Steht die Kehrtwendung der Staatlichen Museen bevor? Ein Rückblick, eine Bilanz, ein Ausblick: Zurück auf Start, Geld einziehen und Los!

Das hat selbst die Kühnsten überrascht. Mindestens die Schamfrist von einem Jahr werde der neue Generaldirektor der Staatlichen Museen einhalten, bevor er sich ganz diskret von den immer wieder hart diskutierten Konzepten seines Vorgängers Wolf-Dieter Dube lösen könne. Im August trat Peter-Klaus Schuster, der langjährige Kronprinz, sein Amt an. Vier Monate später, die Dube gewidmete Festschrift "Der Herr der Bauten" ist kaum durchgeblättert, erklärt Schuster die Konzepte dieses Bauherrn für gescheitert, keineswegs diskret, sondern in einem proklamatorischen Interview in der "Zeit", pünktlich zum Start der neuen Kultursenatorin. Die Taktik Schusters zeigt bis in die Gesprächsführung eine Raffinesse, die man in Berlin lange nicht mehr erlebt hat. Mancher, etwa der Direktor der Gemäldegalerie, Jan Kelch, hat Déjà-vu-Erlebnisse, wenn er den Text liest. "Das, was Schuster jetzt zur Politik macht, haben wir damals gewollt und kriegten Disziplinarmaßnahmen angedroht." Schuster will, neben der Sanierung der Museumsinsel und der Gründung neuer Museen für Architektur, Mode, Fotografie, vor allem die Rückkehr der Gemäldegalerie zur Museumsinsel und ihre räumliche Verbindung mit der Skulpturensammlung im Bodemuseum. Ein Neubau auf dem riesigen Hof des benachbarten Kasernengeländes soll dafür entstehen, zugleich ein Verbindungsglied zur Humboldt-Universität; die Ortsalternativen Schloßplatz oder Monbijoupark werden sinnvoll gar nicht erst genannt. Kelchs "Damals", das waren die frühen neunziger Jahre, als die Wiedervereinigung der Berliner Museen geplant wurde. Mit vielen Kollegen kämpfte der damalige Kustos gegen das Konzept der Generalverwaltung unter Wolf-Dieter Dube. Es sah vor, die Staatlichen Museen im Wesentlichen in drei Großkomplexe zu gliedern: Die Kunst der Alten Welt auf der Museumsinsel, die des nachantiken Europas am Kulturforum und die außereuropäischen Bestände in Dahlem. Die Kritiker hielten 1990/91 dagegen, ein solches Schema sei viel zu grob, und die speziellen Qualitäten der Berliner Museen mit ihren kostbaren Bauten seien nicht berücksichtigt. Vor allem bestanden sie auf dem Zusammenhang von antiken und nachantiken Sammlungen sowie auf der Nähe von Gemälde- und Skulpturensammlungen. In den meisten europäischen und amerikanischen Museen sind Skulpturen nur ein Anhängsel, in Berlin hingegen sind sie, reicher vertreten als irgend sonst, ein gleich starker Partner. Statt der geplanten und damals noch nicht begonnenen Neuen Gemäldegalerie am Kulturforum solle also doch besser ein Neubau neben dem Bodemuseum entstehen. Dann würden Antike und Nachantike auf der Museumsinsel weiter verbunden sein, könnten die Skulpturen mit der Gemäldegalerie unter einem Dach stehen. Doch die Generalverwaltung konnte ihr Konzept damals durchsetzen, trotz peinlicher Befragung auf dem Internationalen Kunsthistorikerkongress 1993, trotz vehementer Kritik aus allen Fachkreisen und weiten Teilen der außerberlinischen Öffentlichkeit. Im Sommer 1998 wurde dann die Neue Gemäldegalerie am Kulturforum eingeweiht. Dube hatte sich nicht nur auf die administrative Macht, die ihm zur Verfügung stand, stützen können; auch der größte Teil der Berliner Presse und der lokalen Kulturpolitiker sowie die Berliner Universitäten hielten sich angesichts des bekannten Einflusses der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit Kritik zurück. Vor allem aber gelang es der eigentlich berufenen