Rüschen? Check. Batik? Check. LGBT? Check. Die jüngste Barbie-Generation (hier bei der Spielwarenmesse 2020 in NYC) ist divers, dabei modebewusst wie immer.
Foto: Imago Images/John Angelillo

Berlin/BruchsalMit rund 18.000 Puppen besitzt die Düsseldorferin Bettina Dorfmann die größte Barbie-Privatsammlung der Welt – und erhielt dafür einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde. Um zu zeigen, wie sich der Spielzeugklassiker im Laufe seiner über 60-jährigen Geschichte verändert hat, aber auch, um gegen Vorurteile anzukämpfen, schickte die 59-Jährige ihre Puppen bis nach China. In Deutschland organisiert sie verschiedene Wanderausstellungen. Am Wochenende ist es mal wieder so weit: Dorfmann eröffnet eine Barbie-Schau. Unter dem Titel „Busy Girl – Barbie macht Karriere“ zeigt das Schloss Bruchsal in Baden-Württemberg 1000 Exponate aus Dorfmanns Sammlung – darunter 400 verschiedene Barbies, Barbie-Häuser und ein Barbie-Flugzeug.

Frau Dorfmann, wenn Sie selbst eine Barbie designen sollten, wie würde die aussehen?

Sie würde auf jeden Fall kein Brautkleid anhaben, auch keine Abendrobe. Damit habe ich es nämlich nicht so. Sie trüge eher ein schickes Kostüm im Stil der 70er-Jahre und wäre Pilotin oder Präsidentin – oder Taucherin. Barbie ist da ja sehr vielseitig.

Und ihr Körper?

Die Körperstatur ist so, wie sie ursprünglich angelegt war, schon okay. Barbie hat lange Beine, die kann man gut greifen und sie sind auch für Kinder gut handhabbar. Die Puppe ist ja ein Kleiderständer, kein Mensch. Man soll sie anziehen und umziehen können.

Das Frauenbild, das Barbiepuppen vermitteln, auch ihre unrealistischen Körperproportionen und ihre Oberflächlichkeit werden oft kritisiert, vor allem von Feministinnen und Frauenrechtlerinnen. Was setzen Sie dem entgegen?

Barbie ist ein Spielzeug, und das muss nun mal spielbar sein. Antikpuppen haben winzige Füße, Babypuppen riesige Köpfe, da sagt ja auch keiner was. Und oberflächlich? Barbie ist immer mit der Zeit gegangen: In den Siebzigern war sie braun gebrannt, heute ist sie hell und hat Sonnencreme dabei. In den Achtzigern fuhr sie Rollschuh, in den Neunzigern Inliner. Ihre Berufe und ihre Ausbildung stehen im Fokus, auch Sport spielt eine wichtige Rolle. Barbie ist ein zeitgemäßes Spielzeug, nicht wie eine Babypuppe, die das Kind auf eine Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet, aber nicht darauf, einen Job zu haben. Da ist Barbie viel moderner, das sollten Frauenrechtlerinnen auch mal berücksichtigen.

Imago Images/Sven Simon
Zur Person

Bettina Dorfmann (59) lebt in Düsseldorf, sie ist gelernte Außenhandelskauffrau und hatte zwischenzeitlich zwei Modeläden in der Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens.

Seit einigen Jahren widmet sie sich ihrer Sammelleidenschaft hauptberuflich: Sie arbeitet als Sachverständige bei Schätzungen, schreibt Bücher, organisiert zusammen mit Karin Schrey Barbie-Ausstellungen in ganz Deutschland und restauriert Sammelobjekte.

Werden Sie oft angefeindet, wenn Sie mit Ihren Ausstellungen unterwegs sind?

Nein. Meistens treffe ich auf Begeisterung und Interesse, manchmal auf verschämte Menschen. Die ihr Hobby verheimlichen, ihre Puppen nicht zeigen und sie zu Hause verstecken. Das finde ich schlimm. Sobald ich den Leuten zeige, welche Berufe Barbie im Laufe ihrer 61-jährigen Existenz schon hatte – sie war zweimal im Weltall, hat als Präsidentin kandidiert, war Fotografin und Spieleentwicklerin – verstehen die meine Begeisterung eigentlich auch. Aber natürlich kommen auch Leute mit Vorurteilen, die alles und jeden blöd finden.

Eine Studie der britischen Universität Sussex zeigte im Jahr 2006, dass Mädchen, die mit Barbie spielen, ein geringeres Selbstbewusstsein in Bezug auf ihr Äußeres und einen stärkeren Wunsch nach einem dünneren Körper haben als andere Mädchen in ihrem Alter.

