Hat „Die Welt auf dem Teller“ im Blick: Doris Dörrie, Regisseurin und Autorin.
Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Dieter Mayr

Berliner Zeitung: Frau Dörrie, was haben Sie heute gefrühstückt?

Doris Dörrie: Ich verzichte meistens aufs Frühstück, das war heute nicht anders. Zu Mittag habe ich dann eine Phó gegessen, eine vietnamesische Nudelsuppe, die ich immer noch nicht richtig aussprechen kann, obwohl ich sie seit über zwanzig Jahren liebe. (Man spricht sie ungefähr „pfah“ aus, d. Red.)

In Ihrem neuen Buch „Die Welt auf dem Teller“, das Ihre Kolumnen zum Thema Essen versammelt, schreiben Sie: „Ich lernte, dass in Hanoi die Nudeln breit und in Saigon schmal sind und dass dieser Unterschied das Land mehr teilt als alles andere.“ Gibt es solche Nahrungsgrenzen nur in Vietnam oder womöglich auch in Deutschland?

Aber natürlich, denken Sie nur an den Weißwurstäquator, der Nord und Süd trennt. Oder den Broiler, der in Ostdeutschland ganz anders schmeckt als ein Brathendl in Bayern.

Sie blättern ein breites kulinarisches Spektrum auf, von Porridge bis Paella, von Petersilie bis Kalbshirn, von der deutschen Birne bis zum japanischen Reisbällchen. Woher wissen Sie so gut über derlei Dinge Bescheid?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Essen, besonders seit meinem Dokumentarfilm „How to Cook Your Life“ von 2007. Schon als Studentin hat mich Claude Lévi-Strauss’ Studie „Das Rohe und das Gekochte“ fasziniert, weil er darin zeigt, dass die Küche ein Mikrokosmos für die Entwicklung einer Zivilisation und ihre Geschichten ist. Ich bin keine großartige Köchin und keine kulinarische Expertin, ich wollte mich einfach auf möglichst alltägliche Art und Weise dem Thema Essen nähern. Es interessiert mich sehr, was Essen als kulturelle Praxis bedeutet. Und außerdem esse ich einfach ziemlich gern.

Gewidmet haben Sie das Buch Ihrer Mutter. War Sie die prägende Köchin Ihres Lebens?

Ja, wahrscheinlich ist das in vielen Familien eine Schlüsselposition. Die Küche ist immer noch die Domäne der Frauen, obwohl wir natürlich immer weiter hoffen, dass die Aufgaben darin irgendwann partnerschaftlich bewältigt werden. Mit dem Essen aus der heimischen Küche verbinden sich für die meisten Menschen unglaublich viele Erinnerungen, und man kann mit einem bestimmten Gericht schnell in seine Kindheit abtauchen. Zu dieser Zeitreise kommt das Gefühl von Zuhause, von Gemeinschaft. Dass man in der Wohnküche nicht nur isst, sondern auch aufs Essen wartet, indem man herumsitzt oder mithilft, später zusammen abwäscht und abtrocknet.

Für ihr Buch „Secondhand-Zeit“ führte Swetlana Alexijewitsch unzählige „Küchengespräche“. Denn an diesem Ort war man unter sich und musste „keine Angst haben“ beim offenen Sprechen …

Auch deswegen treffen sich bei Partys alle am liebsten in der Küche! Da ist man gleich weniger verklemmt, denn die Atmosphäre ist freier als im Wohnzimmer, es geht legerer zu. Und man kann beim Käseraspeln leichter überspielen, dass einem gerade nichts Gescheites zu sagen einfällt.

Was passiert, wenn es keine großen Familienessen mehr gibt?

Neben der Geselligkeit geht eine Kulturtechnik des Erzählens verloren. In großen Familienrunden konnten Kinder früher am Mittagstisch alle möglichen Geschichten aus anderen Zeiten und von längst verstorbenen Leuten hören und wie diese aufgetischt wurden, lustig, langweilig, mit gut gesetzten oder versemmelten Pointen … Ich finde es wichtig, solche Zusammenhänge zu schaffen, auch wenn die Familien heute meist klein sind. Es gibt ja Projekte, bei denen man sich regelmäßig mit anderen, etwa den Nachbarn, zum gemeinsamen Kochen und eben zum Gespräch trifft. Gerade in diesen Corona-Zeiten merken wir, dass es nicht besonders lustig ist, immer nur allein mit seinen Angehörigen daheim zu sitzen.

Ein Sprichwort sagt: „Essen ist der Sex des Alters.“ Sind Sie einverstanden?

Man kann doch in jedem Alter Spaß haben. Und sich unabhängig vom Alter gut ernähren. Aber Essen ist vor allem auch eine Frage von Bildung, Klassenzugehörigkeit und Einkommen. Manchmal sehe ich im Supermarkt alte Menschen, meistens Frauen, die wahrscheinlich allein leben und sehr wenig Geld haben. Sie kaufen nur eine winzige Portion Mayonnaise-Salat oder zwei Heringshappen. Das war’s dann.

Aber was bedeutet es, wenn wir zulassen, dass ärmere Schichten sich ungesund ernähren? Was hat das für Folgen für sie und die gesamte Gesellschaft, die auch in Ernährungsfragen immer weiter auseinanderdriftet? Warum lernen wir nicht schon in der Grundschule das Kochen und was zur gesunden Ernährung dazugehört?

Sie schreiben über unser Essensverhalten: „Nichts ist mehr einfach, noch nicht einmal das Essen von Schokolade.“ Können wir zwischen Kalorienzählen, Völlerei und Heilfasten überhaupt noch normal essen?

Wir bilden uns halt ein, dass das Essen einer der wenigen Bereiche ist, über die wir Kontrolle ausüben können – während uns in anderen Bereichen ein großes Gefühl von Hilflosigkeit gepackt hat. Aber wenn man die Dinge genauer betrachtet, werden sie kompliziert, das liegt in der Natur der Sache.

Essen hat immer auch eine politische Dimension, denken Sie an die Erntehelfer aus Rumänien oder die Belegschaften von Fleischproduzenten wie Tönnies. Weil wir Gurken oder Spargel, Würste oder Hackfleisch billig haben wollen, arbeiten diese Menschen unter den schlimmsten Bedingungen. Durch unsere Essens-Entscheidungen vergrößern wir das Leid auf der Welt, statt es zu verringern, worum es doch eigentlich gehen sollte. Wir müssen unsere Gewohnheiten ändern, sonst haben wir nicht nur Tiere, sondern auch immer mehr Menschen auf dem Gewissen.

Haben Sie ein Lieblingsessen?

Immer Pasta! Aber nicht so, wie meine Tochter als kleines Kind sie immer wollte, als „Nudeln mit ohne gar nichts“. Nein, bei mir muss schon etwas drauf sein.

Das Gespräch führte Irene Bazinger.

Diogenes
Doris Dörrie: Die Welt auf dem Teller

Mit Illustrationen von Zenji Funabashi. Gebunden, 208 Seiten, Diogenes Verlag, um 22 Euro.

Zur Person:
Seit ihrem 1985er-Geniestreich „Männer“ gilt Doris Dörrie, 65, als Powerfrau des deutschen Films, Abteilung leichte Muse. Parallel zu ihrer Arbeit als Regisseurin, Produzentin und Drehbuchautorin veröffentlicht sie Romane, inszeniert Opern und leitet den Lehrstuhl „Creative Writing“ an der Hochschule für Fernsehen und Film in München.