Opposition, den Mitarbeitern der Gemälde-, der Skulpturen- und der Kunstgewerbesammlung, nicht, ein tragfähiges Alternativprogramm zum Generaldirektionskonzept zu verfassen. Gefangen in der hergebrachten Abteilungskonkurrenz zeigten sie sich vor den abteilungsübergreifenden Problemen unfähig, ein für alle attraktives Alternativprogramm auf die Beine zu stellen. Nach den meisten Oppositionsvorschlägen hätten die archäologischen Abteilungen bluten müssen. Denn viele Kunsthistoriker forderten mindestens für eine Zwischenzeit den Nordflügel des Pergamonmuseums "zurück", wo zwischen 1930 und 1939 nordeuropäische Gemälde und Skulpturen im "Deutschen Museum" ausgestellt waren. Seit 1958 aber sind hier archäologische Bestände zu sehen. Jetzt und wieder fürchtet der Direktor der Antikensammlung Wolf-Dieter Heilmeyer die Neuauflage dieses Interessenkonfliktes, wenn er Schuster vorwirft, eine "Schnapsidee" zu verfechten. Schon in der Direktorenkonferenz im August habe er diese abgelehnt. "Ich finde das skandalös die ganze Finanzierung für die Museumsinselsanierung ist jetzt gefährdet". Nicht zuletzt fürchtet Heilmeyer aber wohl auch den Anspruch des Generaldirektors, das Alte Museum im Obergeschoss dauernd für Wechselausstellungen zu nutzen; bisher sollten hier nach dem Ende der Sanierung der Alten Nationalgalerie die antiken Vasen und Skulpturen einziehen.Schuster ist allerdings vorsichtig. Zehn Jahre sieht er als Rahmen an, in dem seine Konzepte greifen könnten, und vordringlich ist die Sanierung der Museumsinsel nach dem jüngst verabschiedeten "Masterplan". Dieser sieht eine Quererschließung der Museumsgebäude mit einer "archäologischen Promenade" vom Alten Museum bis zum Bodemuseum und im Zentrum die Abschließung und Überdachung des Pergamon-Forums vor. Eine in sich schlüssige, aber umstrittene Konzeption, die zudem denkmalpflegerisch indiskutabel ist.Schuster hat nicht aus einer Laune diese totale Kehrtwende vollzogen, sie deutete sich in Gerüchten schon seit dem Sommer an. Ist er also nur ein weiterer Berliner Generaldirektor, der sich mit einem Neubau ein Denkmal setzen will? Auszuschließen ist das nicht. Doch reagiert er auf eine Fehlentwicklung, die seit fast einem Jahrzehnt beklagt wird. Die Neue Gemäldegalerie ist zu klein, für den Bau einer Erweiterung oder gar die eigentlich notwendige Skulpturengalerie in der Nachbarschaft wird kein Geld aufzutreiben sein.Die Museumsinsel aber könnte in den nächsten Jahren zum Paradestück nationaler Kulturpolitik aufgebaut werden, hier ließe sich eine Erweiterung durchsetzen. Schuster kennt nicht die Abneigung gegen historistische oder monumentale Architektur, die Dube als Kind der Wiederaufbaugeneration pflegte. Dafür hat er, ein Kind der Wohlstandsgesellschaft, verstanden, dass nur die Spezialitäten sich gut verkaufen lassen. Die Berliner Museumsspezialität aber sind die Bauten, ist die enzyklopädische Tiefe der archäologischen, kunsthistorischen und ethnologischen Sammlungen und ihre Verzahnung miteinander. Erstmals werden sie nun gleichberechtigt in den Vordergrund der Museumsplanung gestellt. Die Berliner Museen hatten Zeit ihrer Geschichte immer Glück: aufgewachsen aus provinziellem Niveau zu Weltbedeutung, mit einzigartigen Gebäuden gesegnet. Nach dem Krieg kamen die verloren geglaubten Kunstschätze weitgehend wohlbehalten zurück, zur turbulenten Vereinigungszeit hatte man einen starken Generaldirektor, der die Institution zusammenhielt und die Sammlung Berggruen hoffentlich dauernd nach Berlin holte. Und nun die Chance, noch einmal und gründlicher zu planen als 1991.