Berlin-Prenzlauer BergDas Bangkok Bites verdeutlicht mir mal wieder, wie lange ich schon in Berlin lebe. 25 Jahre werden es bald – und ich finde es erstaunlich, wie schnell Erinnerungen an Orte überschrieben werden. Besonders wenn man täglich an ihnen vorbeikommt, so wie im eigenen Viertel. Dort, wo ich früher mit Freunden in Brachen gegrillt habe, wohnen nun Menschen in Luxusapartments. Dort, wo wir in trashigen Clubs feierten, kaufen jetzt Leute überteuerte Sneakers in hippen Läden oder nippen Earl-Grey-infused-Gin an einer schicken Bar. Und es fällt mir auf die Schnelle kein einziges Restaurant ein, das seit meiner Ankunft hier in Prenzlauer Berg in Betrieb ist.

Das soll nun gar nicht bitter klingen. Vor allem nicht, weil sich das kulinarische Niveau um Welten verbessert hat. Nur ist es schwer, als Gast mit der rasanten Entwicklung Schritt zu halten. Entlang der Schönhauser Allee haben die Betreiber so oft gewechselt, dass mir die meisten Läden, die hier Station gemacht haben, schon wieder entfallen sind. An der Adresse des Bangkok Bites war die Halbwertszeit zuletzt besonders gering. Hier versucht sich das neue Restaurant nun auf der Höhe Senefelder Platz, zwischen dem Rewe-Supermarkt und Humana.

Dunkel erinnere ich mich, dass an diesem Standort irgendwann mal ein Burgerrestaurant war. Dann hat sich die Rewe Group mit einem eigenen Restaurantkonzept hier ausprobiert. Es hieß: „Oh Angie! Wir lieben deine Küche“. Nun ja, die Leute liebten es nicht. Ebenso wenig wie das „Made in China“, das danach hier einzog. Es bot Dim Sum an, die ich leider auch nicht testen konnte, bevor das Restaurant wieder aufgab.

Das Bangkok Bites startet also in einer nicht ganz einfachen Lage. Eingerahmt ist es von Läden, die genauso schmucklos sind wie der kastenförmige 90er-Jahre-Bau selbst. Die Betreiber haben den Innenraum aber mit satten Farben aufgehübscht. Eine angedeutete Tempelpagode dient als Bar und Anrichte, sie wurde offensichtlich noch vom chinesischen Vorgänger übernommen. Ansonsten hellen das Lokal allerlei Gestecke aus Plastikblumen und bunte Bilder auf, darunter auch Porträts des thailändischen Königshauses. Das alles klingt nun kitschiger, als man es vor Ort erlebt. Eher fühlt es sich authentisch an und erinnert mich an meinen letzten Bangkok-Besuch, der viel zu lange her ist. Damals aß ich am liebsten im Studentenviertel der Stadt. Die teuflisch scharfen Currys hatten nichts mit dem gemein, was ich je zuvor gekostet hatte.

Auch im Bangkok Bites kommt man uns Europäern erfreulicherweise geschmacklich nicht entgegen. In der offenen Küche wird so gekocht, wie es Thailänder in ihrem Land tun: sehr frisch und meist extrem scharf, süß, salzig und sauer zugleich. Für diese typischen Aromen sorgen die authentischen Grundzutaten der Thaiküche, zu denen vor allem Thai-Basilikum, Zitronengras, Kaffirlimettenblätter, Austern- und Fischsauce, Garnelenpaste, Palmzucker, Tamarinden und Chilis gehören.

Die umfangreiche Karte unterscheidet zwischen kalten und warmen Vorspeisen, darunter Klassiker wie Satay-Spieße, aber auch Ungewöhnlicheres wie scharf eingelegte Schweinerippchen; ferner zwischen Nudel-, Reis-, Wok- und Currygerichten. Zum Glück sind auf den Seiten vorn auch die Empfehlungen der Küche gelistet, so dass ich ziemlich schnell mit meinem Finger auf die Dorade in Tamarindensauce tippe.

Das Testessen: knusprig frittierte Dorade, darauf Wasserkastanien, Thai-Auberginen und Galgant.
Foto:  Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Die saftigen Satay-Spieße sind ein hervorragender Start. Vom Lavasteingrill haben die ausgelösten Hühnchenteile eine krosse BBQ-Haut. Auch die mit Kokos angereicherte Erdnusssoße ist kein liebloses Fertigprodukt, sondern wird, wie alle Saucen hier, selbst angerührt. Heiß und schön fettig, aber nicht triefend, sind die veganen Sam Riam Thong Kham: herausgebackene Teigtaschen mit einer würzigen Füllung aus Mais, Reis, Kokos und Curry, die in eine sauer-scharf-süße Gurken-Chili-Sauce gedippt werden. Auch die Schweinerippchen haben es schärfemäßig in sich. Ebenso ausgeprägt ist aber auch das Aroma des Fleisches, das zuvor in Reisessig und Knoblauch mariniert wurde.

Die Gleichzeitigkeit von Grundgeschmäckern wie sauer, salzig, bitter und süß herauszuarbeiten, ohne dass sie beliebig wirken oder sich gegenseitig übertönen, ist die wahre Kunst der thailändischen Küche. Hier gelingt sie, auch bei der Dorade. Der Fisch kommt im Ganzen, doch ist das Fleisch bereits von den Gräten gelöst und nochmal extra knusprig frittiert. Eigentlich mag ich es nicht, wenn ein Fisch mit Sauce übergossen wird. Hier jedoch harmoniert die dunkle, fruchtige Tamarinden-Sauce perfekt. Auch ist die Wasserkastanie knackig, die Ananas frisch und die verschiedenen, auch ungewöhnlichen Gemüsesorten wie Thai-Auberginen oder Galgant haben den jeweils richtigen Garpunkt.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher

Es sind die Details, mit denen sich das Bangkok Bites von anderen hiesigen Garküchen und Thai-Imbissen absetzt. Dafür zahlt man mehr als bei der Billigkonkurrenz. Doch in unserem Viertel sind es nicht mehr die Preise, die Gäste abschrecken, sondern mangelnde Qualität und Ernsthaftigkeit. Hinter dem Bangkok Bites stehen Menschen, die zeigen wollen, wie traditionelles Thai-Essen wirklich schmeckt. Daher rechne ich einem Restaurant an dieser Adresse zum ersten Mal gute Chancen aus. Ich werde mir den Namen jedenfalls merken.

Preise: Suppen und Vorspeisen 5,50 bis 9 Euro; Nudel-, Reis- und Wok-Gerichte sowie Currys 12 bis 17 Euro; Desserts 5 bis 7,50 Euro

Bangkok Bites, Schönhauser Allee 10-11, Berlin-Prenzlauer Berg Tel. +49 30 27 99 56 06 Geöffnet Mo-Sa 17:30 bis 23 Uhr, So 17:30 bis 22 Uhr