Eine Geschichte über Sprungtürme muss mit einem Aufstieg beginnen. Groß und mächtig steht er da, azurblau beschienen. Vier kalte, metallische Leitern sind zu besteigen, bis man die Welt von oben sehen kann. Und merkt, wie sich ganz langsam ein flaues Gefühl in der Magengegend ausbreitet.

Der Zehn-Meter-Turm im Stadionbad von Köln ist einer jener Orte, an die man sich ein Leben lang erinnert, wenn man einmal oben war – und vor allem fliegend wieder heruntergekommen ist. Vor fast 100 Jahren weihte hier noch Konrad Adenauer die erste Schwimm-Anlage ein. Seitdem haben sich unzählige Menschen mit Todesmut in den Augen ins Wasser gestürzt. Nun, im Sommer, geht es wieder los. In Köln, aber auch in vielen anderen Bädern der Republik.

Nostalgische Wärme

Warum faszinieren uns Sprungtürme? Kurze Nachfrage am Beckenrand. Tom, 22 Jahre alt, ist gerade wieder aufgetaucht, um den Hals trägt er eine Kette mit einer Muschel. „Surfer-Vibe“ nennt er das. „Dieses Gefühl, frei in der Luft zu sein, ein bisschen zu winken“, sagt er, das sei das Tolle am Sprung. „Es kommt einem länger vor, als es ist.“

Der Psychologe Simon Hahnzog sagt, schon das Freibad sei ein sehr besonderer Ort. Einer der wenigen, an dem sich verschiedene Gesellschaftsschichten vermischten, diese aber nicht sofort an Äußerlichkeiten zu erkennen seien. Den Sprungturm selbst könne man wiederum in eine Reihe mit der Taufe stellen. Er sei Ort eines Initiationsritus.

„Über den Sprungturm kann man einen gesellschaftlichen Status erlangen“, sagt Hahnzog. „Die Botschaft ist: Du gehörst zu denen, die es sich trauen.“ Der Vorteil am Turm: Der Übertritt in die Liga der Furchtlosen ist sofort für jedermann sichtbar. Wer auf dem Zehner steht, weiß alle Augen auf sich. Er ist eine Bühne des Lebens.

Selbst im hohen Alter lassen Erinnerungen daran Emotionen aufsteigen, mitunter auch nostalgische Wärme – zumindest wenn der Aufstieg mit einem Sprung endete, nicht in der Schmach des Wiederabstiegs.

„Emotionen werden gerne situationsspezifisch gespeichert“, erklärt Hahnzog. Und in einem Freibad prasselten die Sinneseindrücke nur so auf uns ein – Chlor, Sonnencreme, Pommes. „Diese verknüpfen sich mit Emotionen – zum Beispiel mit dem Glück, wenn man gesprungen ist“, so der Psychologe. Darüber hinaus wird dieses intensive Erinnerungen-Bouquet auch noch in einer sehr prägenden Lebensphase zusammengebunden. Denn – man kommt um diesen Hinweis nicht drumherum – wer klettert auf den Sprungturm? Oft Menschen kurz vor, mitten in oder kurz nach der Pubertät.

Wobei man aus der Praxis auch anderes hört. „Wir haben auch Leute dabei, die gehen mit 60, 70 und 80 noch da oben drauf und zeigen den Jungen, was sie können. Da machen die vom Fünfer einen Abfaller, vorwärts, rückwärts. Da stehen den Jungen dann die Backen ganz weit auf, was die noch auf die Kette kriegen“, sagt Wolfgang Werthschulte. Rund 45 Jahre lang war er Bademeister („Ich habe das flächengrößte Freibad vom Niederrhein geleitet“). Seit Kurzem ist er in Rente.

Sommer der Arschbombe

Für ihn sei immer klar gewesen: Am Sprungturm müssen feste Regeln gelten. Chaos, das ist gefährlich. Werthschulte sagt auch: Zum Springen gehen tatsächlich alle. Die Alten, aber auch die Kleinen, die zeigen wollen, wie mutig sie schon sind. „Papa steht dann da oben und ihm schlottern die Knie. Aber er muss ja dann auch.“

Wenn man Werthschulte fragt, auf was man beim Springen achten sollte, redet er ein wenig wie ein Luft- und Raumfahrtingenieur bei der Präsentation eines neuen Flugkörpers. „Der Kopf steuert die Flugrichtung“, sagt er dann im ernsten Ton. „Wichtig ist, dass man das Kinn nicht zu sehr runter nimmt. Dann überschlägt man sich.“ Und was sollte man auf keinen Fall machen? „Es ist ungeschickt, breitbeinig zu springen“, sagt der ehemalige Schwimmmeister.

Womit man tatsächlich am Ende einer Geschichte über Sprungtürme ankommt, ohne ein Wort genannt zu haben, das eigentlich fallen muss: Arschbombe. Aber der Sommer ist ja noch lang.