60 Jahre Intershop: Aus dem Westen was Neues

Nach dem Mauerbau wollte die DDR ihre marode Binnenwirtschaft ankurbeln. Am 14. Dezember 1962 wurde die staatliche Handelsorganisation Intershop gegründet.

Der Laden brummt: November 1977 in einer Intershop-Filiale im Ost-Berliner Luxushotel Metropol.
Der Laden brummt: November 1977 in einer Intershop-Filiale im Ost-Berliner Luxushotel Metropol.dpa/Günter Bratke

Ein beliebter DDR-Witz lautete: „Wo ein Genosse ist, da ist die Partei. Wo 20 Genossen sind, da ist der Intershop.“ Eigentliche Zielgruppe der Läden waren jedoch nicht Einheimische, sondern Besucherinnen und Besucher aus dem Westen. Der erste Kiosk wurde am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin betrieben. Hier befand sich der nur für Westler zugängliche S-Bahnsteig B.

Nach dem Passieren diverser Geisterbahnhöfe stiegen an diesem Knotenpunkt täglich Tausende S- und U-Bahn-Kunden West-Berlins um. An dem neuen, kleinen Verkaufstand besorgten sie sich preiswert Zigaretten. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel schrieb damals, die „Ulbricht-Apparatschiks“ würden den Handel „künftig zu einem einträglichen Geschäft ausbauen“.

Um in größerem Umfang Zugriff auf frei konvertierbare Währungen wie D-Mark und US-Dollar zu erhalten, wurden bald an Grenzübergängen, Flug- und Fährhäfen sowie an den innerdeutschen Transitstrecken weitere Intershops eingerichtet. Reisende aus dem „kapitalistischen Ausland“ konnten hier gegen Westwährung zollfreie Waren kaufen.

Schnell kamen Schmuck und Spielwaren, Kleidung und Kosmetika hinzu

Das anfangs eingeschränkte Angebot von Reiseproviant, Alkohol und Zigaretten westlicher Herkunft wurde zügig erweitert, das Sortiment reichte von Nahrungsmitteln über Kleidung, Spielwaren, Schmuck bis zu Kosmetika, Tonträgern und technischen Geräten. Die Verkaufspreise für diese Waren lagen deutlich unter dem Preisniveau in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlins.

Mit der Eröffnung der ersten Interhotels Mitte der 1960er-Jahre, in denen bevorzugt Gäste aus dem NSW (nicht sozialistischen Wirtschaftsgebiet, DDR-Jargon für westliches Ausland) beherbergt wurden, gab es im sogenannten Zimmerservice gegen Westgeld Intershop-Ware. Vor allem nach dem Transitabkommen von 1971 nahm der Besucherstrom aus dem Westen sprunghaft zu und die Umsätze stiegen, allein im Jahr 1973 auf 277 Millionen D-Mark (knapp 142 Millionen Euro).

Die Qual der Wahl: Auch die jüngsten Kunden machen 1987 im Intershop große Augen.
Die Qual der Wahl: Auch die jüngsten Kunden machen 1987 im Intershop große Augen.Imago

Den Einkauf und Vertrieb für die Intershops organisierte die „Forum“-Außenhandelsgesellschaft m. b. H., sie gehörte zum Bereich Kommerzielle Koordinierung und war somit Teil der Devisenbeschaffung im Imperium Alexander Schalck-Golodkowskis, Oberst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Der Nachrichtendienst observierte regelmäßig die Intershops, oftmals wurden Überwachungskameras eingesetzt und in den Filialen arbeiteten Stasifunktionäre als Verkäuferinnen und Verkäufer.

Zu Diebstählen kam es oft, zu bewaffnetem Raub nur selten

Trotz höchster Sicherheitsvorkehrungen kam es zu zahlreichen Diebstählen und Einbrüchen, in seltenen Fällen sogar zu bewaffneten Überfällen. Häufig gehörten Filialleiter und Angestellte selbst zur Tätergruppe, bei der Aufklärung war neben der Polizei auch immer das MfS beteiligt. Seit den 1980er-Jahren wurde ein Teil des Lohns in Westgeld ausgezahlt, Trinkgelder mussten nach festen Regeln abgegeben werden.

Ein ungewollter Nebeneffekt der Intershops war der – wenn auch begrenzte – Einblick in das Warenangebot des Westens. Der normale DDR-Bürger konnte plötzlich Vergleiche mit dem eigenen Angebot in seinem Konsum oder HO-Laden vor Ort anstellen. Von Levi’s-Jeans und Jacobs-Kaffee durften die meisten nur träumen, denn der Besitz von Westgeld war zunächst verboten und Intershops Tabuzonen.

