Dem geltenden Dresscode auf dem Handelsparkett der New Yorker Börse entsprachen diese Outfits ganz sicher nicht: Ganzkörper-Latexanzüge, darüber geschichtete Blazer, Blusen, Mäntel und an den Füßen seltsam geformte Riesenboots und Pumps, die aussahen wie von Mickey und Minnie Mouse geklaut. Das war sie, die neue Balenciaga-Kollektion für den Frühling.

Die Anstandswauwaus der New Yorker Börse arbeiten am Wochenende nicht, denn da hat die Wall Street geschlossen. Und so hatte das Team von Balenciaga auch nur den Samstag und den Sonntag, um die Show vorzubereiten, durchzuführen und die Spuren wieder zu beseitigen. Ein schwarzer Teppich wurde auf dem Parkett ausgerollt und die Simulation eines Geschäftstages mit steigenden und sinkenden Kursen auf die Monitore gespielt. Das Video kam vom Berliner Designstudio Sub. Betrieben von dem Kreativdirektor Niklas Bildstein Zaar und dem Architekten Andrea Faraguna realisiert Sub seit 2017 multidisziplinäre Designprojekte, darunter diverse Show-Sets für Balenciaga. Auch für das brutalistische Interieur der neuen Balenciaga-Stores ist Sub verantwortlich.

Dann bimmelte die Börsenglocke und die Modenschau ging los. Mit Looks der neuen „Garde-Robe“-Linie wurde die Balenciaga-Show vor Gästen wie Kanye West, Anna Wintour, Pharell, Chloë Sevigny und Guram Gvasalia eröffnet. Man sah karikaturhafte Abwandlungen konservativer Businessuniformen, eine geradezu brachiale Eleganz aus Wolle, Seide, Gabardine und Denim. Entweder übergroß oder sehr lang geschnitten, fast alles in Schwarz, dazwischen ein bisschen Navy und Creme. Und besagte Latexanzüge, die an Fetischkleidung aus dem SM-Bereich erinnerten. Wem dabei die kapitalismuskritische Protestbewegung „Occupy Wall Street“ in den Sinn kam, der lag sicher nicht ganz verkehrt, obwohl das an keiner Stelle so klar formuliert wurde.

Balenciaga/German Larkin
Balenciaga-CEO Cédric Charbit, flankiert von Anna Wintour und Kanye West. Kim Kardashian was diesmal nicht zugegen.
Balenciaga
Der neue  Balenciaga-Pump: Die Schuhe von Minnie Mouse?
Balenciaga
Die Balenciaga-Modenschau ist nicht die erste der Geschichte, bei der die Models im Fetisch-Stil maskiert sind. In der Vergangenheit sah man das schon bei Walter van Beirendonck, Jean Paul Gaultier oder Alexander McQueen.

Mit dieser Performance gibt Balenciaga-Kreativdirektor Demna wie bereits bei seiner Pariser Show vor einigen Wochen erneut kein trügerisches Versprechen von einer heilen Welt, wie es in der Mode gerade zu den derzeit stattfindenden Cruise- und Ressortschauen so gern gemacht wird. Keine Reise ans Meer, kein Träumen, kein Abschalten, keine Gnade. Die verstörende Zombiehaftigkeit der Models, dazu der harte Techno, wieder komponiert von Bfrnd, dem Ehemann von Demna – das alles in der Wall Street, mitten im Herzen des kränkelnden Kapitalismus, lässt in keiner Sekunde den Gedanken zu, dass die Welt in Ordnung sei. Alles gleichgeschaltet, austauschbar, sinnlos und düster.

Balenciaga kollaboriert mit Adidas

Doch dann eine Reihe anderer Looks. Eine Adidas-Kollaboration wird enthüllt und der Umgang mit den beiden Logos der Marken erinnert an das, was wir vor ein paar Monaten bei Gucci sahen: Das Dreiblatt der deutschen Sportmarke, das gerade noch über dem Namen „Gucci“ hüpfte, tut dies nun in fast identischer Art und Weise bei „Balenciaga“. Aber Moment mal, darf es in Balenciagas Kapitalismuskritik jetzt diese superkommerzielle Markenfusion geben, die auch noch explizit angekündigt kurz nach der Show im Online-Shop gekauft werden kann? Die Antwort ist ja, und zwar erstens, weil es scheinheilig wäre, so zu tun, als ob es bei Balenciaga nicht auch ums Geldverdienen geht; und zweitens, weil sich die Kollaborationshure Adidas genauso wie Balenciaga jetzt ebenfalls unverhohlen als Teil des kapitalistischen Systems zeigt. Und dieses Bekenntnis ist im Zweifel besser als Scheinheiligkeit.

