BERLIN. Vor einigen Tagen wurde Stefan Dähnert daran erinnert, dass er nicht Goethe ist. Auch wenn der Text, um den es ging, "Erlkönig" heißt, was sich im Übrigen noch ändern kann. Stefan Dähnert ist Drehbuchautor, in seinem Metier sind Titel so flüchtig wie Textzeilen und manchmal ganze Geschichten. Vor einigen Tagen also rief ihn die Produktionsfirma an und bat ihn, am nächsten Tag pünktlich um acht am Drehort zu sein. Es gab ein kleines Problem. Ein Schauspieler, der für eine Eintagesrolle engagiert war, wollte einen Satz nicht sprechen, den Dähnert geschrieben hatte.Der Satz lautet: "Wir haben keine Lira mehr, wir haben keine D-Mark mehr, wir haben nur noch unsere Autos." Stefan Dähnert sagt, er sei fast wahnsinnig geworden, weil dieser Satz den Kern seiner Story trifft, die vom Auto als Fetisch handelt. Auf keinen Fall durften diese Worte gestrichen werden, nur weil ein Mime meint, sie nicht über die Lippen bringen zu können. Er ist also zum Drehort gefahren und hat den Schauspieler überredet. "Es ist eine kleine Szene", sagt Dähnert später in seinem Büro in einer alten Fabrikantenvilla im Berliner Stadtteil Kreuzberg, "hoffen wir mal, dass sie den Schneidetisch überlebt."Seit Dähnert fürs Fernsehen schreibt, weiß er, dass seine Worte nicht für die Ewigkeit sind. Sie können jederzeit in Frage gestellt werden. Je näher ein Film dem Leben kommt, desto größer die Gefahr.Stefan Dähnert, fünfundvierzig, kommt vom Theater. Er hat in Wien und Berlin Theaterwissenschaften und Philosophie studiert und arbeitete eine Zeit lang bei Jürgen Flimm am Hamburger Thalia-Theater. Er hat dort zum Beispiel Fassbinder inszeniert, bevor er auch eigene Stücke schrieb. "Als Theaterautor wurdest du auf Händen getragen. Du kamst kurz hinter Goethe." Niemals habe sein Verlag auch nur ein Komma an seinen Texten geändert.Niemals aber hätte er im Theater ein paar Millionen Zuschauer erreicht. Dähnert sagt, er habe immer versucht, politische Inhalte so populär wie möglich zu verhandeln und sei damit beim Theater bald gescheitert. "Für mich ist das Theater ein anachronistisches Medium. Was soll das für diese paar hundert Hanseln? Wenn man weiß, mit welcher Leidenschaft Theaterleute arbeiten, fragt man sich, wozu sie sich das antun." Dähnert geht nicht mehr hin, nicht mal als Zuschauer, seit Jahren schon. "Ich kann es nicht mehr ertragen." Da fährt er lieber frühmorgens an den Drehort, um mit einem Schauspieler seinen Text durchzugehen. "Das ist viel härter als Theater, aber auch demokratischer. Und es hat eine größere Resonanz."Die Schaubühne als moralische Anstalt, wie von Friedrich Schiller proklamiert, hat für ihn ausgedient. Heute erfährt das Publikum seine moralische Erziehung im Tatort oder im Montagskrimi des ZDF. Die Kunst des Autors, sagt Dähnert, besteht darin, eine soziale Problematik in die Kriminalhandlung einzuschmuggeln. "Es muss knallspannend sein, dann sagt keiner was."Sein Film "Erlkönig", der nächstes Jahr im ZDF gezeigt wird, handelt vom rätselhaften Unfalltod einer jungen Frau. Sie ist mit ihrem Sohn auf der Autobahn unterwegs, als sie plötzlich die Kontrolle über ihr Auto verliert. Bei den Ermittlungen der Versicherung stellt sich heraus, dass ein zweites Fahrzeug an dem Unfall beteiligt gewesen sein muss - ein "Erlkönig", wie getarnte Testwagen in der Automobilindustrie genannt werden. Hintergrund des Films, den der Regisseur Urs Egger gerade mit Silke Bodenbender und Henry Hübchen in Berlin gedreht hat, ist der Fall des so genannten "Todesrasers". Vor drei Jahren hatte ein Unfall auf der Autobahn nahe Karlsruhe Aufsehen erregt, bei dem eine Frau mit ihrer Tochter ums Leben kam. Als Unfallverursacher wurde