BERLIN, 11. Juni. Angela Marquardt ist auf dem Weg in ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern, als ihr Telefon klingelt. Der Fraktionschef der PDS, Roland Claus, informiert sie darüber, dass es Unterlagen der Gauck-Behörde gibt, die sie als Inoffizieller Mitarbeiter, IM, ausweisen. Das war am Dienstag vor zwei Wochen. Die PDS-Bundestagsabgeordnete weiß von nichts. Sagt sie.Es gibt eine Verpflichtungserklärung. Es gibt einen Decknamen. Es gibt einen Führungsoffizier. Es gibt Berichte. Es gibt ihr Dementi mit dem Standardsatz: "Ich habe nie wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet. " Es gibt die üblichen Erinnerungslücken. Eine ganz normale Stasi-Geschichte? Vielleicht. Aber es gibt auch eine Geschichte hinter der Geschichte.zu schweigen. An eine Unterschrift unter eine Erklärung kann sie sich nicht erinnern.Angela Marquardts Mutter, da ist sich die Tochter heute sicher, war IM. Ihr Stiefvater war es ebenfalls. Fast alle Freunde der Familie waren hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit. Für Angela Marquardt waren zu dieser Zeit - im Jahr 1987 und danach - die Leute, die in die Wohnung ihrer Eltern kamen, einfach erwachsene Freunde. Sie kamen oft. Auch zu Familienfesten. Sie kamen mit ihren Ehefrauen und ihren Kindern. Sie brachten auch Geschenke mit. So erzählt sie es. Die Mutter sagt: "Es kam auch vor, dass Angela diese Herren allein in der Wohnung empfangen musste und die Zeit überbrückte, bis einer von uns zu Hause war. " Vertrauter Führungsoffizier Einer dieser Herren war Jörg V. Wie Angela Marquardt heute weiß: ihr Führungsoffizier. Für sie war Jörg V. ein "Kumpel", ein junger Mann, Anfang 20, in Jeans und T-Shirt. Seine Frau war die Schülerin ihrer Mutter. Jörg V. war einer, mit dem sie reden konnte. Im Sommer 1987, Angela ist 16, zogen die Eltern um nach Frankfurt (Oder). Das junge Mädchen weigerte sich, mitzukommen und überwarf sich mit ihrer Familie. Sie wollte in Greifswald bleiben, dort das Abitur machen. Sie kam ins Internat und erhielt einen Vormund. Einen IM, wie sie 1997 erfährt. Die Mutter sagt heute: "Ich wusste, dass sie bei Freunden und Bekannten, die zum Teil für das MfS arbeiteten, gut aufgehoben war. " Und Jörg V. kümmerte sich um Angela. Sie traf sich mit ihm, redete - wie mit anderen, über alles, erzählte von der Schule, sicher auch über Mitschüler, besuchte ihn, seine Frau und seine Kinder. Manchmal holte er sie vom Sport ab und brachte sie nach Hause. In den Akten finden sich zwei Berichte von Jörg V. Beide stammen aus der Zeit nach Angela Marquardts 18. Geburtstag am 3. September 1989. Unterlagen aus der Zeit davor kennt sie nicht. Das Stasi-Unterlagengesetz verbietet die Veröffentlichung von Kinderakten. In einem der Berichte, er ist aus dem September 1989, schreibt der Führungsoffizier über Angelas Schulprobleme und davon, dass sie das "Neue Forum" großartig fände. Außerdem über einen Jungen, sie nennt auch den Namen, der über Ungarn in den Westen geschleust werden sollte, dann aber in die DDR zurückkam. An diese Geschichte kann sich Marquardt nicht erinnern. Aus einem zweiten, handschriftlichen Bericht des Führungsoffiziers geht hervor, dass er mit ihr die Möglichkeit erörtert, Theologie zu studieren.Angela Marquardt wollte eigentlich zur Armee. "Sportoffizier" war ihr Berufswunsch. Die jugendliche DDR-Meisterin im Judo wollte "Weltmeisterin" werden. Einzige Möglichkeit weiter zu trainieren war die NVA. Doch sie wurde abgelehnt. Für Frauen führte kein Weg zum "Sportoffizier". Sie erinnert sich an ein Gespräch beim Wehrkreiskommando in einem verrauchten Zimmer. Der Genosse sagte, er fürchte die "Zersetzung der Moral der Truppe", wenn eine Frau vorturne. Die Armee schlug ihr stattdessen vor, "Politoffizier" zu werden.Doch das wollte Angela Marquardt nicht. Sie wollte noch nicht einmal in die SED. Dann hieß es, sie solle "Funkoffizier" werden, da sie gerade eine Amateurfunkerausbildung machte. Aber auch das lehnte Angela ab. Und dann kam die Stasi offensichtlich auf eine ganz andere Idee. Man wollte, so legt es ein Bericht des Führungsoffiziers aus dem September 1989 nahe, sie zu einem Theologiestudium überreden. Das war im Sommer und Herbst 1989.Ihre Mutter schildet es so: "Dadurch, dass dieser Wunsch (Sportoffizier zu werden. d. Red) von klein auf bestand, für sie nichts anderes in Frage kam, verlor sie völlig die Orientierung. " Angela Marquardt sagt, sie habe sich damals allem "verweigert". Der Schule, den Lehrern. Als dann der Vorschlag auftauchte, Theologie zu