Er war einmal der Schlachter von "Viva". Einer, der Rex Gildo vor laufender Kamera das Toupet zurechtrückt und für seine coolen Sprüche von dem uncoolen Rapper Moses Pelham eins in die Fresse bekommt. Er hat sich für Guildo Horn das Lied "Piep, piep, piep" ausgedacht und damit den Schlager-Grand-Prix und Ralph Siegel gleichermaßen zur Raserei gebracht.Stefan Raab, 32, Metzger-Geselle, Fernsehmoderator, Schlagerproduzent, war einmal ein verwegener Kerl. Seine Personality-Show "Vivavision" rührte er dreimal die Woche nach Hausfrauenart zusammen: "Ich bereite mich nie vor", erklärte er damals, "ich probe nie, ich habe niemanden, der mir Texte schreibt. Ich gehe ins Studio und gucke, was passiert." Diese unbehauene Art hat ihn berühmt gemacht. Jetzt ist Raab ein Star geworden und nach eigenem Bekunden erwachsen. Um dorthin zu kommen, hat er etwas getan, was niemand von ihm erwartet hätte: er hat diszipliniert und professionell eine Marktlücke gefüllt.Auch Blödes toll findenEin Glücksfall, vor allem für seine Geschäftspartner. Jeden Montag beschert Raab Pro Sieben mit seiner Fernseh-Schau "TV Total" Traumwerte in der werberelevanten Zielgruppe: Der Marktanteil bei den 14-bis 29jährigen lag in der vergangenen Woche bei 48 Prozent. Auch der Kölner Produktionsfirma "Brainpool" kam der neue Raab gerade recht. Im letzten Jahr hatte man unter anderem verkraften müssen, daß Cash Cow Harald Schmidt "Brainpool" verließ und die "Harald-Schmidt-Show" nun mit einer eigenen Firma produziert. So schlossen sich der Viva-Moderator ohne Show und die Gag-Spezialisten ohne Comedian in einem Joint-venture zusammen. Sie gründeten die Firma "Metzger Raab TV", verkauften Pro Sieben das Konzept für "TV Total" und quasi sich selbst das Recht, die Sendung in jenem Kölner Lichtspieltheater herzustellen, das Harald Schmidt bis zu seinem Abgang von "Brainpool" als Studio diente.Wer sich an die frühe "Harald Schmidt Show" erinnert, erkennt in "TV Total" sofort die "Brainpool"-Handschrift wieder. Das Raab-Produkt ist ein in seiner Wirkung professionell durchkalkuliertes Spin-off der Harald-Schmidt-Show: Schon dort war die Lust, in dem Meer von Medienprodukten zielsicher das Absurde, Banale, Verquere herauszufinden, der Motor vieler Gags. In "TV Total" wird diese Lust nun systematisch weitergesponnen: Es geht um die absolute und ausschließliche Beschäftigung mit dem Fernsehen.Wenn Stefan Raab am Montag abend bei Pro Sieben mit seinem Opening ins Scheinwerferlicht tritt, scheint unweigerlich Harald Schmidt als langer Schatten hinter ihm auf. Da ist dieses verstärkende "Ja", mit dem er sich selbst unterbricht, oder die Begrüßung der Gäste, die um so übertriebener ist, je unbekannter die Gäste sind. Der Tisch, die Couch, die Einspieler selbst die sittsam gefalteten Hände, wenn es mal schweinisch wird, hat der Jesuitenschüler Raab mit dem Organisten Schmidt gemein. Da das Fernsehen aber sowieso am liebsten sich selbst kopiert (schon Schmidt fing als David-Letterman-Adept an), ist letztlich nicht auszumachen, ob Raabs stilistische Anleihe und sein unübersehbares Schielen auf den Teleprompter nun als bewußtes Zitatwerk verstanden sein will oder nur banaler Hilflosigkeit geschuldet ist.Was Schmidt und Raab unterscheidet, hat mit der Haltung zu tun, mit der sie ihr Publikum amüsieren wollen: "Stefan Raab ist nicht so zynisch, nicht so misanthropisch wie Harald Schmidt", benennt Brainpool-Chefautor Martin Kess die Unterschiede der beiden. Schmidt könne sich zuweilen den politischen Kabarettisten dann doch nicht verkneifen, Stefan Raab dagegen gehört zu jener neuen TV-Generation, die irgendwann beschlossen hat, einfach alles toll zu finden selbst wenn es so blöd ist wie der "Calgon"-Werbespot. Oder um es mit Raab zu sagen: "Ich fahre auf alles ab, was gut gemeint ist."So stromert Stefan Raab nun also seit vierzehn Wochen mit seiner kleinen Ukulele und dem großen Thomas-Gottschalk-Grinsen durch seine Gutmenschen-Gemeinde und zeigt uns begeistert, wie grenzenlos bescheuert jene Fernsehwelt ist, in der, mit der und von der er ja inzwischen recht komfortabel lebt. Das ist die hohe Schule der Selbstreferentialität, wie sie auch Hape Kerkeling beherrscht.Selbstverständlich hält Pro-Sieben-Redakteur Christian Asanger seinen neuen Star dennoch für eine Ausnahme im Busineß, und zwar, weil Raab "nicht so glatt" ist, sondern vielmehr "den Biß" habe, "sogar die eigenen TV-Kollegen auf die Schippe zu nehmen". So sieht man dann, wie Stefan Raab dem Komiker Rudi Carrell ein Ständchen mit dem Text "Wann wirst du endlich wieder witzig?" singt, was allerdings auch nicht witziger oder gar frecher ist als ein Auftritt von Hape Kerkeling vor sechs Jahren. Den Viva-Schlachter hat sich Raab für "TV Total" komplett abgewöhnt. Und so hebt der Metzger Raab seine gelbe "Pfui-Kelle" nur zu Ironiezwecken, gefällt er sich doch inzwischen sehr in der Rolle als größter Schlingel unter den wilden TV-Buben.Raabs durch und durch postmoderne Haltung kommt vor allem bei den jungen Zuschauern an, die ARD und ZDF längst als bigotte Besserungsanstalten durchschauen und die unfreiwillige Komik der Offenen Kanäle als schützenswertes Kulturgut sehen. Die gleichen Zuschauer, die sich so engagiert für Guildo Horns Grand-Prix-Teilnahme einsetzten, spenden jetzt für das Honorar für den Calgon-Spot-Darsteller Dieter Bürgy, damit er bei "TV Total" auftritt.Zwei falsche Sachsen als StarsDas Fernsehen traut sich was, ist die Botschaft von "TV Total". Denn es ist omnipotent. Das Fernsehen in Form von "TV Total" macht Kundendienstmitarbeiter zu Kultfiguren und zwei falsche Chemnitzer zur Popstars. Der Kampagnen-Stil, mit dem Raab seine Running-Gags durchzieht, zeigt Wirkung: Schneller als bei anderen Comedy-Produkten erbauen sich die Stefan-Raab-Fans ihre eigene "TV Total"-Welt. Deren Bewohner chatten im Internet über jedes Detail seiner Sendung, tauschen Bürgy-Videos aus und hypen die "Ö La Palöma-Boys" bis zur Goldenen Schallplatte und Platz 2 in den Charts. Das Fernsehen, so scheint es, ist eigentlich wie Gott: grundgut, weltumspannend, allmächtig. So allmächtig, daß es sogar den Schlächter Raab in den telegläubigen Stefan verwandeln konnte. Wenn das keine moderne Heilsbotschaft ist.