Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann über die Planspiele um die Berliner Museumsinsel: Die Rückkehr der Gemälde

Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Berliner Museen, überraschte in der vergangenen Woche mit der Ankündigung, dass die Gemäldegalerie vom Kulturforum an ihren angestammten Platz auf der Museumsinsel zurückkehren soll. Die umstrittene, auch aus den eigenen Häusern heftig bekämpfte Standortentscheidung seines Vorgängers Wolf-Dieter Dube wird damit rückgängig gemacht. Der erst im Sommer 1998 eröffnete Neubau soll die Kunst des 20. Jahrhunderts aufnehmen. Es gab enthusiastische Reaktionen von der Presse und aus der Kunstwissenschaft. Schusters Plan bedeutet nichts weniger als die Rückkehr zur großen Tradition der Berliner Museen, die im 19. Jahrhundert in einzigartiger Weise Altertum und Nachantike, Abendland und Orient auf der Museumsinsel vereinigten. Wir befragten Klaus-Dieter Lehmann, den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, zu den Hintergründen und Realisierungschancen dieser Museumsvision. Das Gespräch führte Sebastian Preuss.Herr Lehmann, wie weit waren Sie an der ungeahnten Kehrtwende in der Berliner Museumspolitik beteiligt?Ich war seit Sommer an allen Gesprächen hierüber beteiligt, die in der Stiftung geführt wurden, und wusste natürlich auch von Peter-Klaus Schusters Interview in der "Zeit". Wir haben ein sehr enges Arbeitsverhältnis. Ich möchte aber erklären, warum ich das Angekündigte nicht als Kehrtwende empfinde. Als ich kam, gab es für die Museumsinsel noch die sehr langfristige, mit zwanzig Jahren rechnende Planung. Dann haben wir den Masterplan Ende Februar innerhalb der Stiftung verabschiedet und baufachlich noch einmal alles untersucht. Wir kamen zu dem Ergebnis, dass man auch in zehn Jahren auf der Museumsinsel alles fertig stellen kann; die folgenden Monate waren harte und konsequente Lobby-Arbeit. Im Juni hat der Stiftungsrat dem Masterplan zugestimmt, das heißt zehn Jahre Bauzeit bei einem Etat von rund zwei Milliarden Mark.So weit war die Vorbereitung, als im Sommer Peter-Klaus Schuster nach Berlin kam. Nun wurde diskutiert, ob eventuelle Änderungen etwa im Bodemuseum den Masterplan tangieren würden. Es zeigte sich sehr schnell, dass dieser Bestand hat und wir die Zehnjahresplanung nicht zu ändern brauchten. Insofern ist die jetzige Planungsarbeit keine Kehrtwende, sondern eine Weiterentwicklung. Eine Änderung in der Belegung betrifft das Alte Museum, wo ein Schaufenster für alle Museen der Stiftung entstehen soll, ein interessanter Einstieg für die Museumsinsel mit wechselndem Angebot. Das ist aber kein baufachlicher Eingriff.Aber es ist doch eine ideologische Kehrtwende, zurück zu Wilhelm von Bode, zu Humboldt und zum universalen Museumskonzept des 19. Jahrhunderts.Sie haben Recht, was die Zielsetzung, die Argumente und zusätzlichen Aspekte betrifft. Aber das Entscheidende ist, dass es zu keiner Konfrontation kommen muss und kann, wie etwa in den frühen neunziger Jahren. Es ist vielmehr eine lineare Entwicklung auf der Grundlage des bisher Erreichten. Das Bodemuseum erhält nach der Zehnjahresfrist, wenn die Finanzierung zustande kommt, diese Möglichkeit, dass wir es jenseits des Kupfergrabens fortsetzen können.Durch das Kasernengelände haben wir nun die Chance, die Vision weiterzudenken. Hierin liegt eine zusätzliche Qualität des Masterplans. Wir brauchen keine neuen Beschlüsse, können aber gleichzeitig ferner liegende Perspektiven entwickeln und in die Öffentlichkeit tragen. Wir haben Bausteine, die man zusammensetzen kann. Daraus ergibt sich dann das, was Schuster einen "milden Bode" nennt.Das heißt, der Neubau für die Gemälde ist in den genannten zwei Milliarden nicht enthalten?Nein, wenn Sie so wollen, ist es ein Masterplan II.Was ist dann in nächster Zukunft im Bodemuseum zu erwarten?Es wird 2004 eröffnet, so wie geplant, nämlich für die Skulpturen mit einem Anteil von Gemälden. Aber die Gemäldegalerie bleibt in ihrer vollen Schönheit am Kulturforum zunächst bestehen. Der Begriff der Kehrtwende suggeriert hier fälschlich, dass am Masterplan etwas geändert wird. Erst nach zehn Jahren plus x wird der Umzug der Gemälde überhaupt diskutiert werden können.Also wird zuvor im Bodemuseum ein weiteres Provisorium entstehen?Wir haben zwar Abstand von der reinen Skulpturengalerie genommen, aber es wird noch nicht das erweiterte Panorama, das wir letztlich anstreben.Der Neubau der Gemäldegalerie verschlang gerade erst über 280 Millionen. Wie realistisch ist es, einen zusätzlichen Museumsbau auf dem Kasernenhof durchzusetzen, der zwar kleiner, aber mindestens so aufwändig sein müsste wie sein Vorgänger am Kulturforum?Der Bau am Kulturforum ist ja eine Großtat, die man würdigen muss. Er bot die Chance, die Gemälde aus Dahlem und Mitte wiederzuvereinigen. Ob am richtigen Ort oder nicht, die Gemäldegalerie ist für die nächsten Jahre fraglos ein