschrie, ein Suizid sei in dem Gefängnis gar nicht möglich gewesen. Da war der Rechtsanwalt nach zehn Jahren unversehens wieder in seine Rolle als Vernehmer von Staatsfeinden zurückgefallen."Das Gericht kann keine Antwort auf die Frage nach dem Missbrauch der DDR-Psychiatrie geben. " Karl-Heinz Oplustil, Richter ROLF ZÖLLNER Im Stasi-Untersuchungsgefängnis in Berlin-Hohenschönhausen war das Ehepaar Krüger im Sommer 1980 inhaftiert. Ein Psychiater im Rang eines MfS-Oberstleutnants behandelte sie hier ärztlich.