Dieser schmeichelnde Konturschatten! Frauenbeine in Nylons, Illustration von 1954. 
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BerlinMehrere Blocks weit reichten die Warteschlangen. Die Menschenmenge musste durch Polizeiabsperrungen in Schach gehalten werden, in den Geschäften kam es zu tumultartigen Auseinandersetzungen um die begehrte Ware. Als im Mai 1940 in ausgewählten New Yorker Geschäften erstmals Nylonstrümpfe angeboten wurden, waren sie im Nu ausverkauft. 780.000 Paar gingen über die Ladentheken, landesweit sogar fünf Millionen. Dabei durfte jede Kundin lediglich ein Paar kaufen, mit 1,35 Dollar etwa zehn Prozent teurer als erstklassige Seidenstrümpfe. Nach heutigem Wert entsprach der Preis rund 20 Dollar.

Auf den Markt gebracht hatte die „Nylons“ die US-Firma DuPont. Anfang der 30er-Jahre arbeitete Wallace Hume Carothers als Forschungsleiter bei dem Chemiekonzern und experimentierte mit Polyamiden. DuPont steckte 27 Millionen Dollar in seine Forschungen. Das zahlte sich aus, 1935 ließ er seine synthetisch hergestellte „Wunderfaser“ Nylon patentieren. Zunächst wurde die zähe Masse aus Kohlenstoff, Wasser und Luft namens Polyhexamethylenadipinamid für Zahnbürsten verwendet, bis der Durchbruch mit der Einführung der Nylonstrümpfe gelang.

Wie Seide schimmernd, dabei reißfester

Im Oktober 1939 waren zu Testzwecken 4000 Paar hergestellt und an weibliche Angestellte von DuPont abgegeben worden – mit durchschlagendem Erfolg. Nun begann eine groß angelegte Werbekampagne für die Markteinführung der neuen Feinstrümpfe. Publikumswirksam wurde auf einem Frauenkongress eine bevorstehende Strumpfrevolution angekündigt, auch durch Zeitungsartikel blieb die öffentliche Aufmerksamkeit wach. Ein überdimensioniertes, nylonbestrumpftes Frauenbein „übernahm“ die Werbung.

Durchsichtig, seidig schimmernd, dazu überraschend reißfest, schlagfest und temperaturresistent – diese Attribute veränderten schließlich die Bekleidungsindustrie. Denn bis dahin wurden Strümpfe aus Seide oder Kunstseide hergestellt, teure und anfällige Stoffe. 1940 verkauften sich bereits 36 Millionen Paar Nylonstrümpfe in den USA, im Jahr darauf sogar 100 Millionen.

Ein Mann, ein Stretch: der Chemiker Wallace Hume Carothers mit seiner Erfindung. 
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Im Dezember 1941, nach der Bombardierung von Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, wurde Nylon zum kriegswichtigen Material erklärt, was zu einem Einbruch der Verkaufszahlen führte: 1942 wurden nur noch 54 Millionen Paar verkauft, in den folgenden Jahren fast gar keine mehr. Aber selbst das konnte den Siegeszug der Strümpfe nicht aufhalten.

Denn nach Kriegsende lief die Produktion der „Nylons“ wieder auf Hochtouren an. Der Strumpf avancierte zum unverzichtbaren Accessoire für Mannequins und Filmstars, raffiniert, empfindlich, zart und anschmiegsam. Hollywood-Schönheiten wie Marlene Dietrich, Jane Russell und Rita Hayworth zeigten, wie sexy Frauenbeine in dem neuen Material wirken konnten.

Amerikanische GIs brachten die Nylons auch nach Deutschland. Neben Zigaretten und Schokolade wurden sie zur begehrten Tauschware auf dem Schwarzmarkt und galten in der unmittelbaren Nachkriegszeit als „Bettkantenwährung“. Angeblich bezahlten damals sogar US-Geheimdienste ihre Spione und Informanten damit.

