Eigentlich wollte Helmut Stingl Bildhauer werden. Stattdessen plante er in fast 30 Jahren Wohnungen für über 90 000 Ostberliner. Das moderne Gesicht der Millionenstadt war das Arbeitsfeld des 1928 in Losdorf/Sudetenland geborenen Architekten. 1949-1955 studierte er an der Technischen Hochschule Dresden Architektur, sieben Jahre Assistenz am Städtebau-Institut bei Georg Funk folgten. Hier lernte Stingl Architektur und Städtebau als untrennbare Einheit zu sehen. 1962 ging er nach Berlin, in das Projektierungsbüro im Wohnungsbaukombinat Berlin; vier Jahre später trat er als Leiter der Abteilung Städtebau die Nachfolge Werner Dutschkes an.Individuelle GrüngestaltungDamit wurde Stingl verantwortlich für zahlreiche große Wohnungsneubaugebiete in Berlin. Allerdings hatte er wenig Einfluss darauf, ob oder welche Typengebäude dem Städtebauentwurf zu Grunde lagen, denn die allmächtige Bauindustrie folgte ökonomischen Kriterien, reagierte auf städtebaulich-architektonische Forderungen höchst unwillig. Dennoch verstand es Stingl, mit Farbe, Grüngestaltung und gesellschaftlichen Einrichtungen wenigstens ein Mindestmaß an Individualität zu schaffen.Stingl gehörte nicht zu den Selbstdarstellern des Architekturgewerbes, obwohl nur wenige die Gestalt einer Stadt so nachhaltig geprägt haben wie er. Schon 1976 waren erste Bauten in Marzahn entstanden, 1983 begann die Neuplanung des Gebietes Ernst-Thälmann-Park und Greifswalder Straße. Das monströse Denkmal Thälmanns erforderte auch für das dahinter angeordnete Wohngebiet einen großen Maßstab. Stingl, erstmalig als Generalprojektant für den Gesamtkomplex mit 1 400 Wohnungen eingesetzt, erreichte, dass die individuelle Gestaltung von Gebäuden und Anlagen nach seinem Entwurf akzeptiert wurde. 1985 wurde er Chefarchitekt im Wohnungsbaukombinat Berlin. Als Krönung seiner Arbeit verstand Stingl aber den Auftrag, die Wilhelmstraße (damals Otto-Grotewohl-Straße) im Abschnitt zwischen Voßstraße und Behrenstraße und damit im Grenzgebiet zu Westberlin neu zu entwerfen. Es gab harte Auseinandersetzungen, ob Wohnungen an der einstigen Regierungsmeile und auf dem Gelände des von den Alliierten gesprengten Führerbunkers angemessen seien. Es hat Symbolik, dass Stingl an Stelle des einstigen Ehrenhofes der Reichskanzlei die Kindertagesstätte ansiedelte. Auch hier konnte sich der Architekt großen Gestaltungsfreiraum erkämpfen, und so erhielten die aus Fertigteilen errichteten Häuser Erdgeschosse mit Läden, Steildächer, Gesimse, Balkons. Nach der Karl-Marx-Allee gehören der Thälmann-Park und die Wilhelmstraße bis heute zu den bevorzugten Wohnlagen in Ostberlin. Abriss seiner BautenNach 1990 leitete Stingl zunächst ein aus dem Kombinat hervorgegangenes Architekturbüro, wurde schließlich freier Architekt. 1995 ging er in den Ruhestand. Zur Tragik des wiedervereinten Berlins gehört, dass er - wie andere Kollegen - ohnmächtig dem Abriss einiger seiner besten Bauten zuschauen musste, etwa dem mit Ulrich Müther konzipierten "Ahornblatt". Zu DDR-Zeiten erhielt er aus ökonomischen Gründen wenig Lob, nun musste er sich die Medienschelte der "Platte" gefallen lassen - was seinen Optimismus nach außen hin allerdings wenig erschütterte.Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Helmut Stingl am 17. Dezember 2000, kurz vor seinem 73. Geburtstag, einer schweren Krankheit erlegen.DIETER ANDREE Hochhaus von Helmut Stingl am Ernst-Thälmann-Park.