später ein Testfahrer von Mercedes verurteilt. Er soll den vor ihm fahrenden Kleinwagen von der Straße gedrängt haben.Das ist der Stoff, aus dem heute Fernsehfilme gemacht werden. Ein mysteriöser Todesfall, Ermittlungen aus Leidenschaft und am Ende gewinnen die Guten. Die Brisanz dieser Geschichte liegt in ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Auto. Freie Fahrt für freie Bürger, Streit ums Tempolimit, Mythos Autobahn, all das schwingt da mit. Wenn es ums Auto geht, fühlen sich die Deutschen persönlich angesprochen, in ihrer Liebe wie in ihrem Hass.So ging es auch Stefan Dähnert, der mit seinem zwanzig Jahre alten Landcruiser durch Kreuzberg kurvt, nicht gerade ein Vernunftauto. "Als mir der Produzent ein paar Zeitungsartikel zu dem Fall hingelegt hat und mich fragte, ob mir was dazu einfällt, habe ich gedacht, was ist das für ein deutsches Thema. Es hat sofort bei mir gefunkt." Dann hat er die Leserbriefe gesehen, die in der "Zeit" abgedruckt waren. "Man denkt doch, Mutter gegen Baum gedrängelt, schrecklich. Aber nein, da haben sich Leute aufgeregt, dass die Frau mit ihrem Kleinwagen links gefahren ist, auf der Überholspur, wo sie nicht hingehört. Es war unglaublich, die Volksseele hat gekocht und das nicht in Auto-Bild, sondern in der Zeit."Das Thema lag also auf der Straße, wie man hier wirklich mal sagen kann, aber wie findet man dazu eine eigene Geschichte? "Man muss den schmalen Grad gehen, so zu erzählen, dass die Ereignisse erkennbar bleiben, sich dann aber so weit wie möglich von ihnen lösen." In diesem Fall war es umso wichtiger, die Story erzählerisch zu verfremden, da der Film sonst womöglich nie entstanden wäre oder aber nie gegesendet werden könnte.So wurde vor Gericht verhindert, dass die ARD in ihrem Herbstprogramm einen Film über den Contergan-Skandal zeigt. Der Pharmakonzern, der das Medikament einst in Umlauf brachte, hatte gegen die Ausstrahlung des Zweiteilers eine einstweilige Verfügung erwirkt.Es geht um die Frage, was ein Spielfilm darf, der nach einer wahren Begebenheit entsteht, wie weit die künstlerische Freiheit reicht. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind eben meistens nicht rein zufällig. Oftmals werden Persönlichkeitsrechte berührt oder aber, wie beim "Erlkönig", bewusst nicht berührt, um einen Rechtsstreit zu vermeiden. Und dann wäre da noch die industrielle Seite. Kein Automobilfabrikant würde es mit ansehen, wenn einer seiner Testfahrer im Fernsehen zum Todesraser wird."Ich habe gewusst, dass ich mich auf vermintes Gelände begebe", sagt Stefan Dähnert. In einem frühen Stadium des Buches habe ihn die Rechtsabteilung des ZDF angerufen. In Mainz wollten sie wissen, was in seinem Script anders als in dem echten Fall sei und was nicht. Erst nachdem verbrieft war, dass das Wort Mercedes auf gar keinen Fall vorkommt und auch kein anderer Autohersteller erwähnt wird, sei der Auftrag an die Produktionsfirma Colonia Media rausgegangen.Nun liegt die Verantwortung bei Christian Granderath, der nicht nur die Idee zum Film "Erlkönig" hatte, sondern ihn auch als Produzent betreut. Er hat schon öfter für Wirbel gesorgt. Gern erinnert man sich an den Tatort "Tod im Häcksler", der vor fünfzehn Jahren in der Pfalz den Bauernzorn schürte. Das Drehbuch zu dem Krimi schrieb der Regisseur Nico Hofmann seinerzeit gemeinsam mit Stefan Dähnert. Und erst vor kurzem wurde der ebenfalls von Granderath produzierte Film "Wut", der von einer Türkengang erzählt, aus dem Hauptprogramm der ARD in die Nacht verschoben, nachdem der Spiegel eine latente Ausländerfeindlichkeit bemerkt haben wollte.Falls jetzt niemand auf den Gedanken kommt, dass im "Erlkönig" die deutsche Automobilindustrie