Liebe Leserinnen und Leser, wie Sie sich vielleicht erinnern können, habe ich eine neue Polen-Serie gestartet, die Ihnen die Möglichkeit bieten soll, Osteuropa und vor allem mein Heimatland Polen besser kennenzulernen. Die Resonanz auf meinen ersten Text zum Ostseebad Kolberg (Kolobrzeg) war derart umwerfend, dass ich mich jetzt bestärkt fühle, regelmäßig nachzulegen. Im zweiten Teil dieser Serie soll es um meine polnische Lieblingsstadt Warschau gehen, die Hauptstadt Polens. Diese Liste könnte endlos fortgeführt werden. Wenn Sie Feedback haben oder ich Ihnen bei Ihrer Reiseplanung helfen kann, schreiben Sie mir einfach: tomasz.kurianowicz@berliner-zeitung.de.

Mit dem Zug nach Warschau in 6,5 Stunden

Meine gute Laune beginnt eigentlich immer schon vor der Fahrt nach Warschau, mit der Vorfreude im Berliner Ostbahnhof, bevor am Bahnsteig der Berlin-Warszawa-Express hält. Nach dem Einstieg ist immer das Erste, was ich tue, schnurstracks Richtung Speisewagen zu gehen, mich hinzusetzen, zurückzulehnen, einen Kaffee und ein polnisches Frühstück zu bestellen und die Freundlichkeit des polnischen Bahnpersonals zu genießen.

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Der Kulturpalast in Warschau und eine Skyline als Dekor

Für den Start (und zum Ankommen) rate ich Ihnen zum klassisch-polnischen Rührei mit Schinken und einer Zurek-Suppe. Falls Sie zu den besonders Entspannungsbedürftigen gehören, bestellen Sie gleich zum Frühstück das polnische Schnitzel – es wird in der Speisewagenküche frisch geklopft – und ein polnisches Zywiec-Bier. Bleiben Sie im Speisewagen ruhig die ganze Reise über in Fahrtrichtung sitzen, strecken Sie die Beine aus und genießen Sie nach dem Grenzübergang die Aussicht auf die Felder der verschiedenen Woiwodschaften, auf Polens unbegradigte Flüsse oder die herumpickenden Störche auf den Äckern. Nehmen Sie sich Zeit, lesen Sie eine Zeitung (die Berliner, natürlich!) und genießen Sie die Fahrt, bevor Sie nach etwa 6,5 Stunden am Hauptbahnhof in Warschau ankommen. (Ein Sparpreisticket der Bahn in beide Richtungen kostet etwa 60 Euro.)

Jedes Mal, wenn ich aus dem frisch renovierten Warschauer Hauptbahnhof trete, packt mich die Ehrfurcht. Denn das Erste, was man sieht, ist der trotzig von Stalin platzierte Kulturpalast im Zentrum der Stadt. Das sozialistische Hochhaus, 1955 errichtet, sollte mit dem Empire State Building in New York konkurrieren und war nach 1990 bei vielen Warschauern höchst umstritten. Man wollte das Gebäude abreißen.

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Stadt im Dunkeln, Warschau bei Nacht.

Doch diese Gespräche sind Geschichte. Die Warschauer haben den monumentalen Bau ins Herz geschlossen und sehen ihn als Ikone der Stadt. Jedes Mal, wenn ich in Warschau ankomme, nehme ich mir zehn Minuten Zeit, bleibe vor dem Hauptbahnhof stehen, schaue auf den riesigen Stalin-Bau, der in Moskau stehen könnte, und beobachte das Großstadttreiben, den Verkehr, die Menschenmassen, lasse meinen Blick über die neuen Hochhäuser, die renovierten Altbauten, die vielen Edel-Boutiquen schweifen. Der Anblick wird Ihnen beweisen, wie modern die Stadt geworden ist.

Warschau wächst und verändert sich so schnell, dass Berlin auf mich wie ein verschlafenes Kaff wirkt. Schon der erste Spaziergang zeigt: Warschau ist längst nicht mehr diese graue, triste Metropole, die westliche Besucher in den 1990er-Jahren abgeschreckt hat. Im Gegenteil: Die Stadt ist zum New York des Ostens geworden.

Als Nächstes rate ich Ihnen, zum Café Kulturalna im Kulturpalast zu spazieren, im Kult-Restaurant ein Mittagessen zu bestellen und den langen, salonartigen Raum zu bewundern, der ein wenig an die Innenräume der Berliner Volksbühne erinnert ( https://www.kulturalna.pl/en ). Das Restaurant samt Bar, wo sich die Intelligenzija Warschaus trifft, verfügt über eine Außenterrasse, von der aus man bestens den Puls der Stadt beobachten kann. Die Küche ist international, bietet aber auch ein paar polnische Klassiker (manchmal stehen Piroggen auf der sehr einfallsreichen Speisekarte).

