Friedrich II., König von Preußen, vor 1747 porträtiert als Feldherr mit Dreispitz und langem preußischem Soldatenzopf. 
Bild: Stiftung Preussische Schlösser und Gärten

BerlinZöpfe, überall Zöpfe. Mehr oder weniger kunstvoll um den Kopf gewunden oder eingeflochten, paarweise über oder hinten den Ohren ansetzend, optional als Single am Hinterkopf: So sieht man sie auf Laufstegen, in der Schule, im Büro, beim Sport, auf der Party, bei der Demo. Die vielkopierten Kunstwerke auf dem Kopf Daenerys Targaryens, der Drachenmutter aus „Games of Thrones“, beflügelten das Zopf-Revival ebenso wie Greta Thunbergs betont praktische Simpelvariante. Letztere ist gerade Kult – für Gretas junge Fans ein Statement der Zugehörigkeit, für andere Hass- und Spottobjekt.

Auch der Männerzopf taucht hier und da mal wieder auf; im Internet häufen sich Anleitungen zur Herstellung des Kelten- oder Wikingerzopfes in ziviler oder kriegerischer Variante.

Die Zopfwelle hat die vor einem Jahr durch eine Broschüre der Amadeu Antonio Stiftung ausgelöste Debatte über die geflochtene Haartracht kleiner Mädchen (als Zeichen der völkischen Gesinnung ihrer Eltern) quasi verschluckt. Keine Chance, aus dem Zopfe zu schließen, was in dem Kopfe steckt. Es gibt einfach zu viele und zu verschiedene von beiden. Noch dazu ähnelt das vermeintliche NS-Geflecht den Greta-Gebilden bis aufs Haar.

Jedes Haar eine Botschaft

Unbestreitbar transportierten Zöpfe tatsächlich Botschaften, seit es Zöpfe gibt – also seit der Mensch anfing, sich Gedanken über sich selbst zu machen. Überhaupt die Haare: Offenbar achtete schon der Urmensch bei der Gattenwahl auf volles, glänzendes Haar als Verheißung von Gesundheit und anhaltender Vitalität.

Buddhistische Mönche scheren ihren Kopf kahl, um sich aus den Klauen der Eitelkeit, einer Schwester der Schönheit, zu befreien. Aus ähnlichen Gründen rasieren christliche Mönche und Nonnen das Haar bis auf einen Kranz. Orthodoxe Juden erklären mit langen Schläfenlocken ihren innigen Glauben.

Sikhs wiederum tragen ihre niemals geschnittenen, aber sorgsam gepflegten Haare unter dem Turban und bekunden auf diese Weise Respekt für die Schöpfung. Ein Sikh lässt wachsen, was da sprießt, und lehnt sich nicht gegen gottgeschaffene Naturgesetze auf.

Vom altisraelitischen Helden Simson (oder Samson) sagt die Legende, seine übermenschliche Kraft habe in seiner Mähne gesteckt. Ihrer hinterlistig beraubt, verlor er Stärke und Ehre. Die Idee hielt sich: Haarschur soll Ehre und Würde nehmen.

In den Sechzigern hieß es, „lange Haare, kurzer Verstand“. Jugendliche zeigten strähnig Opposition gegen das spießige, verstockte Alte. In der DDR und in der österreichischen Provinz nannte man die Jungs „Gammler“, was auch hieß: Arbeitsscheue.

Aufmüpfigkeit signalisierten die wie Sendeantennen keck seitwärts abstehenden Pippi-Langstrumpf-Zöpfe: Hallo, ich bin antiautoritär. Der Beitrag Berlins zur jahrtausendealten Kulturgeschichte des Zopfes ist nicht unerheblich – und nach preußischer Art in erster Linie praktisch orientiert, mit herzlich geringem Ideologieanteil. Die Rede ist vom Soldatenzopf.

Der Preußenzopf

Die spezielle preußische Variante verordnete Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, 1713/14 seiner Truppe: Auf den Bildern erscheint dieser Zopf wie ein nackter, glatter Rattenschwanz.

