Mit dem Sechsergespann durch Brandenburgs Wälder
Foto: Berliner Zeitung/Volkmar Otto

PrötzelDunst steigt über den Feldern Brandenburgs auf. Die Sonne scheint. Da atme ich Großstädterin erst einmal auf. Hier in Prötzel, etwa eine Autostunde nordöstlich von Berlin, soll es heute jedoch nicht bedächtig durch die Wälder spazieren gehen, die Exkursion ist eher abenteuerlicher Natur: Ich werde eine Huskytour machen.

Wie beim Hundeschlittenfahren ziehen dabei die Tiere einen Wagen, auf dem der Fahrer steht. Eine Alternative für schneelose Zeiten, quasi klimakrisenfreundlich.

Walter Steinbach, sympathischer Schwabe mit weichem Akzent und Lachfältchen, kommt aus seiner Scheune gelaufen. Der 63-Jährige bietet seit sieben Jahren in Prötzel Touren und Trekkings mit Huskys an. Schlittentouren, vorrangig im schwedischen Südlappland, macht er seit 30 Jahren. Sein Leben als gelernter Fernsehtechniker mit eigenem Betrieb liegt Jahrzehnte zurück.

Ohrenbetäubendes Geheule

Das Paar, das sich an diesem Vormittag wie ich zu einer Halbtagestour angemeldet hat, ist bereits da. Und die Angestellten, wie sie Walter Steinbach liebevoll nennt, hört man schon: ohrenbetäubendes Gejaule aus dem Zwinger. Hier wohnen 40 Schlittenhunde, 30 davon werden derzeit für die Touren eingesetzt.

Anbieter

  • Zentral:  Es gibt keinen deutschen Verband für Huskytouren, aber mehrere private Anbieter in Deutschland. 

  • Lokal I: In Prötzel bietet Walter Steinbach Schnuppertouren (99 Euro) und Halbtagestouren (148 Euro) an. Hundeerfahrung braucht man nicht. Infos unter Tel. 03 34/36 37 592 oder der Website: huskytouren.de

  • Lokal II: In Frankendorf bei Neuruppin bieten Sabine Kühn und Elmar Fust Huskytouren und -wanderungen an, viele Ausflüge sind familienfreundlich. Infos unter Tel. 03 39/24 79 946 oder www.freizeit-mit-huskies.de

  • Global: Schlittentouren, oft im schwedischen Lappland, findet man bei vielen Reiseanbietern, beispielsweise bei Rucksackreisen.  

Walter Steinbach bittet nun zur Zwingerbesichtigung, um uns die Tiere vorzustellen. Grönländer, sibirische Huskys und Alaskan Malamutes hausen hier, meist teilen sie sich zu dritt oder viert einen Zwinger. Alle sehen überaus freundlich-fluffig aus. Sofort fallen mir die eindrücklichen Augen der Hunde auf, einige haben ein blaues und ein braunes. Lucy, Ali, Baba, Juno heißen sie. Manche stecken schwanzwedelnd ihren Kopf durch die Öffnung, um gekrault zu werden. „Die Hunde sind dem Menschen gut gesonnen. Nur untereinander fliegen wegen der Rangordnung auch mal die Fetzen. Manche mussten deswegen getrennt werden“, sagt Walter Steinbach.

Walter Steinbach macht seit 30 Jahren Touren mit Huskys.
Foto: Berliner Zeitung / Volkmar Otto

Er züchtet die Hunde auch,  allerdings nur für den Eigengebrauch als Arbeitstiere. Im letzten Zwinger sind die Welpen, die erst ausgebildet werden. Ab dem Alter von neun Monaten werden sie trainiert, vorher sind die Gelenke noch unzureichend ausgeprägt, sagt Steinbach. Die Tiere ahnen, dass es bald losgeht, sie sind aufgeregt.

Aber zuerst muss noch eine Einweisung der Gäste erfolgen. Auf dem Startplatz stehen unsere Gefährte schon, sie sind an Pfosten festgebunden. Das Gerät, auf dem wir stehen und das die Huskys ziehen werden, sieht wie ein überdimensionaler Dreiradroller aus Metall aus. Mit leicht gebeugten Knien steht man darauf, die Beine einen großen Schritt auseinander. Die Hände legt man auf den Lenker, an dem drei Bremsen angebracht sind. „Die Hände müssen immer auf den Bremsen liegen, damit man schnell reagieren kann“, erklärt Steinbach. Das Gefährt könne stark Fahrt aufnehmen. Die Sicherheit gehe jedoch vor. Man solle nur so schnell fahren, wie man sich auch sicher fühlt.

Beim Testlauf zieht der Chef den Wagen

Die Zugleine, die die Hunde miteinander und mit dem Gefährt verbindet, muss immer auf Spannung sein, damit es nicht zu Verstrickungen kommt oder man darüberfährt.