Neues Zahlungsmittel: Ab dem 16. April 1979 wurden „Forumschecks“ ausgegeben, hier über 50 DM-Pfennig.
Neues Zahlungsmittel: Ab dem 16. April 1979 wurden „Forumschecks“ ausgegeben, hier über 50 DM-Pfennig.Imago

Das änderte sich erst durch einen Erlass des DDR-Ministerrats vom Februar 1974. Bis auf die „Transitshops“ an Autobahnraststätten durften Ostdeutsche nun auch in die bunte Welt der Westwaren eintauchen. Etwas kaufen konnten sie allerdings nur, wenn sie über Valuta verfügten, das bedeutete, entweder es gab Verwandte oder Freunde im Westen oder „gute“ Kontakte zu hohen Parteifunktionären.

Bis heute hält sich das Gerücht, es habe spezielle Duftsprays gegeben

„Der Osten roch einfach nicht besonders gut“, erinnert sich Uwe Hassbecker, Mitglied der Ost-Rockgruppe Silly. „Dann sind wir da rein, und da war nur noch die große weite Welt.“ Hartnäckig hält sich bis heute das Gerücht, die Bediensteten der Intershops hätten vor Öffnung der Verkaufsstellen mithilfe eines Sprays einen speziellen Duft erzeugt.

Besucher aus dem Westen bemerkten solch außergewöhnliche Wohlgerüche in Intershops allerdings nicht.

Nachdem der Besitz von Westgeld legalisiert worden war, existierte de facto eine Schattenwährung, Westprodukte wurden zu Statussymbolen. Der Unmut im Einheitssozialismus über eine Zweiklassengesellschaft wuchs, Bürger ohne Zugang zu harten Devisen beschwerten sich. Selbst in einem internen MfS-Papier wurde festgestellt, „dass der linientreue Werktätige ohne Westkontakte das Nachsehen hat, wogegen weniger bewusste und negative Elemente Vorzugswaren im Intershop erhalten“.

Da war der Intershop schon Geschichte: 1990 eröffnet ein Beate-Uhse-Shop in ehemaligen Räumen der Kette.
Da war der Intershop schon Geschichte: 1990 eröffnet ein Beate-Uhse-Shop in ehemaligen Räumen der Kette.Christian Schulz

Selbstständige Handwerker gaben Dienstleistungen und rare Ersatzteile nur noch gegen Westmark ab. In Zeitungsannoncen wurden hochwertige Güter einzig gegen „blaue Fliesen“ (Umschreibung für 100-D-Mark-Scheine) verkauft. Im September 1977 nahm SED-Chef Erich Honecker zu den Intershops im DDR-Fernsehen Stellung: „Diese Läden sind selbstverständlich kein ständiger Begleiter des Sozialismus. Wir können aber nicht an der Tatsache vorbeigehen, dass besonders der große Besucherstrom viel mehr Devisen unter die Leute bringt, als dies früher der Fall war.“

Die neuen Gutscheine ähnelten dem Spielgeld beim „Monopoly“

Doch der große Bruder Sowjetunion verlangte, dass die Zweitwährung D-Mark aus dem öffentlichen Leben in Ostdeutschland wieder verschwand. Deshalb wurden ab dem 16. April 1979 „Forumschecks“ ausgegeben, vor einem Intershop-Einkauf mussten DDR-Bürger ihr Westgeld bei der Staatsbank gegen diese Schecks umtauschen. Daneben boten sie den Regierenden den Vorteil, eingeführte Devisen möglichst schnell abzuschöpfen. Und mit dem quasi zinslosen Darlehen – weil nicht alle Schecks sofort eingelöst wurden – sprang noch ein Zusatzprofit heraus, ein Rücktausch war ausgeschlossen.

Die neuen Gutscheine ähnelten dem Spielgeld beim „Monopoly“, die Stückelung reichte von 50 Pfennig bis 500 Mark, wobei die 500er gar nicht in Umlauf kamen. Die Neuregelung wurde aber nicht konsequent verfolgt, schließlich war die Einnahme von Devisen wichtiger als die Erfüllung des Umtauschzwangs. Käufer aus dem Westen zahlten weiterhin in bar.

Gleichzeitig mit den ersten Intershops eröffneten „Exquisit“-Läden für hochwertige und importierte Mode. Für das Gros der Bevölkerung blieb sie unerschwinglich und die Geschäfte nannte der Volksmund „Uwubus“ („Ulbrichts Wucherbuden“). Ab 1976 gab es im „Delikat“ (umgangssprachlich „Deli“) Nahrungs- und Genussmittel aus dem Westen, die sonst nicht angeboten wurden. Im beiden Ketten konnte mit DDR-Mark bezahlt werden, die Preise waren jedoch extrem überteuert.

Bis Ende der 1980er-Jahre bestand das Intershop-Netz aus 380 Filialen, das Geschäft boomte, der Jahresumsatz ging in die Milliarden. Mit dem Fall der Mauer zog über Nacht der Intershop in jede Kaufhalle ein, zusammen mit dem Staat wurden auch alle Intershops abgewickelt.