Cool bleiben: Anita Tillmann bei der Pressekonferenz zum Premium-Umzug.
Foto: Neven Allgeier/Frankfurt Fashion Week

Berlin/FrankfurtEs sind die Berliner News der Woche, nicht nur bei den Modemenschen der Stadt: Ab 2021 finden die Messen Premium und Neonyt in Frankfurt am Main statt. Ein schwerer Schlag für das Image von Berlin, aber auch für die Hotels, Restaurants und das Taxigewerbe der Stadt.

Das sind ja schlimme News für Berlin, Frau Tillmann.

Anita Tillmann: Die einen sagen wahrscheinlich, das ist schlimm. Die anderen sagen, ist mir egal.

Wann fiel die Entscheidung für Frankfurt und gab es einen bestimmten Auslöser? Beim letzten Interview mit der Berliner Zeitung deutete sich ja schon eine gewisse Ungeduld mit dem Senat an. Sie sprachen vom Berliner Gefühl, in „einer Stadt zu leben, die nicht regiert, sondern verwaltet wird“.

Dass wir unsere Kräfte bündeln wollen, daran arbeiten wir schon eine ganze Weile. Wie kann man strategisch den Schulterschluss mit der Messe Frankfurt umsetzen, darum ging es. Denn wir brauchen ein neues Narrativ, ein Versprechen an unsere Branche, die davon lebt, sich ständig neu zu erfinden. Dass das den Umzug nach Frankfurt bedeutet, ergab sich erst im letzten Herbst.

Die Premium als Ordermesse ist eine Sache, eine Fashion Week eine andere. In der Pressekonferenz wurde das vermischt. Heißt das, Sie sind nun Chefin der neuen Frankfurter Fashion Week?

Nein, ganz sicher nicht. Es gibt die Position „Chef der Fashion Week“ auch gar nicht. Was eine Fashion Week ausmacht, davon hat interessanterweise jeder seine eigene Vorstellung. Aber in der Mode findet gerade eine große Transformation statt, auch das Format „Fashion Week“ wird neu gedacht werden müssen. Man kommt nicht sofort auf Frankfurt, aber es ist der beste Standort, um weiter zu wachsen, international wettbewerbsfähig zu bleiben und unsere Pläne umzusetzen. Auf jeden Fall ist eine Frankfurt Fashion Week das, was die Stadt Frankfurt möchte, und ich finde das toll.

Was ist die größte Neuerung im Vergleich zu Berlin?

Es geht erstmal um den internationalen Netzwerk-Gedanken. Einladende sind dabei die Stadt Frankfurt und das Land Hessen, die zehn Millionen Euro als Anschubfinanzierung zur Etablierung investieren. Damit wird man zum Beispiel ein hochprofessionelles Guest-&-Buyer-Management umsetzen. Man kann Medienvertreter oder Speaker einfliegen, Talente werden mit neuen Konzepten gefördert und die ganze Stadt wird eingebunden -- jeder wird wissen, dass Fashion Week ist. Alles das, was das Modepublikum sich heute erwartet von einer Fashion Week. Die nicht nur reine Catwalk-Veranstaltung sein soll, sondern ein Konglomerat aus Messen, Events, Catwalk-Präsentationen und natürlich auch Talks und Konferenzen. Das große Thema heißt Content, wie wir es auch in Berlin zuletzt initiiert hatten. Das alles im Zusammenspiel, als ein Miteinander, aus einer Hand orchestriert und kommuniziert.

Diese Hand ist dann ab sofort die Messe Frankfurt AG, richtig?

Frankfurt ist einer der ältesten und größten Handelsplätze in Europa, die Tradition geht 700 Jahre zurück. Auch dadurch ist die Messe Frankfurt fest in der Stadtkultur verankert, als Teil der Innenstadt. Die Messe ist ein Kraftzentrum in mehrfacher Hinsicht, nicht nur ein kommerzieller Player, sondern in das gesellschaftliche Netzwerk der Stadt integriert. Berlin kann da nicht mithalten, da können die Stadt und die Szene gar nichts dafür. Jeder Standort hat eben seine Stärken und Vorzüge. In einer so großen Stadt wie Berlin ist ein Wir-Gefühl wie in Frankfurt einfach nicht herzustellen. Neukölln hat andere Bedürfnisse als Lichtenberg, Tempelhof andere als Marzahn, Prenzlauer Berg andere als Dahlem oder Wilmersdorf.

Dazu kommt, dass Frankfurt infrastrukturell ganz anders aufgestellt ist: Vom Hauptbahnhof ist es eine Station zum Messegelände, vom Flughafen sind es nur 15 Minuten. Es gibt Direktflüge in und aus der Stadt, nach Paris oder Mailand ist es ein Katzensprung, ganz ohne Umsteigestress.

