Das ambitionierte Projekt des Architekten Peter Zumthor für die Stiftung Topographie des Terrors wird nicht gebaut (siehe Seite 17). Wir dokumentieren - in Auszügen - die Antrittsvorlesung, die Stefanie Endlich, Honorarprofessorin für Kunst im Öffentlichen Raum, am 26. April an der UdK über Zumthors Entwurf hielt. Endlich gehört dem Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung an.Welches ästhetische Konzept steht hinter diesem Entwurf? In seinem Erläuterungsbericht beschrieb Zumthor seine Leitidee; "eine abstrakte Gebäudehülle zu schaffen, die reine Struktur ist, die keine andere Sprache spricht als die des Baumaterials, der Konstruktion und der einmaligen Nutzung". Diese Deutungen wurden von Presse und Fachöffentlichkeit fast einhellig aufgenommen und wiedergegeben. Vor allem die Charakterisierung als "abstrakter Baukörper", absichtsvoll "sprachlos", vor allem "ohne jegliche Symbolsprache", allein dazu da, "um die historischen Zeugnisse zum Sprechen zu bringen", tauchte in zahlreichen Architektur- und Kunstpublikationen auf. Nun wollte die Topographie des Terrors gerade wegkommen von der symbolischen Überdetermination, die die bisherigen Planungen und Diskussionen bestimmt hatte. In zehnjährigem konfliktreichem Prozess hatte sie ihr Selbstverständnis als Dokumentationszentrum am historischen Ort der Planungszentralen des NS-Terrors gefunden, weg von den ursprünglichen Ideen einer groß dimensionierten Denkmalsanlage auf dem Gelände. Ein "Denkort", keine Gedenkstätte. Für das geplante Neubauprojekt bedeutete dies, dass - wie die Stiftung damals formulierte - anstelle eines aufwendigen und vordergründig symbolhaften Gestaltungsvorhabens ein zurückhaltendes, dezentrales Konzept realisiert werden sollte. Das Neubauvorhaben sollte helfen, das Gelände selbst "zum Sprechen zu bringen".Die auslobende Bauverwaltung favorisierte ein ganz anderes Konzept. Im Blick auf die "Hauptstadtplanungen" in der Zeit nach dem Mauerfall erschienen ihr für dieses wertvolle innerstädtische Gelände die dezentralen Stiftungs-Vorstellungen wenig eindrucksvoll. Dies machte sie während des Wettbewerbs den Teilnehmern gegenüber klar und revidierte damit die ursprünglichen Prämissen. Statt dessen sollte eine markante, ausdrucksstarke Lösung gefunden werden, die sich in ihrer städtebaulichen Präsenz und ihrem architektonischen Profil mit den Nachbarn messen sollte: dem Gropiusbau, dem Abgeordnetenhaus, dem Deutschland- und Europahaus, dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium, jetzt Ministerium der Finanzen, mit der anspruchsvollen Architektur der Internationalen Bauausstellung in den umliegenden Blöcken und mit der zukünftigen Potsdamer-Platz-Bebauung.Der undekorierte SchuppenAuf diesem Hintergrund ist die Entscheidung für Zumthors Entwurf zu sehen; sie wurde gegen das Votum der Nutzer im Preisgericht getroffen. Städtebauliche Ideen erhielten Vorrang vor der eigentlichen Erinnerungsarbeit der Stiftung. Entgegen den Zielen der Auslobung wurde der Entwurf ausgewählt, der von allen Wettbewerbsbeiträgen am stärksten dem von der Topographie des Terrors entwickelten Profil des "offenen Lernortes" widersprach.Zustimmung fand Zumthors Entwurf vor allem, wie bereits erwähnt, wegen seiner Charakterisierung als "abstrakte Hülle". Dies schien dem von der Topographie geforderten sachlichen Blick auf das Thema am ehesten zu entsprechen und jede Gefahr der Übersymbolisierung von vorn herein zu bannen. Auch das von der Jury geprägte und vielfach übernommene Wort vom "Shelter", von der schützenden Hülle, implizierte etwas Unprätentiös-Pragmatisches, ohne großen Aufwand, aus Bauteilen, wie man sie aus der Natur oder aus dem Industriebau schnell und vielfach verwendbar übernehmen kann.Der Bauhistoriker