Berlin/Paris - Sammlungen sind Archive des Begehrens. Sie erzählen Geschichten, die sich um kostbare Trophäen wie weniger teure Stücke gleichermaßen ranken. Und natürlich gibt es einen gemeinsamen Nenner, nach dem alle Gegenstände zusammengetragen wurden. So entsteht ein Muster, das Kontinuität, Sinn und ein Gefühl von Verbundenheit an den Sammelnden zurückspielt. Deshalb sammelt der Mensch seit jeher gern, seien es nun Kunstwerke, Handtaschen – oder eben Fanartikel von Rammstein.

Gerade im häuslichen Bereich ist das zuletzt jedoch ein wenig aus der Mode gekommen, weil unser Besitz sich immer mehr digitalisiert. So ist Sammeln selbst fast schon ein bisschen retro: ein Hobby, das genau wie dieses Wort nicht mehr so recht ins Heute passt. Zugegeben, in kleinem Rahmen sammeln wir dennoch alle irgendwas, denn ab drei Dingen von der gleichen Sorte geht das Sammeln ja eigentlich schon los. Trotzdem, eine Schallplattensammlung haben nur noch wenige zu Hause, Musik wird heute in MP3-Form angehäuft. Und wenn der Streamingdienst pleite geht, ist die Musik weg. Einfach so. Schon mal darüber nachgedacht?

Auch Demna Gvasalia sammelt seine Lieblingsmusik auf einem Streamingportal. Genauer gesagt, er stellt Listen auf Apple Music zusammen. Der Georgier, der dem großen französischen Modehaus Balenciaga mit ausgesprochen disruptiven Kollektionen neuen Schwung verlieh, ist auch bei der Musikauswahl nicht zimperlich: Im Balenciaga-Profil erklingen in „Demna’s Playlist“ neben George Michael und Sade auch Marylin Manson und Rammstein.

Da sagen viele „Ich will“: Balenciaga im Merch-Look

Was im Zuge der Veröffentlichung dieser Playlist annonciert wurde, startete diese Woche: Ausgewählte Künstler und Künstlerinnen erscheinen peu á peu mit ihrer eigenen Balenciaga-Playlist, jeweils begleitet von einer Minikollektion im Merchandise-Look. Den Anfang macht die Berliner Band Rammstein, deren Fanbase weltweit überaus solide ist. Die Fotos, die Balenciaga zum Launch veröffentlichte, zeigen waschechte Rammstein-Fans inmitten ihrer Merch-Sammlungen. Und die füllen ganze Zimmer – was auch daran liegen mag, dass die Musiker einen Onlineshop betreiben, wo es wirklich alles gibt: vom Waschbeckenstöpsel über den Fahrradsattel bis hin zum Pkw-Kennzeichenhalter. Von Gin, Wein, Parfüm und Schmuck ganz zu schweigen. Alles mit Rammstein-Logo, versteht sich.

Nun muss die Rammstein-Sammlung also um mindestens ein Teil aus der Balenciaga-Music-Kollektion erweitert werden, ganz klar. Und dafür griffen die Fans bereits tief in die Tasche, denn vieles ist jetzt schon ausverkauft. Ein herkömmliches Rammstein-T-Shirt kostet im Fanshop um 21 Euro, das von Balenciaga knapp 500 Euro. Dafür stammt das aufgedruckte Bandporträt von einem echten Könner, nämlich dem Hyperrealisten Gottfried Helnwein. Gut möglich, dass die limitierten Designerstücke im Internet also bald für noch höhere Summen angeboten werden. Billiger wird nur die Kopie aus China sein, aber die will ein echter Sammler natürlich nicht. Vielleicht wäre es an dieser Stelle eine Überlegung wert, dieser verdammten Sammelei den Rücken zu kehren und sich endlich zu befreien, vom Ballast der unbenutzten Dinge. Ein T-Shirt von Rammstein reicht doch! Aber das dann bitte von Balenciaga.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.