studieren - sie selbst weiß nicht, wer ihn hatte - fand sie, dies wäre eine "Superprovokation" und habe sich darauf eingelassen. Nie habe sie geahnt, dass dies ein Plan der Stasi sein könne. Sie erinnere sich nur daran, dass ihre Mutter gesagt habe, dies sei "ein gutes Studium".Was Angela Marquardt damals nicht wusste, war, dass ihre Mutter mit der Stasi über ihre Zukunft geredet hatte. Die Mutter sagt heute: "Es wurden von mir und den Vertretern des MfS intensive Gespräche über ihre zukünftige Entwicklung geführt, bei denen meine Tochter nicht dabei war. " Und weiter: "Völlig überraschend für mich wurde in einem Gespräch mit mir auch über ein mögliches Theologiestudium gesprochen. " Die Wende verändert alles. Angela Marquardt machte im Frühjahr 1990 Abitur, ging auf Demos, besetzte ein Haus in Greifswald. Mit ihren Eltern wollte sie nichts mehr zu tun haben. Sie brach mit ihrer Familie. Jörg V. traf sie 1990 und 1991 noch gelegentlich in Greifswald. Dann riss auch dieser Kontakt ab. Sie hatte inzwischen eine neue "Familie". Ein Ehepaar, bei denen sie sich noch heute zu Hause fühlt.Angela Marquardt fängt, wie sie selbst sagt, nach der Wende "ein neues Leben an". Als sie 1998 für den Bundestag kandidiert, fragt sie ihre Mutter: "Ist da was, was ich wissen muss?". Die Mutter sagt Nein. Einige Zeit später trifft sie zufällig Jörg V. in Greifswald. Auch er schweigt.Nicht einmischen Das genügte ihr. Sie habe nie erwogen, bei der Gauck-Behörde anzufragen, ob es eine Akte über sie geben. Sie hat nie nach einer Akte über ihre Mutter oder ihren Stiefvater gefragt. Als sie im Jahr 1995 stellvertretende Parteivorsitzende der PDS wurde hat keiner ihrer Förderer so viel Fürsorgepflicht für die damals 25jährige aufgebracht, dass er ihr geraten hätte, ihrer Geschichte nachzuspüren. Sie ließ sich auch nicht überprüfen, als sie 1998 in den Bundestag kam.Angela Marquardt wollte mit der Stasi-Geschichte ihrer Familie nichts zu tun haben. Sie wollte mit ihrer Familie überhaupt nichts zu tun haben. Sie hat die Sache mit der Stasi nicht verschwiegen, Freunde und Bekannte wussten Bescheid, doch sie sprach nicht öffentlich darüber. "Das ist die Sache meiner Eltern", sagte sie immer. "Ich habe nicht das Recht, mich da einzumischen. " Sie hat verdrängt, dass die Geschichte ihrer Eltern auch ihre Geschichte ist. Bis es schließlich zu spät war. Jetzt stellen andere ihr die Fragen, die sie sich längst hätte selbst stellen müssen.Überprüfung ohne Folgen // Die Überprüfung von Bundestagsabgeordneten auf eine Stasi-Mitarbeit geschieht auf Grundlage zweier Gesetze.Das Abgeordnetengesetz regelt in § 44b, dass Mitglieder des Parlaments ihre Überprüfung selbst beantragen können. In dieser Legislaturperiode haben dies insgesamt 150 Parlamentarier getan (1994 bis 1998 waren es 178 und in den Jahren zuvor 324 Abgeordnete). Zur "Selbstreinigung" hat der Bundestag aber auch die Möglichkeit geschafffen, bei konkretem Verdacht Abgeordnete ohne deren Zustimmung zu überprüfen.Zuständig für das Verfahren ist der Immunitätsausschuss des Bundestags. Als Beweismittel sind nur Akten der Stasi-Unterlagenbehörde und Aussagen der Betroffenen zugelassen. Wenn ein Abgeordneter gegen seinen Willen überprüft werden soll, ist eine Zweidrittelmehrheit im Ausschuss notwendig.Das Stasi-Unterlagengesetz regelt, wer mit Hilfe der Akten auf eine hauptamtliche oder inoffizielle Tätigkeit der Stasi überprüft werden darf - nicht muss. In Paragraf 20 sind u. a. genannt: Mitglieder von Bundes- und Landesregierungen, Abgeordnete und Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes sowie bei den Kirchen Beschäftigte. Einschränkend heißt es: ". soweit es sich nicht um Tätigkeiten für den Staatssicherheitsdienst vor Vollendung des 18. Lebensjahres gehandelt hat. " Wird die Stasi-Mitarbeit eines Abgeordneten festgestellt und im entsprechenden Bericht veröffentlicht, hat dies freilich nicht zwingend Konsequenzen. Der oder die Abgeordnete verliert sein Mandat nicht. Die Bürger erhalten durch das Verfahren aber die Möglichkeit, sich eine Meinung zu bilden über die Verstrickung des Politikers ins System der DDR.Prominentester Abgeordneter, der überprüft wurde, war Gregor Gysi von der PDS. Er versuchte jahrelang vergeblich, das Verfahren zu verhindern und zu verzögern. Am Ende kam die Mehrheit im Ausschuss zum Schluss, Gysis Stasi-Mitarbeit sei erwiesen."Wir diktierten meiner Tochter den Wortlaut und sie unterschrieb. " Die Mutter zur Verpflichtungs- erklärung

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