Dieter Hoffmann-Axthelm hatte zum Beginn des Bauwettbewerbs für diesen Ort eine "Strategie der Minimalisierung" gefordert. Ob er damit auch für eine minimalistische Architektur plädierte, ist im Nachhinein angesichts des Zumthor-Entwurfs als Wettbewerbsergebnis schwer zu sagen. Hoffmann-Axthelm polemisierte damals vor allem gegen die angeblich "wohlgemeinte didaktische Vernichtung des Ortes" durch die "BAT II-Arbeitsplätze" der Stiftungsmitarbeiter und deren "Teeküchengemütlichkeit" und forderte stattdessen, der Ort müsse dauerhaft leer, autonom und "radikal offen" bleiben. Weder ein "steinernes Haus" noch eine "technische Architektur" noch eine "expressive, dekonstruktivistische Geste" sei hier angemessen, sondern nur "der undekorierte Schuppen", der bescheiden "eine reine Dienstleistung vollbringt". Der herauspräparierte OrtIn eigenen Interpretationen behauptete Zumthor, sein Entwurf erfülle genau diese Anforderungen. Ein Zitat von vielen: "Entstehen wird ein Gebäude ohne typologisch-semantische Anklänge, bar jeder Gemütlichkeit üblicher Museen. Nur der reine, sozusagen architekturphänomenologisch herauspräparierte Ort wird zu sehen sein.". In der stilübergreifend wirksamen Kunstströmung der Minimal Art wurzeln Zumthors strenge, kompromisslose Vorstellungen über die notwendige Beschaffenheit von Materialität und Konstruktion seines Gebäudes. Den Architekturkritikern gilt er als "Anreger des neuen Minimalismus", und bei der Verleihung des Carlsberg-Architekturpreises lobte die Jury seinen "raffinierten Minimalismus". Beim Entwurf für die Topographie geht es ihm nicht nur ums Schichten und Stapeln, sondern um eine Ästhetik der elementaren, reinen Form, wie sie für die Minimalisten charakteristisch ist. "Unglaublich schön", so Zumthor, soll der Neubau werden. Alle Materialien wie Beton und Glas sind pur belassen. Gewissermaßen heilig sind dem Architekten das ganz spezielle gebrochene Weiß des Betons und die glatten Oberflächen der Sichtbetonstäbe; der lose Kiesboden im Ausstellungsraum, der den Klang der Schritte wiedergibt; und die Lichtführung, ein überall gleichmäßig gefiltertes Streifenlicht, ein "Spiel aus Licht und Schatten" im Sinne einer "japanischen strukturellen Heiterkeit", wie es der Architekt beschreibt. In diesen Grundsätzen und weiteren, die dem ästhetischen Gesamtkonzept entspringen, liegt meiner Überzeugung nach die Weichenstellung für die enormen Probleme, die die bisherigen Versuche der Realisierung begleitet haben. Das ästhetische Konzept, den Betonbau in konstruktiver Hinsicht wie einen Holzbau zu behandeln, hatte zur Folge, dass Zumthors Bau jenseits aller Normen und jenseits aller üblichen Herstellungsweisen einen experimentellen Charakter hat und daher von Sondergenehmigungen und technischen Innovationen abhängig ist.Dabei wird deutlich, dass bei dieser Architektur die Vorstellungen der Nutzer - zum Beispiel über Ausstellungskonzepte, Gedenkstättendidaktik und Gruppenarbeit - nur als Störfaktoren wahrgenommen werden. Museumspädagogik, so Zumthor, sei in diesem Museum eigentlich nicht nötig. Sein Gebäude, die Dokumente und der Ort sprächen für sich, und alle drei sprächen mit dem Besucher, da bedürfe es keiner weiteren didaktischen Vermittlung. Nur bei ihm als "Regisseur" und als "Dirigent" liege die "Zuständigkeit für alle Planungen". Der Autor werde schließlich auch nicht gefragt, ob er den Roman ändern könne! Auch die zuständige Bauverwaltung unterstrich immer wieder, dass Zumthors "Gestaltungskompetenz bis ins letzte Detail unangetastet" bleiben müsse, und missachtete die Wünsche der Nutzer.------------------------------"Entstehen wird ein Gebäude ohne typologisch-semantische Anklänge, bar jeder Gemütlichkeit üblicher Museen. " Peter Zumthor