Das kam so: Gemäß strengem Reglement war das Haar straff nach hinten zu kämmen, zu einem Zopf zu binden, der dann eng mit schwarzem Seidenband zu umwickeln war. Mit der Standardlänge von 56 Zentimetern reichte das nach unten dünn auslaufende Gebilde ungefähr bis zur Taille. Trat die Mannschaft zu Paraden und Zeremonien an, wurde das Haar, das seitlich in je nach Regiment verschieden geformte und gleichfalls exakt reglementierte Locken gedreht war, weiß gepudert.

Dieser Soldatenzopf war für Offiziere wie für Mannschaften verbindlich und prägte über fast hundert Jahre das Erscheinungsbild der Preußenarmee. Auch die Langen Kerls, das Königliche Regiment der mindestens 1,88 Meter großen Soldaten, trug lange Zöpfe. Die fielen unter den hohen Hauben hervor über den Rücken.

Die bezopften Gestalten beherrschten das Berliner Stadtbild. Das machen andere Ordnungsmaßnahmen des Königs klar: Von 1717 an verlegte er die Kavallerie in die Stadt, wo die Infanterie bereits seit 1680 stationiert war. Berlin wurde zur Garnison. Alte Bürgerrechte samt Selbstverwaltung schrumpften unter der Übermacht des Militärs. Im 18. Jahrhundert diente ein Viertel der Bevölkerung in der Armee. In vielen Städten Brandenburg-Preußens lag der Anteil noch höher. Die Berliner Zivilisten hatten Quartiere für die Soldaten zu stellen. Die Wirtschaft orientierte sich auf den militärischen Bedarf um.

Straßen und Plätze dienten den exzessiven Exerzierübungen, selbst der Lustgarten wurde in einen Exerzierplatz umgewandelt. Dort erwies sich die neue Pflichtfrisur als vorteilhaft: Offen getragene lange Haare waren beim Waffenexerzieren, also beim Einüben des zügigen Waffengebrauchs, hinderlich und sogar gefährlich.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte sich die Flinte als gängige Waffe durchgesetzt. In der zündete ein Funke das Schwarzpulver und aktivierte die Treibladung – brandgefährlich für den Träger losen Langhaars. Diesem pragmatischen Gesichtspunkt folgend übernahmen fast alle europäischen Armeen den Preußenzopf, jedoch oft in reduzierter Form und unter weniger strenger Reglementierung.

Die zuvor übliche üppige Allongeperücke, die adelige Offiziere nach französischem Vorbild   über das Eigenhaar gestülpt hatten (auch um die unästhetischen Folgen der grassierenden und unbehandelbaren Syphilis, also kahle Stellen und Geschwüre, zu verdecken), verbot der allem Französischen abholde Soldatenkönig. Statt prunkvoller Gewänder herrschte nun der schlichte Soldatenrock vor.

Abschneiden!

Friedrich II., genannt der Große, Sohn des Soldatenkönigs, hatte als kleiner Prinz sein schönes blondes Haar in flatternden Locken getragen. Bis sein Vater auch ihn zopfpflichtig machte. Auf dem eingangs abgebildeten Gemälde trägt er noch den extremen Preußenzopf, der ihm vorschriftsmäßig bis zum Hintern hängt. Den alten Fritz zeigen Gemälde dann nur noch mit kurzem Zöpfchen.

Auch in den Armeen wurde der preußische Soldatenzopf nach 1786 schrittweise gekürzt. Nach der Niederlage gegen die napoleonischen Truppen in der Schlacht bei Auerstedt 1806 und dem nachfolgenden Zusammenbruch des preußischen Heeres verschwand der Zopf völlig. Die meisten anderen Armeen Europas hatten ihn schon nach 1804 abgeschafft, Bayern blieb bis 1825 dabei. Den neuen Stil gab jetzt Napoleon Bonaparte vor: fescher Kurzhaarschnitt frei nach Cäsar.

Der alte Zopf war ab, überlebte aber als Redewendung. Alte Zöpfe abschneiden, das heißt: Abkehr von veralteten Ideen, Traditionen, Institutionen. Was aber bedeutet es, wenn aus jungen und alles andere als dummen Köpfen neue Zöpfe wachsen, so wie gerade eben? Zurück in die Zukunft? Es bleibt spannend.