Sterbehelfer Hans Henning Atrott erhielt Bewährungsstrafe wegen unerlaubten Handels sowie Steuerhinterziehung: 3000 Mark für eine Kapsel Zyankali

Zu einer Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung und 40 000 Mark Geldbuße ist gestern Hans Henning Atrott vom Augsburger Landgericht verurteilt worden. Das Gericht sprach den früheren Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DSHG) schuldig, weil er unerlaubt mit Zyankali gehandelt und Steuern hinterzogen hatte.Ein umfassendes Geständnis Atrotts, das von seinem Verteidiger Steffen Ufer während des eintägigen Prozesses verlesen wurde, hatte der Verhandlung ein rasches und unspektakuläres Ende beschert. Der 5Ojährige Soziologe bekannte sich darin dazu, Zyankali verkauft zu haben. Einkünfte aus diesem Handel habe er der Steuer verschwiegen. Diese "Geheimniskrämerei" sel nötig gewesen, damit die von ihm propagierte Sterbehilfe überhaupt möglich war, heißt es in der Erklärung.3 000 Mark seien der gängige Preis für eine Zyankalikapsel gewesen. Manchmal habe er es aber auch teurer (bis zu 9000 Mark) oder zum "Sozialtarif" gemacht, räumte der Gründer der Sterbehilfe-Gesellschaft ein. Insgesamt soll Atrott so einen Gewinn von 467 000 Mark erzielt haben. Bekommen hätten jedoch immer nur "todsterbenskranke", verzweifelte Menschen das Gift.Über Jahre hinweg hat Hans Henning Atrott mehr als 130 lebensmüde Menschen persönlich oder über Boten mit dem tödlichen Stoff versorgt. Mindestens sieben Menschen haben damit nachweislich Selbstmord verübt.Bereits 1985 warf der prominente Chirurg und Ärzterebell Professor Julius Hackethal dem damaligen DSHG-Chef vor, "üble Geschäfte mit der Sterbehilfe" zu betreiben. Damals unterlag der Krebsspezialist jedoch in einem Rechtsstreit gegen Atrott und verließ die DSHG.Inge Meysel ist dabeiDie Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben war 1980 von Atrott als "Bürgerechtsbewegung" gegründet worden. Rasch gewann sie bundesweit entschiedene Anhänger, derzeit rund 60 000 Menschen.Unter Ihnen Ist auch die Schauspielerin Inge Meysel. Sie trage immer eine Giftkapsel bei sich, bekannte die prominente alte Dame mehr als einmal öffentlich. Denn sie wolle selbst bestimmen können, wann es mit ihr zu Ende geht.Die DSHG pfusche den Standesorganisationen ins Handwerk, "weil wir den Tod, das Sterben, zurück in die Hände der Laien geben wollen", kommentierte Atrott Anwürfe von erbitterten Gegnern der Organisation. Oberstes Ziel der DSHG war es zu Atrotts Zeiten, das Selbstbestimmungsrecht der Patienten im Sterbeprozeß durchzusetzen. Der Mensch solle das freie Verfügungsrecht über sein Leben haben, damit auch das Recht auf den Freitod. Die Organisation forderte desweiteren eine gesetzliche Regelung der passiven und aktiven Sterbehilfe sowie humanere Bedingungen für die Sterbenden in den Krankenhäusern.Ende Januar 1993 war Hans Henning Atrott festgenommen worden. Er war auf ein mit Polizeihilfe inszeniertes Scheingeschäft hereingefallen. Einer todkranken Frau sollte für 3 000 Mark Zyankali verkauft werden. Atrott wurde nach seiner Festnahme von der DSHG ausgeschlossen. Der neue Präsident der Gesellschaft, Herrmann Pohlmeier, zog alsbald Atrotts Informationsbroschüre aus dem Verkehr. Sie hatte mehrfach für Schlagzeilen gesorgt, da sie unter anderem Anleitungen zur Selbsttötung enthielt.GesetZliches Verbot Tötung auf Verlangen ist in Deutschland gesetzlich verboten, wird jedoch im Vergleich zu anderen Tötungsdelikten mit geringerer Strafe belegt. Mediziner orientieren sich an der Richtlinie der Bundesärztekammer, die 1993 aktualisiert wurde. Danach ist "Erhaltung des Lebens" oberstes Ziel Ihres Tuns. Allerdings sind Ärzte berechtigt, "denkbare medizinische Maßnahmen" zu unterlassen, wenn es nur noch darum geht, "das Sterben zu verlängern", so Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar.Hans Henning Atrott hat das gestrige Urteil gegen ihn angenommen. Das Urteil wegen Steuerhinterziehung sei rechtens. Er plane, In den Vorstand der DSHG zurückzukehren. Für etwa zwei Jahren wolle er sein Amt als Präsident der Gesellschaft wieder übernehmen.Hans Henning Atrott gestern Im Gerichtssaal. Foto: Reuter