Glanzpunkt. Sie kann später ohne große Veränderungen auch die Kunst der Moderne aufnehmen. Insofern war das Geld nicht herausgeworfen. Ist ein Neubau der Gemäldegalerie durchsetzbar? Ich möchte es so formulieren: Er ist erstrebenswert.Christoph Sattler, der Architekt der Gemäldegalerie, soll außer sich sein über Schusters Ankündigung. Und man fragt sich, ob die Berliner Bestände der Moderne diesen Bau tragen können.Wir haben eine Vision, die in erheblicher Ferne liegt. Schuster hat sie wie eine Leuchtrakete aufscheinen lassen. Alle haben nun Zeit, sich über Qualitäten von Sammlungen und über Finanzierungen Gedanken zu machen. Die Moderne kann mit Hilfe von Mäzenen und Sammlern weiter vervollständigt werden.Hätte man nicht eine Zwischensituation, wie sie die Gemäldegalerie am Kulturforum einnimmt, auch im Bodemuseum haben können? Wilhelm von Bode hat in dichterer Hängung hier recht viel untergebracht.Es gibt heute andere Sichtweisen der Besucher. Wir können nicht die Museumskonzeptionen konservieren. Wir erhalten die Häuser, aber Sammlungen müssen auch in einer zeitgenössischen Form präsentiert werden. Wäre ich an Wolf-Dieter Dubes Stelle gewesen, hätte ich auch in jedem Fall so gehandelt, die Gemäldegalerie neu zu bauen, weil die Planung sehr weit und das Geld vorhanden war. Wir haben dadurch Optionen gewonnen und können nun auch über Varianten nachdenken. Im Bodemuseum haben wir im Rahmen des Masterplans darauf geachtet, dass klima-, sicherungs- und lichttechnisch auch Gemälde untergebracht werden können. Hier konnte ich nach meinem Amtsantritt noch einwirken.Wie ist mittlerweile die besitzrechtliche Situation auf dem Kasernenhof?Ein Drittel des Geländes kann von der Stiftung Preußischer Kunstbesitz für Depots, Verwaltung, Restaurierung und einen Teil der Gemälde genutzt werden. Bei der Planung und Finanzierung kommt es in den nächsten Jahren auf unsere Überzeugungsarbeit an.Fortsetzung auf Seite 14 von Seite 13 // Nicht alle Direktoren sind so begeistert wie Jan Kelch von der Gemäldegalerie. Wolf-Dieter Heilmeyer, der Herr über die antike Kunst, hält Schusters Vorstoß für eine "Schnapsidee".Ich verstehe natürlich, dass die Stellung zu solchen Plänen differenziert ist. Man muss alle Argumente abwägen und daraus einen Konsens entwickeln. Die Antikensammlung ist von dem "Schaufenster" im Alten Museum unmittelbar betroffen, es müssen nun im Neuen Museum entsprechende Ersatzflächen gefunden werden. Wir werden hier die Belegungspläne nochmals durchgehen. Das bedeutet aber keine baulichen Veränderungen.Wenn nun tatsächlich umstrittene Entscheidungen der frühen neunziger Jahre neu überdacht werden, ist das nicht der Zeitpunkt, erneut ganz große Visionen anzustimmen? Wäre nicht der verwaiste Schlossplatz der würdigste Ort, Deutschlands Schatzinsel zu erweitern?Ich bin ein pragmatischer Visionär. Ich bedenke die Abfolge der Schritte und frage mich, wie man etwas realisieren kann. Der Masterplan bleibt für mich die Leitlinie der nächsten zehn Jahre, alles andere liegt jenseits dieser Periode. Nur so haben wir Planungssicherheit. Und wer die Bausubstanz der Museumsinsel und ihre Schäden kennt, weiß, dass jedes Jahr der Verzögerung verantwortungslos ist.Wie wirkt sich aus, dass die Unesco die Museumsinsel zum Weltkulturerbe deklariert hat? Wie verträgt sich dies etwa mit den Plan, den Ehrenhof von Messels Pergamonmuseum zu überdachen?Die Unesco-Richtlinien sind nicht härter als die Maßstäbe der Berliner Denkmalpflege, die wir von Beginn an in die Planungsgruppen einbezogen haben. Der Ehrenhof ist derzeit noch ein offener Punkt, da müssen wir noch Überzeugungsarbeit leisten. Unter das Glasdach sollen ägyptische Großplastiken. Im Frühjahr 2000 werden wir den Architektenwettbewerb für das Pergamonmuseum ausschreiben. Ich bin überzeugt, dass eine Lösung zu finden ist. Denn die technischen Möglichkeiten heutiger Glaskonstruktionen erlauben die Überdachung, ohne den Gesamteindruck zu stören.Nach 1989 beging man den großen Fehler, die beiden Staatsbibliotheken nicht an einem Ort zu vereinigen. Das Musical-Theater hinter der Staatsbibliothek ist nun in bedrohlicher Finanznot. Sehnt sich der Bibliotheksstratege in Ihnen danach, hier wie Peter-Klaus Schuster ebenfalls eine epochale Fehlentscheidung neu zu überdenken?Da schlägt bei mir wieder der Pragmatiker durch. Wir sind mit der Staatsbibliothek tatsächlich so weit, dass wir eine häuserübergreifende Lösung gefunden haben, die sowohl von den Benutzern wie auch von den Mitarbeitern getragen wird. Im März kann der Zuschlag an den Architekten für den Altbau Unter den Linden erteilt werden. Epochale Lösungen lassen sich nur am Reißbrett neu planen. Wir mussten aber auf historische Substanzen und Strukturen reagieren. Kommt man hier zu einem verträglichen Ergebnis, ist das eine gute Bilanz."An Dubes Stelle hätte ich auch in jedem Fall die Gemälde- galerie am Kulturforum gebaut. " Klaus-Dieter Lehmann