Sie sollten nun zum Einchecken in mein Lieblingshotel gehen, das Hotel Puro im Zentrum der Stadt. Vom Bahnhof und dem Kulturpalast ist es nur wenige Minuten entfernt. Das Design-Hotel, das vor wenigen Jahren eröffnet wurde, kann ich Ihnen nur wärmstens empfehlen. Denn es ist modern eingerichtet und bietet umwerfend gestaltete Zimmer. Von der Dachterrasse haben Sie einen überragenden Blick auf die Stadt. Außerdem bietet das Hotel rund um die Uhr gratis Kaffee, verfügt über eine Sauna und einen Trainingsraum und ist so frisch und einfallsreich eingerichtet, dass man hier am liebsten einziehen möchte. Jedes Mal, wenn ich das Hotel Puro verlasse, bin ich ein wenig traurig (Kostenpunkt: etwa 90 Euro pro Nacht im Doppelzimmer). Alternativ ist das neue Hotel NYX zu empfehlen, das sich in einem neuen Glas-Tower direkt am Bahnhof befindet und über schönste Hotelsuiten in den obersten Stockwerken verfügt (Kostenpunkt: etwa 125 Euro pro Nacht und Suite).

Ein Spaziergang zum Plac Zbawiciela über die Ulica Poznanska

Warschau kann man perfekt zu Fuß besichtigen. Beide Hotels sind ideal gelegen, um die Stadt beim Spazierengehen zu erkunden. Ich gebe Ihnen vorab gleich einen Tipp: Folgen Sie nicht immer den schnellsten Laufrouten über Google Maps, sondern verirren Sie sich ganz bewusst.

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Warschau bei Nacht

Denn Warschaus Faszination besteht gerade darin, dass die Stadt auf den Hauptstraßen im Zentrum ganz anders wirkt als in den Seitenstraßen. Machen Sie den Test! Laufen Sie einmal die zentrale vierspurige Marszałkowska entlang, betrachten Sie die sozialistischen Zuckerbäckerbauten im Stile der Berliner Karl-Marx-Allee und laufen Sie dann spontan links in eine der Seitenstraßen wie die Wilcza, Hoza und später die Poznanska. Sie werden plötzlich charmante Gässchen mit frisch renovierten, prunkvollen Altbauten erleben und sich dann zeitweise an Paris erinnert fühlen.

Man muss wissen: Warschau wurde im Zweiten Weltkrieg von den Nazis komplett zerstört. Der architektonische Flickenteppich, der nach dem Wiederaufbau entstanden ist, gemahnt heute an die Zerstörungsgewalt des Krieges, aber auch daran, dass sich Städte wieder aufrichten und trotz der Wunden neu erfinden können. Mit Blick auf den Ukraine-Krieg hat diese Erkenntnis eine ganz neue Aktualität.

Laufen Sie die genannten Straßen entlang, genießen Sie die Atmosphäre, staunen Sie über die Kontraste und essen und trinken Sie viel! Die polnische Küche ist hervorragend. Gerade die Poznanska-Straße wird Sie überraschen. Denn neben den polnischen Restaurants werden Sie unheimlich viele hippe, koschere, vegane Bistros entdecken. Denn Warschau ist die Hauptstadt des veganen Essens in Europa, auch wenn man klischeehaft vor allem Fleisch erwarten würde. Aber auch hier, versprochen, bietet Warschau einen guten Mix: Sie werden vegane Schnitzel, Sushi oder Burritos probieren können, aber auch die Klassiker der polnischen Küche. Ich verspreche Ihnen: Die Ulica Poznanska, eine meiner Lieblingsstraßen, wird Ihr antiquiertes Warschau-Bild auf den Kopf stellen.

Falls Sie Probleme haben, im Zentrum der Stadt das richtige Restaurant zu finden, können Sie die folgende Auflistung als Orientierung nehmen. Das beste polnische Schnitzel finden Sie im Restaurant Patelnia Patera (Wilcza 29A). Gute Piroggen gibt es im Przegryz (Mokotowska 52). Die besten Cocktails finden Sie im Kita Koguta (Krucza 6/14), im Paloma Inn (Hoża 58/60, cooles Design) oder in der Veles Bar (Nowogrodzka 11, suchen Sie nach der Geheimtür auf dem Hinterhof in der Nähe der australischen Botschaft, nicht aufgeben!).

