Sterbehilfe in Belgien: Der eigene Wille zählt

Brüssel - Die Debatte verlief erstaunlich ruhig. Anders als noch zwölf Jahren. Damals hat Belgien heftig darüber gestritten, die Sterbehilfe für unheilbare Kranke zu legalisieren. Gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche. Gegen eine „krebsartige Entwicklung“, wetterte damals Kardinal Godfried Danneels und verwies auf zwei unterschiedliche Weltanschauungen, einer, „in welcher der Mensch sich selbst zum Herr erheben will und einer, in der noch Platz für Gott und Metaphysisches ist“. Danneels Zorn hat wenig gebracht. Das katholische Belgien führte 2002 ein Gesetz zur Sterbehilfe ein.

Seither nimmt die Zahl der Fälle stark zu. Entschieden sich im Jahr 2003 noch 385 unheilbar Kranke dafür, mit ärztlicher Hilfe freiwillig aus dem Leben zu scheiden, waren es fünf Jahre später schon 704 Patienten. Als erstes Land der Welt will Belgien nun sogar die Sterbehilfe für Minderjährige erlauben. Die zweite Kammer, der Senat, billigte das Vorhaben kurz vor Weihnachten. Das Parlament soll dem Gesetz im Februar zustimmen. Ausgenommen sind psychische Leiden und todkranke Babys. Ansonsten sieht das Gesetz vor, dass „Kinder, die sich in einem medizinisch aussichtslosen Zustand befinden“, um Sterbehilfe nachfragen können. Einzige Voraussetzung: Ihr Entwicklungsstand muss sie in die Lage versetzen, die Folgen ihrer Entscheidung abschätzen zu können.

Darüber wogt eine ethische Debatte. Rik Torfs, Direktor der katholischen Universität Leuven und ehemaliger christdemokratischer Politiker, sprach in der Zeitung Standaard von einem „tödlichen Paradoxon“ und führte aus: „Es geht um Kinder, die per Definition nicht über eine reife Willensbekundung verfügen, obwohl das bei der Entscheidung zur Sterbehilfe eine entscheidende Voraussetzung ist.“ Noch ein Argument nannte der Kirchenrechtler Torfs. Kinder würden Schmerz anders wahrnehmen als Erwachsene. „Kinder können den Schmerz, den sie spüren, nicht relativieren.“

Beim Nachbarn in den Niederlanden machte sich Unmut breit. „Wer stoppt den Sterbehilfezug?“, fragte Baronesse Hilde Kienboom, die Vorsitzende des katholischen Vereins St. Egidio und sprach von einer „neuen Form von Barbarei: der kollektiv bejubelten Selbst-Auslöschung von kranken und schwachen Menschen“.

Katholisch geprägt

Solche Ausfälle in einer höchst sachlich geführten Debatte sind selten. In Belgien. Und auch in den Niederlanden. Das Debattieren über die Sterbehilfe führt zum öffentlichen Reden über den Tod. Mitunter mit bizarren Auswüchsen. So ersuchte im Frühjahr ein 44-jähriger Belgier nach einer missglückten Geschlechtsumwandlung um Sterbehilfe. Sein Wunsch wurde ihm gewährt. Und der Medizinnobelpreisträger Christian De Duve setzte sich im Mai im Alter von 95 Jahren eine Giftspritze. Als Vermächtnis hinterließ er der Zeitung Le Soir ein bemerkenswertes Interview. „Es wäre eine Untertreibung zu sagen, ich hätte keine Angst vor dem Tod. Aber ich fürchte mich nicht vor dem was kommt, denn ich bin nicht gläubig. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Es wird nichts bleiben.“

Nun, das ist untertrieben. Denn immerhin bleiben seine bahnbrechenden Forschungen zu Zellphysiologie. Aber die Debatte um Sterbehilfe ist diese Diskussion doppelt interessant. Im Gegensatz zu den calvinistischen Niederlanden ist das Land katholisch geprägt. Und doch geht durch das Land ein feiner Riss. Im nördlichen niederländischsprachigen Flandern ist die Sterbehilfe breiter akzeptiert als im südlichen frankophonen Wallonien. Flämische Medien in Belgien berichten gefühlt auch häufiger über die Debatte. Der Standaard etwa erzählte Joris vom Tod seiner krebskranken Frau Annemie. „Ab einem bestimmten Moment, war klar: Es läuft nicht gut. Und dann bat sie um Sterbehilfe.“

Die kann in Belgien auch durch eine Patientenverfügung festgehalten werden, bestätigt von zwei Freunden. Drei Mediziner – darunter der Hausarzt, müssen konsultiert werden. So schreibt es das Gesetz vor.

Die letzten Tage seiner Frau beschreibt Joris so: „Sie verbrachte noch sieben Tage in der Gesellschaft von Freunden, Familie, Kindern und Enkelkindern. Sie hat in ihren letzten Tagen noch auf eine ganz andere Art und Weise mit uns sprechen können. Es tat ihr gut. Zum Schluss war sie so schwach, dass sie nicht mal mehr Wasser zu sich nehmen konnte, dann bat sie darum: ,Ich möchte einschlafen.“ Ihr Wille geschah.