Steinbach erklärt die Schritte für den Start. Zuerst muss man  die Vorrichtung lösen, die den Schlitten an Ort und Stelle hält, auch wenn die Hunde schon ziehen. Dann den Hunden das Kommando zum Start geben. Mein Leithund heißt Baba, daher lautet das Startkommando in meinem Fall: „Achtung, Baba – okay!“

Roald Amundsen auf Tour
Foto: Imago
Roald Amundsen auf Tour - Imago
Geschichte

Das Schlittenhundefahren kommt ursprünglich aus dem hohen Norden. In Kanada, Alaska und Grönland werden die Tiere im Schnee als Transportmittel genutzt. Die Inuit ebenso wie die Tschuktschen in Sibirien setzen sie ein. In Schweden hat das Fahren keine Tradition, sondern dient vor allem dem Tourismus.

Schon am Anfang des 20. Jahrhundert nutzten westliche Polarforscher wie Roald Amundsen Schlittenhunde für ihre Expeditionen in die Arktis. Heute gibt es sportliche Rennen und sogar eine Weltmeisterschaft.

Bei den großen Rennen – wie dem Iditarod oder dem Yukon Quest – können die Hunde unter den richtigen Bedingungen 200 Kilometer pro Tag zurücklegen. Sie erreichen dann auch eine Spitzengeschwindigkeit  von 35 Stundenkilometern. Bei touristischen Touren laufen die Hunde bis zu 60 Kilometer am Tag.

Zum Zeitpunkt der Einweisung sind die Hunde aber noch nicht da. Beim Testlauf ist es Walter Steinbach, der den Wagen zieht. Ich bin so langsam in meiner Reaktion, dass ich den Roller kaum lenke und fast in einen Pfosten fahre. Gelächter. Ich frage mich, worauf ich mich eingelassen habe. „Nicht auf das Gefährt konzentrieren, sondern nach vorne schauen wie beim Fahrradfahren“, sagt Steinbach.

Diese Anweisung wird entscheidend für mich sein. Nun bringt er Baba, meinen Leithund, zum Einspannen zu mir. Ein Hund nach dem anderen wird aus dem Zwinger geholt, bis ein Vierergespann entsteht. Helm auf. Ich bin nach dem Lenk-Debakel etwas nervös. Aber was soll’s – los geht’s, Baba!

Es ist leichter als gedacht. Der Birkenwald, in dem sich die Parcours-Strecke befindet, rast vorbei, die Herbstfarben glänzen. Das Lenken und Fahren ist tatsächlich eine rein intuitive Angelegenheit. Die Hunde bleiben manchmal stehen, um ihr Geschäft zu verrichten, aber wenn sie in Fahrt kommen, ist es ein Gefühl der Freiheit – vor allem, wenn es bergab geht.  

Durchschnittstempo 10 bis 12 km/h: Unserer Autorin kommt es schneller vor.
Foto: Berliner Zeitung Volkmar Otto

Durchschnittlich sind die Hunde mit zehn bis zwölf Stundenkilometern unterwegs, es kommt mir wesentlich schneller vor. Ich bremse kaum. Anders sieht es bergauf aus. „Bauch-Beine-Po-Strecke“ nennt Walter Steinbach diese Passage. Ich muss wie bei einem Tretroller mitdrücken, damit die Hunde den Wagen den Hügel hinaufziehen.

Steinbach taucht mit einem kleinen Roller an manchen Ecken der Strecke auf, feuert uns kräftig an. Die Kommunikation mit den Hunden ist sehr wichtig, sie müssen auf einen hören.

Mit dem Schlitten ist es natürlich schöner.

Walter Steinbach, Husky-Züchter

Kurz darauf mache ich den gleichen Parcours noch mal, diesmal mit sechs Hunden. Der Unterschied ist spürbar. Ich muss weniger treten, es geht mit zwei Hundestärken noch schneller. Ich fliege fast aus der Kurve. Aber nur fast. Ein Riesenspaß.

Hitzefrei ab 20 Grad

Die Hunde sind Walter Steinbachs Passion, er nennt sie seine Familie. Anders sei das gar nicht möglich. „Den Job muss man entweder leben oder bleiben lassen.“ Vier Tage in der Woche sind Gäste hier. So romantisch das für Tierfreunde klingen mag: „Viel ist auch Scheiße schaufeln“. Walter Steinbach verfüttert an die zehn Tonnen Hundefutter pro Jahr.

Blauäugiger Husky
Berliner zeitung/Volkmar Otto

„Mit dem Schlitten ist es natürlich schöner“, sagt Steinbach, nachdem wir die Hunde wieder in die Zwinger gebracht haben. Die Hunde entfalten ihre volle Leistungsfähigkeit erst bei Minusgraden, ihre Wohlfühltemperatur liegt bei minus 15 bis minus 20 Grad. Deswegen macht Steinbach auch keine Touren, wenn das Thermometer mehr als 20 Grad plus zeigt. Das ist für die Hunde körperlich zu belastend. Jeden Winter fährt er für drei Monate mit den Hunden nach Schweden. Aber erst mal ist Walter Steinbach noch hier, in der herbstlichen Sonne Brandenburgs.