Ein sehr gutes japanisches Restaurant ist das UKI UKI (Krucza 23/31) mit den besten Ramen-Suppen der Stadt. Falls Sie polnische Hausmannskost präferieren, würde ich Ihnen die Milchbar Prasowy empfehlen. Dort finden Sie alle polnischen Klassiker in relativ guter Qualität zu unverschämt billigen Preisen (Marszałkowska 10/16). Ein Besuch im Prasowy ist auch deshalb sinnvoll, weil die polnischen Milchbars, ein Überbleibsel aus der sozialistischen Zeit, wegen der Inflation langsam aus dem Stadtbild verschwinden. Die Bistros werden vom polnischen Staat mitfinanziert und bieten vor allem den ärmeren Polen eine gute und preisgünstige Verpflegung. Lassen Sie sich von dem Namen „Milchbar“ nicht irritieren. In den Bistros gibt es nicht nur vegetarische Piroggen und diverse Milchprodukte, sondern auch sehr viele und sehr leckere Fleischgerichte.

Der erste Spaziergang sollte am Plac Zbawiciela enden, einem rund gestalteten Platz, der durch Tramgleise geteilt wird und nahezu alle architektonischen Kontraste Warschaus vereint: sozialistische Bauten, die Erlöserkirche im Stil des Eklektizismus oder Gründerzeithäuser aus dem 19. Jahrhundert. Setzen Sie sich bei gutem Wetter in das französische Café Charlotte (Aleja Wyzwolenia 18/2U), bestellen Sie einen Kaffee und ein Croissant und genießen Sie die Flaneur-Atmosphäre.

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Die Erlöserkirche in der Nähe vom Platz Zbawiciela

Warum man in Warschau an der Weichsel schlendern sollte

Gut, dass Sie mit diesem Spaziergang angefangen haben und nicht mit einem Besuch der Altstadt. Denn das historische Zentrum ist natürlich absolut sehenswert, weil es im Grunde eine der besten Altstadt-Rekonstruktionen der Welt ist und deshalb zum Unesco-Weltkulturerbe gehört (die Altstadt wurde nach der Zerstörung durch die Nazis komplett neu aufgebaut, so auch das Königsschloss). Der wahre Kern Warschaus und der Grund, warum ich die Stadt so liebe, ist aber nicht die Altstadt, sondern das Flair in den Seitenstraßen mit den kreativen Restaurants und Cafés und den architektonischen Kontrasten. Die Altstadt sollten Sie trotzdem sehen, die Rekonstruktionstechnik der Polen bewundern und die Flaniermeile Nowy Swiat entdecken. Nehmen Sie sich aber auch genug Zeit, um an der Weichsel entlangzuspazieren. Dort hat die Stadt eine neue Flaniermeile direkt am Wasser errichtet. Besonders im Sommer treffen sich dort die jungen Warschauer (und natürlich nicht in der Altstadt!) und trinken ein Bier oder gehen in eines der Restaurants.

Meine Empfehlung ist das Paloma Nad Wisłą am provisorisch errichteten Museum für Moderne Kunst in Warschau (Wybrzeże Kościuszkowskie 47). Es bietet sehr gute Cocktails, tolle Fisch-Tacos und eine wunderbare Aussicht auf die Weichsel. Verpassen Sie auch nicht die Universitätsbibliothek von Warschau, die sich in der Nähe befindet. Das grüne Gebäude verfügt über ein lichtdurchflutetes Atrium und über ein Dach, das man besteigen kann und auf dem Sie eine grüne Landschaft aus Bäumen und Sträuchern erwartet.

Gerade im Sommer ist der Ausblick auf die Stadt atemberaubend, die Ruhe wirkt entschleunigend. In der Nähe ist auch das Zentrum Nauki Kopernika, das die Lehren von Nikolaus Kopernikus vermittelt (Wybrzeże Kościuszkowskie 20). Falls Sie lieber einen Drink genießen wollen, dann gehen Sie in die wirklich sehr nette Weinbar Winem Powisle (Tamka 37). Das Besondere: Die Weinbar ist auf exzellente polnische Weine spezialisiert. Trauen Sie sich, gehen Sie das Risiko ein und probieren Sie vor allem die Weißweine. Sie werden sich wundern! (Fragen Sie am besten nach einer Flasche vom Weingut Barczentewicz.)

Fahren Sie nach Wola und schauen Sie sich das neue Hochhausviertel an!

