Flower-Power im Lichtgewand: Die kapriziöseste aller Leuchten ist eine Dame in den besten Jahren und eine robuste dazu. Mit einem barschen Rups! zupft Günter Ssymmank die Blätter von der zarten Lichtspenderin. Klack! schmeißt er sie auf den Boden, stellt Reflektor und Leuchtenkopf bloß. "Sehen Sie, hier blendet nichts. Sie können jedes Teil abnehmen und reinigen. Das nenne ich funktional." "Ssymmank" heißt die pflegeleichte Naturschönheit, und sie ist eine echte Stil-Blüte aus der Berliner Nachkriegsmoderne. Günter Ssymmank, charmante 87, Architekt, Industriegestalter und emeritierter Professor der Technischen Universität Berlin (TU), hat die Leuchte 1959 entworfen. Architekt Hans Scharoun hatte ihn dazu inspiriert. Der war erst sein Professor - und Ssymmank bald sein Assistent. Nichts ist, wie es scheint. So pflanzengleich und effektheischend diese Leuchte auch aussehen mag - die Schönheit der "Ssymmank" kommt von innen. Intensiv hat sich ihr Schöpfer mit der Wahrnehmung von Licht beschäftigt, hat Goethe und Newton bemüht und als Schlosser sämtliche Werkzeuge dafür hergestellt. Europaweit erstmalig verarbeitete er das gerade erfundene elastische Polyamid im Spritzgussverfahren zu Lichtfiltern wie Blütenblätter, die er in eigens dafür entwickelte Farben tauchte. Organisches Design nannte man sowas in den 50er- Jahren. Ssymmank schuf Intelligenz im romantischen Gewand. Nicht die Natur nachahmen wollte er: "Wie die Natur das macht, das hat mich interessiert". Das pflanzliche Äußere ist nicht Kalkül. Innen und Außen bedingen einander. "Von der Natur lernen", das mag Günter Ssymmank noch heute. "Die ganze Erfahrung, die ich habe, verdanke ich im wesentlichen meinem Vater und Scharoun", resümiert er. In Bautzen, wo sein Vater Generaldirektor der Waggonfabrik war, lernte er das Schlosserhandwerk. Anfang der 50er-Jahre floh er aus der DDR nach West-Berlin. Günter Ssymmank, der bei Hans Scharoun an der TU Berlin den Aufbau eines Institutes für Industrielles Gestalten vorantrieb und wenige Jahre später diesen Lehrstuhl auch einnahm, entwarf nicht nur die Blütenleuchte: Wer nämlich die von Scharoun gebaute Philharmonie besucht oder die Staatsbibliothek gegenüber, der schaut in einen mondhellen Himmel aus dicken Schneebällen - Ssymmanks "Philharmonieleuchte I", aus 33 großen und kleinen Polyamid-Pilzen gesteckt. "Darunter sieht man gut aus", sagt Günter Ssymmank und lacht: "Das ist Sonnenuntergangslicht." Beide Leuchten sind seit mehr als 20 Jahren Teil der Sammlung des Museum of Modern Art in New York. Die Blütenleuchte kann man seit Anfang der 80er-Jahre wieder kaufen, dank Ines Franksen, der Inhaberin des Berliner Einrichtungshauses Modus, die auch eine Ausstellung arrangierte. Seit 1998 wird die "Ssymmank" von Mawa-Design bei Potsdam hergestellt. Der Firmeninhaber Martin Wallroth hatte sie auf einer Messe entdeckt und war gleich in einen Strudel von Gefühlen geraten: "Ich war erstarrt vor Ehrfurcht, von Mitleid erfasst und magisch angezogen." Die Blütenblätter gibt es in sieben Farben: blau, rot, gelb, weiß, aprikot, lila und grün. Ein Satz kostet etwa 90, die vollständige Stehlampe 540 Euro; eine Hängeleuchte ist um 180 Euro zu haben. Alle Blätter sind beliebig kombinierbar. Sonderfarben macht Mawa auch gern möglich - das hat allerdings seinen Preis. Die weiter entwickelte "Philharmonieleuchte II" gibt es ebenfalls im Handel. Christian Ssymmank, des Gestalters Sohn, steckt sie zusammen, als Hocker- oder als Hängeleuchte. Günter Ssymmank sitzt im Schein seiner Lebens-Leuchten. Ein heiteres Bild. Seine "Ssymmank" blüht blass auf den Fensterbänken, in Sofaecken, weiß, apricot, pflaumenblau. Überm Esstisch streut die "Philharmonieleuchte" schmeichelhaft Licht. Ssymmank, der hier in jungen Jahren mit einer Reihe kühner Treppenkonstruktionen Aufmerksamkeit erregte, lebt heute hinterm Deich, fern von Berlin. Gerade hat er eine Gartenleuchte konstruiert. Was ist Design heute? "Das ist vor allem modisch", sagt er und stupst seine "Ssymmank" an. Da stählernde Gestänge mit Griff und Schalter gleicht einem Pflanzenstängel, schon gerät der Halm auf dem Spiralfuß ins Wippen. Die zarte Blüte nickt neckisch. Hersteller der "Ssymmank"-Blütenlampe ist Mawa Design, Straße der Einheit 36/Palmhof, 14557 Langerwisch/Potsdam, Tel. (033205) 46 432.