Balenciaga
Adidas: Geht mit jedem ins Bett?
Balenciaga
Dass eine Kollektion gezeigt wird, die man sofort nach der Show kaufen kann, ist ungewöhnlich: Die Balenciaga-Adidas-Sneaker kosten 850 Euro.

Während der Präsentation der Balenciaga-Adidas-Linie sehen wir also die Streifen und Logos und verstehen, dass Demna die extrem erfolgreiche Modemarke Balenciaga als Teil des hochprofitablen Luxuskonzerns Kering in der Systemkritik gar nicht ausnimmt. Nun erklingt Sinatras „New York, New York“ in der getragen-sehnsüchtigen Version von Carey Mulligan und die Ambivalenz der westlichen Welt zwischen Hedonismus und schlechtem Gewissen, zwischen Netflix und Kriegsnachrichten, zwischen Luxustasche und Kleiderspende schwebt über dem Spektakel.

Balenciaga
Diese Balenciaga-Tasche öffnet sich nach unten. Das Modell gehört zur „Money Bag line“.

Genauso wie Sinatras Song und die Wall Street den verblassenden Glamour des alten Geldsystems verdeutlichen, so ist auch die Banknote ein Fossil (und im Übrigen auch ein Motiv der aktuellen Vetements-Kollektion, deren alleiniges Oberhaupt nach Demnas Ausstieg inzwischen sein Bruder Guram Gvasalia ist).

Die Berliner Künstlerin Sissel Tolaas lässt die Baleciaga-Dollars duften

Also flattern in den Teasern zur New Yorker Balenciaga-Fashion-Show die Geldscheine herum oder sie werden von Maschinen im Retro-Design gezählt. Das extra dafür gedruckte Falschgeld, das auch den Gästen in Bündelform als Einladung zuging, hat einen speziell designten Duft. Auch hier war ein Team aus Berlin im Hintergrund tätig, und zwar das der Künstlerin und Duftforscherin Sissel Tolaas, die bereits seit vielen Jahren mit Luxusmarken und seit 2019 mit Balenciaga zusammenarbeitet. „Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren mit dem Geruch von Geld, ich habe ein riesiges Archiv mit Daten von Geruchsmolekülen“, erklärt sie uns nach der Show. „Für Balenciaga habe ich den Geruch von Dollarnoten rekonstruiert. Ich habe verschiedene Geräte und Technologien, mit denen ich Geruchsmoleküle sammeln und aufzeichnen kann. Diese Daten analysiere ich und damit habe ich den Ausgangspunkt für die Nachbildung eines Geruchs. In diesem Fall eben US-Dollar.“

Das Finale der Balenciaga-Show wird mit einem erneuten Musikwechsel angekündigt, zuppiger Elektro-Sound erklingt und auf den Monitoren beginnt das Bild zu zucken. Die Übertragung der Börsenkurse ist gestört, bis sie ganz zusammenbricht und die Bildschirme in gleißendem Weiß erstrahlen. Weiß? Vielleicht gibt es doch noch Hoffnung? Vielleicht geht die Welt ja nächsten Frühling doch nicht unter?

SSSL Berlin
Das Falschgeld, dass Sissel Tolaas zum Duften brachte.

Auch wenn diese Balenciaga-Show verstörend und dystopisch wirkt, so vermittelt sie auch Hoffnung, denn Balenciaga-Oberhaupt Demna schafft es, Mode und Gesellschaftskritik stimmig miteinander zu verweben. So erscheint die strikte Trennung von Gut und Böse einmal mehr als eine ebenso alte Weltsicht wie rücksichtsloses Profitdenken. Akzeptiert man die Zwischentöne und die Ambivalenz, die uns umgibt, und verliert man außerdem seinen Humor nicht – dann hat die Welt vielleicht noch eine Chance. Weil: Engstirnigkeit ist eben niemals gut, egal auf welcher Seite man steht. Dass Demna in der diesjährigen Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt im TIME Magazine ist, spricht ja auch dafür.