Im Grunde könnte man diesen Warschau-Führer, den ich für einen Wochenendtrip konzipiert habe, um mehrere Seiten erweitern. Um Sie nicht zu langweilen, möchte ich noch ein paar Highlights hervorheben, die Sie nicht verpassen sollten. Nach dem Altstadt- und Weichselbesuch sollten Sie auf jeden Fall auf die andere Seite des Flusses gehen, nach Praga, ein Bezirk, der von den Nazis verschont wurde und über sehr viele gut erhaltene Altbauten verfügt. Früher war das Viertel ziemlich heruntergekommen, heute wirkt es gentrifiziert (Steven Spielberg hat sich ebenfalls in den Stadtteil verguckt und große Teile von „Schindlers Liste“ dort gedreht). Sie müssen sich die Entwicklung von Praga so vorstellen, wie es in Berlin-Neukölln geschehen ist: früher arm, heute hip. Schlendern Sie die Zabkowska-Straße entlang und besuchen Sie das Wodka-Museum (Plac Konesera 1). Und ganz wichtig: Essen Sie polnische Klöße in dem äußerst netten Bistro Pyzy, Flaki Gorące (Brzeska 29/31). Wenn Sie abends nicht zu müde sind, planen Sie ein Jazzkonzert ein. Besuchen Sie die Facebook-Gruppe „Jazz w Warszawie“, wo regelmäßig das Jazz-Programm für Warschau gepostet wird, oder schauen Sie sich die Websites meiner Lieblingsjazzläden an: Bardzo Bardzo (Nowogrodzka 11) und Klub SPATiF,  Al. Ujazdowskie 45 (man kann dort auch wunderbar etwas trinken).

Nehmen Sie sich noch einen Tag Zeit und besuchen Sie unbedingt das Museum Polin, das Museum der Geschichte der polnischen Juden (Mordechaja Anielewicza 6). Dort habe ich die Geschichte der Juden in Polen vom frühen Mittelalter bis heute verstehen gelernt, das schwierige Verhältnis zwischen den katholischen und den jüdischen Polen; aber auch die Tatsache vermittelt bekommen, dass Polen für Juden lange Zeit der toleranteste und beste Lebensort der Welt war.

Verpassen Sie auch nicht das neue Hochhausviertel Wola und besuchen Sie das kürzlich neu eröffnete Einkaufszentrum Fabryka Norblina (Żelazna 51/53). Spätestens im Biosupermarkt, der ein bisschen an die Markthalle Neun erinnert, werden Sie Ihre Warschau-Klischees über den Haufen werfen. Die Stadt ist einer der interessantesten und dynamischsten Orte in Europa. Fahren Sie hin, sehen Sie selbst!

Infos

Übernachtungen:

Hotel Puro in Warschau-Zentrum, Widok 9, 00-023 Warszawa, Polen, Tel.: +48 22 899 80 00, ab circa 90 Euro für ein Doppelzimmer exklusive Frühstück, direkte Buchungen mit Rabattangeboten unter https://purohotel.pl/en

NYX Hotel Warsaw, ab 60 Euro pro Dopppelbettzimmer, Chmielna 71, 00-801 Warszawa, Polen, +48 22 346 29 00, vier Sterne, Buchungen unter https://www.leonardo-hotels.de/warsaw/nyx-hotel-warsaw

Hinkommen: 

Es gibt Flüge von Berlin nach Warschau mit der Lot. Das geht natürlich etwas schneller. Aber günstiger und schöner ist der Berlin-Warszawa-Express, der mehrmals täglich von Berlin nach Warschau und wieder zurück fährt. Besuchen Sie unbedingt den Speisewagen!

Essen und Trinken

Polnische Küche: Restaurant Patelnia Patera, Wilcza 29A Milchbar Prasowy, Marszalkowska 10/16

International

Ramen-Suppen: UKI UKI, Krucza 23/31 Französisches Café: Café Charlotte, Aleja Wyzwolenia 18/2U, amerikanische Bar mit sehr gutem Bar-Food: Bar Pacyfik, Hoza 61, Weinbar mit polnischen Weinen: Winem Powisle, Tamka 37, polnische Klöße: Pyzy, Flaki Gorace, Brzeska 29/31, die besten Cocktails finden Sie im Kita Koguta (Krucza 6/14), im Paloma Inn (Hoza 58/60, cooles Design) oder in der Veles Bar (Nowogrodzka 11).

Jazz-Musik und Konzerte:

Besuchen Sie die Facebook-Gruppe „Jazz w Warszawie“, prüfen Sie das Jazzprogramm. Oder schauen Sie sich die Websites folgender Konzertsäle an: Bardzo Bardzo (Nowogrodzka 11) und Klub SPATiF,  Al. Ujazdowskie 45.

Der Autor freut sich über Feedback: tomasz.kurianowicz@berliner-zeitung.de

Hinweis: Diese Serie mit Tipps für Polen wird vom Polnischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.