In den nächsten Wochen werden zwei scheinbar gegensätzliche Gesetzeswerke im Bundestag diskutiert werden: der Datenschutz und das "Zensus-Anordnungsgesetz". Mit der Verbesserung des Datenschutzes sollen die Bürger vor dem Missbrauch ihrer Adressen besser geschützt werden; mit dem "Anordnungsgesetz" werden die Details für die Volkszählung im Jahr 2011 festgelegt werden. Viele Bürger glauben nun, dass das nicht richtig zusammenpasst und durch eine Volkszählung der Datenschutz geschwächt wird. Doch dies ist ein grandioser Irrtum. Statistiker gehören zu den perfekten Datenschützern. Das "Statistikgeheimnis", das die Identität von Befragten und von Firmen in statistischen Tabellen strikt verbirgt, ist viel älter als die Datenschutzgesetzgebung. Und Statistiker in den Ämtern, aber auch in der Wissenschaft, haben ein großes Interesse daran, dass dem Missbrauch von Adressen für dubiose Werbungs- und Verkaufszwecke endlich ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben wird. Denn Statistik, Wissenschaft und auch der Markt- und Meinungsforschung wird durch diesen Adressenmissbrauch massiv geschadet, weil nämlich die Bereitschaft, an seriösen Erhebungen und Umfragen teilzunehmen, dadurch untergraben wurde und wird.Wir alle werfen immer wieder von Telefonanrufen genervt, die vorgeben eine Umfrage durchzuführen. In Wahrheit will man uns aber nur überreden, etwas zu kaufen. Und ebenso bekommen wir gezielt Werbebriefe, die offensichtlich unsere Konsumgewohnheiten ausnutzen. Dahinter steckt der Handel mit Adressen: Wenn man zum Beispiel Unterhaltungselektronik kauft und nicht genau aufpasst, wird die Adresse gespeichert und nicht nur vom Verkäufer für Werbung genutzt, sondern vom Verkäufer auch an Adressenhändler weiterverkauft. Und am Ende bekommt man Werbung und Kaufangebote von Händlern zugeschickt, mit denen man nie etwas zu tun hatte. Wenn statistische Erhebungen in Form von Telefonanrufen oder Briefen angekündigt werden, verwechseln das viele mit der lästigen Werbung. Durch eine "Ausschöpfung" von zufällig ausgewählten und für die Gesamtbevölkerung repräsentativen Adressen von weniger als 50 Prozent ist aber die Aussagekraft derartiger Erhebungen gefährdet. Das kann fatale Folgen haben, weil viele politische Entscheidungen auf statistischen Erhebungen beruhen. Etwa die Sozialpolitik.Nicht nur aus Datenschutzgründen, sondern auch für ordentliche Entscheidungsgrundlagen der Politik ist es ausgesprochen gut, dass der Gesetzgeber künftig im Bundesdatenschutzgesetz strikt zwischen Werbung und Direktmarketing einerseits und der Markt- und Meinungsforschung andererseits unterscheiden will. Nur noch für Umfragen und wissenschaftliche Erhebungen soll es möglich sein, Listen mit Adressen ungefragt zusammenzustellen. Denn ohne Adressenlisten oder Telefonnummern als Ausgangspunkt sind statistische Erhebungen nicht möglich. Allerdings könnte der Gesetzgeber künftig beispielsweise vorschreiben, dass einem Befragten genau gesagt werden muss, warum er ausgewählt wurde und woher seine Adresse stammt. Zentral ist auf jeden Fall: Dieses Privileg ist bereits jetzt strikt daran geknüpft, dass die Adressen nur der Erhebung dienen und alle Ergebnisse nur in anonymisierter Form veröffentlicht werden. Genau so waren in Westdeutschland auch Volkszählungen auch schon immer angelegt: Es gab persönliche Befragungen, aber die Ergebnisse wurden völlig unpersönlich veröffentlicht - als Planungsgrundlagen für Staat und Gesellschaft. Und um an den Zahlen von Volkszählungen die Ergebnisse freiwilliger Erhebungen der Mark- und Meinungsforschung und der Wissenschaft messen zu können. Einen Datenschutz-Skandal gab es nie, denn auf die amtliche Statistik kann man sich verlassen. Das wissen inzwischen ach die Datenschützer. Auch kriminelle Energie wurde niemals entwickelt. Wahrscheinlich schon allein deswegen nicht, weil die Merkmale, die Volkszählungen erheben (z. B. Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss), für gezielte Werbezwecke völlig ungeeignet sind.------------------------------Foto : Gert G. Wagner ist Volkswirtschaftsprofessor an der TU Berlin und Vorsitzender des Rats für Sozial- und Wirtschaftsdaten.