Apropos Paris und Mailand – als Modestadt gilt Frankfurt ja nicht gerade.

Da kann man im Fall von Berlin aber auch geteilter Meinung sein. Im Ernst: Die Wertschätzung für Mode und die Freude daran, die sind riesig groß in Frankfurt. Auch in der Politik gibt es hier dieses Gefühl: Wir sitzen alle mit in einem Boot. Das geht quer durch die Parteien, das sah man auch bei unserer Pressekonferenz. Da saßen Politiker der CDU, der Grünen und der SPD zusammen und warben für die Messe und eine Fashion Week. Damit kann man als Kreativwirtschaftler eine Stadt ganz anders mit einbinden, anders eventisieren. Marken müssen heute erlebbar gemacht werden. Und das geht nur, wenn alle an einem Strang ziehen, ohne bürokratische Hürden aufzubauen.

Ob Mode, Messe oder Metropole: Heute müssen Marken erlebbar gemacht werden.

Anita Tillmann

Als zentrale Themen der Frankfurt Fashion Week wurden Digitalisierung und nachhaltige Mode genannt. Letzteres ist auch der USP der Copenhagen Fashion Week, die sich ebenfalls Sustainability auf die Fahnen geschrieben hat. Eine direkte Konkurrenz?

Das Thema betrifft die ganze Welt und wir stehen alle vor den gleichen Herausforderungen. Das eine ist, was man sich auf die Fahnen schreibt, das andere, wie man es am Ende umsetzt. Wir haben da gemeinsam ganz neue Ansätze gefunden, und zwar entlang der Wertschöpfungskette. Zum Beispiel: Die Frankfurter Messe ist die drittgrößte Messegesellschaft weltweit und ein Global Player im Textilbereich, mit insgesamt 58 Messen allein zum Thema Textilien. und die Neonyt ist die größte und relevanteste Tradeshow zum Thema Sustainability.

Das sogenannte „Textpertise Network“, das von Kleiderstoffen über Heimtextilien bis zu Hightech-Geweben reicht. Und mehr als 22.000 ausstellende Firmen umfasst.

Genau diese Synergien aus der Textilindustrie wollen wir nutzen für die Bekleidung, gerade mit der Neonyt als Tradeshow für Sustainable Fashion. Das ist das eigentliche Thema: Die textile Wertschöpfungskette neu zu denken, das können wir in Deutschland nur in Frankfurt. Das bietet keine andere Stadt, weil es die Player dafür dort nicht gibt. Auch nicht in Berlin.

In Europa hat das sonst nur noch Italien, diese fruchtbare Nähe von Textil- und Bekleidungsindustrie. Interessanterweise ist Frankfurt mit Italien ja eng verbandelt, nicht zuletzt über die Textilmessen. Das heißt, man geht sehr viel ganzheitlicher an die Sache und sieht Mode als ein komplettes Ökosystem, nicht bloß als ein paar über den Laufsteg wandernde Models. Und natürlich haben Frankfurt und Hessen die finanzielle Kraft und die Durchsetzungskraft, um dieses Thema größer aufzuspannen.

Ihre langjährige Bekanntschaft mit Messechef Detlef Braun, spielte das auch eine Rolle?

Das spielte eine wesentliche Rolle! Wir haben uns Mitte der 1990er bei der Joop GmbH kennengelernt, Detlef war dort Geschäftsführer und ich im Team des Franchise-Managements und habe die Shops-in-Shop gemacht. Er kennt sich wirklich aus in diesem Business. Bevor er Chef der Frankfurter Messe wurde, war er bei Lancaster und dann lange in der Werbung bei J. Walter Thompson … Detlef ist ein echter Macher, er hat alle an einen Tisch gebracht und steht voll hinter dem Projekt einer Frankfurt Fashion Week. Allein durch ihn ist das eine andere Liga, in der wir jetzt mitspielen.

Zieht Anita Tillmann nun auch nach Frankfurt?

„Nö. Ich bleibe schön in Berlin. Ich liebe ja Berlin.“

Und was passiert als nächstes bei der Premium Group?

„Im November wird es eine große Präsentation mit Detailinformationen geben. Wer muss mit an Bord, welche Partner holt man sich noch dazu – daran arbeiten wir schon die ganze Zeit, aber nun, da es offiziell ist, geht es richtig los. Die Konzepte für die Einbindung von Frankfurts Innenstadt laufen auf Hochtouren, die Stadt holt alle Stakeholder an den Tisch, und zwar in großem Stil. Ob Mode, eine Messe oder eine Metropole, heute müssen Marken erlebbar gemacht werden. Frankfurt wird ein Teil des Ganzen sein.