ZÜRICH. Sage noch jemand, Despoten seien unbelehrbar. Aus China kam unlängst die Nachricht, die kommunistischen Parteibonzen hätten den Versuch aufgegeben, bei den Olympischen Spielen 2008 mit Überschalljägern und anderer militärischer Hypertechnik für wohliges Wetter zu sorgen. Sogar Joseph Blatter muss sich derzeit dem Wetter beugen, noch. Am Dienstag regnete es, als seine folgsamen Schäfchen, die er stets als Familie bezeichnet, die neue Fifa-Zentrale, einen 240 Millionen Euro teuren Prachtbau einweihten. Am Mittwoch strahlte die Sonne, als sich die Familie des Walliser Bergbuben im Zürcher Hallenstadion versammelte. "Wir haben um gutes Wetter ersucht", säuselte Blatter, "aber im Himmel haben sie gesagt: Regen ist auch ein Geschenk an die Fußball-Familie."Das war die einzige Unstimmigkeit an jenem Nachmittag, an dem Blatters Krönungskongress eröffnet wurde, der in den Fifa-Annalen als 57. Vollversammlung aller Nationalverbände geführt wird. Am Donnerstag werden die Schäfchen ihrem edlen Hirten für weitere vier Jahre das Vertrauen aussprechen. Wahrscheinlich wird das per Akklamation geschehen, vielleicht aber lässt Blatter doch abstimmen, damit er hinterher sagen kann, er sei gewählt worden. Es gibt, und das ist neu für ihn, keinen Gegenkandidaten. Zwei seiner wichtigsten Gefolgsleute, der asiatische Fußballpräsident Mohamed Bin Hammam (Katar) und der nordamerikanische Ticket-Dealer Jack Warner (Trinidad), sind kürzlich in ihren Kontinentalverbänden offiziell gewählt worden: Tatsächlich aber entschieden die Exekutivkomitees nach den jeweiligen Nominierungsfristen aus Mangel an Alternativen.Die Brisanz des Krönungsaktes am Donnerstag ist gering. Jegliche Diskussionen wurden resolut beendet, und einer, der nicht begriffen hat, wie es läuft im Reiche Blatters, musste am Mittwochnachmittag seine Karrierehoffnungen beenden: Der Schotte John McBeth wird wie erwartet doch nicht Fifa-Vizepräsident. Stattdessen nominierten die vier britischen Verbände, die traditionell einen Stellvertreterposten in der Fifa einnehmen dürfen, als Ersatz den Engländer Geoff Thompson. McBeth hatte vor einigen Tagen den unverzeihlichen Fehler begangen, Blatter zu kritisieren - vielleicht sollte man treffender formulieren: McBeth sagte die Wahrheit, als er Blatter als Trickser und Schlitzohr bezeichnete. Das weiß mittlerweile zwar die ganze Welt, doch so etwas gehört sich nicht in der Fifa unter den edlen Menschenfreunden, Friedenswahrern und unvergleichlichen Altruisten.Noch während der Kongress eröffnet und die langjährigen Blatter-Kritiker Lennart Johansson (Schweden) und David Will (Schottland) jeweils zu Fifa-Ehren-Vizepräsidenten ernannt wurden, verschickte der Weltverband eine Pressemitteilung, in der die Personalie McBeth routiniert abgehandelt wurde: "Thompson übernimmt dieses Amt anstelle von John McBeth (Schottland), dessen Mandat infolge kontroverser Medienaussagen zu mehreren Themen des Weltfußballs von den vier britischen Verbänden zurückgezogen wurde." So schnell geht das, rasant kann fallen, wer sich nicht den Regeln unterwirft.Blatter verkauft die Entscheidung gegen McBeth natürlich als gelebte Demokratie. Schließlich sei sein Verband völlig dem "Geist der Solidarität und dem Geist des Fairplay" verfallen, wie er am Mittwoch wieder säuselte. Und noch eine verbale Kostprobe des Weltverbesserers: Er rechnete vor, dass er ja nicht nur über eine Viertelmilliarde aktive Fußballer gebiete. "Mit allen Familienangehörigen dieser Spieler sind das eine Milliarde Menschen! Und eine Milliarde Menschen können unsere Welt nicht im Stich lassen!"Liebe Grüße an die FisaEiner aus diesem Milliardenvolk, ein ganz besonders inniger Blatter-Jünger, wurde für seine ans debile grenzende Treue nun mit der Fifa-Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet: die deutsche Skandalnudel Gerhard Mayer-Vorfelder. MV wandte sich mit brüchiger Stimme an Blatter und seine Kameraden in der riesigen Halle: "Ich war immer stolz auf die Tätigkeit in der Fisa." Damit ließ er seine Genossen einigermaßen verblüfft zurück. Fisa? Meinte Mayer-Vorfelder den Ruder-Weltverband? Oder den Automobil-Weltverband? Oder vielleicht doch die Fifa, nicht die Fisa? Egal, man hat sich an verbale Brüchigkeiten des Schwaben längst gewöhnt. Es kommt nun auch nicht mehr drauf an, irgendwas wird er schon gemeint haben.------------------------------AkklamationJoseph Blatter kann bei der Wahl zum Fifa-Präsidenten am Donnerstag in Zürich mit einer Bestätigung im Amt per Akklamation rechnen. Unter Akklamation (lateinisch: acclamatio, Zuruf) versteht man die Wahl eines Kandidaten per Zuruf, Handzeichen oder Applaus der Delegierten.Im römischen Reich wurden siegreiche Feldherren auf dem Schlachtfeld per Akklamation zum Imperator ausgerufen. In der katholischen Kirche wurde die Möglichkeit der Papstwahl per Akklamation 1996 von Papst Johannes Paul II. abgeschafft. In Diktaturen sind Abstimmungen per Akklamation üblich.------------------------------Foto: Kandidat ohne Gegner: Die Wiederwahl von Fifa-Präsident Joseph Blatter in Zürich ist reine Formsache.