Halt(er)los: ein Pin-up des berühmten Werbezeichners Gil Elvgren aus den 1940ern.
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Die Naht war das wohl markanteste Kennzeichen der ersten Exemplare, hinzu kam das Abschlussloch im Doppelrand, das beim Zusammennähen entstand. Hier wurden die Strumpfhalter der Mieder befestigt, als besonders verrucht galt die halterlose Variante mit Strumpfband. Erst der Einsatz von Rundstrickmaschinen in den 1960ern erlaubte die Produktion von Formen ohne Naht und von Strumpfhosen.

Deren Vorteil: Der Strumpfhalter verschwand, begünstigt wurde dieser Trend durch das Aufkommen des Minirocks. Die neue Mode sprach quasi ein Todesurteil über Nylonstrümpfe. Der Mini war einfach zu kurz – Strümpfe und Strumpfhalter wären allen Blicken freigegeben worden. Deshalb stiegen die meisten Frauen auf Strumpfhosen um.

Heutige Feinstrumpfhosen und Strümpfe lassen sich durch die Beigabe von Elastan ziehen und dehnen, während der klassische Nylon-Nahtstrumpf ein ziemlich starres Maschenwerk war. Daher wurde er mit einer „anatomischen Passform“ hergestellt, die den Wadenschwung imitierte. Die Bezeichnung „Nylon“ stammt übrigens nicht von den Orten New York (NY) und London (lon), wo sich die ersten Produktionsstätten befanden; er setzt sich vielmehr aus dem sinnfreien „nyl“ und der Endung „on“ zusammen, einer geläufigen Endung für Fasern, wie zum Beispiel in „cotton“.

In der DDR blieben sie knapp und teuer

Ursprünglich wollte DuPont als Namen Norun verwenden (no run, keine Laufmasche), hatte dann aber Angst vor Rechtsstreitigkeiten wegen unzulässiger Behauptungen – wie unzulässig, davon können Frauen ein Lied singen. Als Strümpfe und Strumpfhosen noch teuer waren, florierte das sogenannte Repassierer-Handwerk, um die kostbaren Stücke zu reparieren. In der Bundesrepublik verschwanden die meisten dieser Werkstätten schon in den 1970ern. In der DDR, wo Nylonstrümpfe knapp und teuer waren, konnten sich einige noch bis zur Maueröffnung halten.

Kriegswichtig: Eine Amerikanerin spendet ihre Nylonstrümpfe – daraus wurden im Zweiten Weltkrieg Powder Bags hergestellt, Kartuschenbeutel für Munition.
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Noch ein Wort zum europäischen Konkurrenzprodukt: Fast gleichzeitig mit Nylon wurde vom deutschen Chemiker Paul Schlack in den Laboratorien der IG-Farben in Berlin-Lichtenberg das Perlon entwickelt. Die Kunstfaser, ebenfalls aus Polyamid, wird durch Polymerisation von Caprolactam hergestellt. Das hatte der Nylon-Erfinder Carothers bei seinen Tests als unverwendbar abgetan, weshalb DuPont es nicht in seine 130 Nylon-Patente einbezog. Das Angebot der Amerikaner, als sie 1938 auch den Deutschen ihr Nylon zur Lizenz präsentierten, konnten die Berliner daher mit einem Lächeln ablehnen: Ab 1943 wurden auch aus Perlon Damenstrümpfe gefertigt, wegen der Materialknappheit während des Krieges aber kaum produziert.

In der Nachkriegszeit war die Kunstfaser Nylon heiß begehrt bei modebewussten Frauen. Joe Labovsky, ehemaliger Chemiker bei DuPont, meinte gar: „Für ein Paar Nylons hätten Frauen damals ihre Unschuld gegeben.“ Zumindest riskierten einige Damen in der „Schlacht um Nylonstrümpfe Leib und Leben“, wie der Boulevard titelte. Fantasien werden durch Nylons immer noch angeregt – heute wohl nur mehr männliche, nicht mehr ganz taufrische.

Wallace Hume Carothers aber erlebte den weltweiten Erfolg der von ihm geschaffenen Kunstfaser nicht mehr. Schon seit frühester Jugend litt DuPonts Laborstar unter Depressionen, angeblich hatte der frühere Harvard-Professor an seiner Uhrkette stets eine Kapsel mit Zyankali dabei. Am 29. April 1937 beging er damit Selbstmord.