pauschal beleidigt wird, müsste der Film eigentlich durchgehen. "Die Juristen sagen, dass rechtlich nichts zu beanstanden ist", sagt der Produzent. Seine Szenenbildner haben dafür gesorgt, dass das Auto, das im Film den Unfall verursacht, nicht im Entferntesten an ein bekanntes Modell erinnert. Der Wagen stammt aus einer Kreuzberger Werkstatt, die ansonsten Designstudien anfertigt.Bevor Christian Granderath für den "Erlkönig" einen Autor suchte, hatte er genaue Vorstellungen von der Geschichte. Wie zeigt sich im Straßenverkehr der Charakter eines Menschen? Wann wird das Auto zur Waffe? Solche Fragen kamen ihm zwangsläufig, da sein Vater bei der Deutschen Verkehrswacht aktiv gewesen ist und Bücher für die Sendereihe "Der 7. Sinn" geschrieben hat. Wenn man Granderath hört, kommt es einem beinahe so vor, als arbeite er am "7. Sinn" im Thriller-Format. Mit dem "Erlkönig" wolle er zum Nachdenken anregen, sagt er. "Ideal wäre es, wenn sich der Zuschauer fragt, wie fahre ich eigentlich Auto?"Das Fernsehprogramm als moralische Anstalt betrachtet.Stefan Dähnert gehört zu einem Dutzend Autoren in Deutschland, die diese Anstalt zuverlässig mit Geschichten versorgt. Für den Tatort hat er die Kommissarin Klara Blum erfunden, für das ZDF eine Episode des neuen Freitagskrimis "Stolberg" geschrieben. Er hat für "Das Duo" gearbeitet und könnte jetzt weiter am laufenden Band Krimis fabrizieren. "Das einzige, was im Fernsehen verlässlich funktioniert, sind Krimis, also wollen die Sender immer mehr davon. In den ersten fünf Minuten muss die Leiche liegen." Der Rest ergibt sich dann. Es gibt Redaktionen, die ihren Autoren vorschreiben, wie viele Minuten des Films im Kommissariat zu spielen haben, das ist wie beim Malen nach Zahlen.Dähnert sagt, man müsse nicht gut schreiben können, um ein guter Drehbuchautor zu werden. "Wenn du schreiben kannst, geh'nicht zum Film." Es komme darauf an, Probleme auf den Punkt zu bringen, den Moment zu finden, in dem sich alles entscheidet. "Das ganze Dramaturgenzeugs kann man lernen." Auf seinem Laptop läuft das Schreibprogramm "Final Draft", das ist eine amerikanische Software, die es dem Autor erleichtert, in Dialogen zu formulieren. Sein Computer kennt alle Figuren und macht Vorschläge, wer wem antworten soll. Eine Seite Buch sind eine Minute Film. Die Vergütung ist ebenfalls exakt bemessen. Die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen ihren Autoren Festpreise, "die obere Kappungsgrenze liegt bei 27 500 Euro für neunzig Minuten", sagt Stefan Dähnert, bei jeder Wiederholung gibt's das Ganze nochmal, "das ist seit Jahren so festgelegt, wie bei den Beamten."Nun, da er sich ohnehin täglich ein paar Zeilen weiter von Goethe entfernt, hat sich Dähnert dazu entschlossen, noch einen Schritt weiter in Richtung Popularität zu gehen. Er arbeitet an seiner ersten Fernsehserie. Die wird nun aber nicht im Zoo oder im Krankenhaus spielen. Ihm schwebt etwas anderes vor. Es geht in Richtung "Six Feet Under". Dähnert ist von dieser Familienserie im Bestatter-Milieu absolut begeistert. "Bei den Amerikanern lernst du, wie dialogarm und dennoch detailreich man Geschichten erzählen kann. Erst über etliche Folgen hinweg erschließen sich die Charaktere." Für ihn ist das die Zukunft des Fernsehspiels. Sein Projekt heißt "Bibel". Aber das dürfte sich noch ändern.------------------------------"Es ist ja nur ein Spiel. Man kriegt jeden Stoff auch als Krimi erzählt." Der Drehbuchautor Stefan Dähnert über den deutschen Fernsehfilm------------------------------Foto: Am Drehort in Berlin: der Autor Stefan Dähnert mit Henry Hübchen als Chef eines Versicherungsbüros und dem Regisseur Urs Egger (v. r.).