Ich glaube das nicht. Barbie ist eine Kindheitserinnerung und ein Kinderspielzeug. Genau wie Feen und Prinzessinnen, die ja auch alle schön sind. Schneewittchen ist auch schlank. Im Übrigen stellt sich der Hersteller Mattel seinen Kritikern und bringt schon seit geraumer Zeit vielfältigere Puppen auf den Markt. Es gibt kleinere Barbies und kurvigere, auch Inklusion und ethnische Vielfalt sind längst ein Thema. Ich finde diese Auseinandersetzung sehr wichtig, um am Puls der Zeit zu bleiben. Aber ich denke auch, dass die Klischees und Vorurteile gegen Barbie abnehmen werden. Ich bin 1961 geboren und damit die erste Generation der Nutzer. Die nächste Generation ist schon damit groß geworden und hat mit Barbie gespielt, die haben diese Vorurteile oft nicht mehr. Und man sieht ja: Die Verkaufszahlen gehen auch wieder nach oben.

Wann bekamen Sie Ihre erste Barbie?

Das war 1967, mit sechs Jahren. Damals war Barbie noch eine Neuheit, die längst nicht jeder besaß. Sie hatte damals einen Miniatur-Plattenspieler, bei dem man auch die Platten wechseln konnte. Ich fand das toll und wollte unbedingt eine haben. Meine Eltern erfüllten mir diesen Wunsch.

Und wann wurde daraus eine Sammelleidenschaft?

Als meine Tochter drei oder vier Jahre alt war, Mitte der 90er-Jahre, holte ich meine alten Barbies wieder raus. Aber sie fand die Puppen doof und wollte nicht damit spielen. Klar, es gab ja längst aktuellere Modelle mit Walkman und neuer Mode. Ich überzeugte sie schließlich mit einer Flip-N-Dive-Barbie, deren Startblock man am Wannenrand befestigen konnte und die dann einen Salto ins Wasser machte. Die Beschäftigung mit den Sportarten, die Barbie ausübte, fachte meine Sammelleidenschaft an. Ich fing an, alte Puppen zu restaurieren, organisierte kleine Ausstellungen. Als dann die Sammlerin Karin Schrey vom Museum der Stadt Ratingen auf mich zukam und über mich schreiben wollte, hatte ich eine Art Seelenverwandte gefunden. Wir bekamen den Zuschlag und Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen für unsere erste große Ausstellung. Mittlerweile ist „Busy Girl“, die anhand von Barbie über die Berufstätigkeit von Frauen im Wandel der Zeit erzählt und für die wir mit Gleichstellungsstellen und Schulen zusammenarbeiten, an über 40 Stationen zu sehen gewesen.

Einfach abheben: Bettina Dorfmann und Karin Schrey (re.) mit Stewardessen- und Astronauten-Barbies.
Foto: Privat

Ihre Sammlung umfasst 18.000 Puppen, mit dieser weltweit größten Barbie-Sammlung stehen Sie im Guinnessbuch der Rekorde. Was bedeutet Ihnen das?

Ich stehe schon zum fünften Mal da drin, und natürlich ist man da schon stolz. Aber ich habe mich nie um die Einträge beworben, die sind immer auf mich zugekommen.

Wo bewahren Sie alle diese Puppen auf?

Viele sind ja auf den Ausstellungen unterwegs und werden sonst eingelagert. Zu Hause habe ich auch eine Ausstellung, die man buchen kann. Aber dafür gibt es einen separaten Raum. Die Barbies sitzen jetzt nicht alle auf meinem Sofa rum, man braucht ja auch noch puppenfreie Zonen.

Welche ist Ihre wertvollste Puppe?

Die Barbie Nummer eins von 1959, natürlich im Original, mit Schachtel und gebundenen Haaren. Die gab es nur in den USA, heute hat sie einen Wert von rund 8000 Euro.

Ihr ganzes Leben scheint sich um Barbie zu drehen. Was steckt hinter Ihrer Begeisterung?

Ich habe immer gern mit Barbiepuppen gespielt, einfach, weil sie so neutral sind und man mit ihnen alles machen kann. Man kann ihre Welten aufbauen, ihnen Möbel ins Haus stellen, Kleider für sie nähen. Man kann allein mit ihnen spielen, aber auch Rollen verteilen mit Freunden. Barbie ist für mich eine tolle Kindheitserinnerung, aus der eine große Leidenschaft geworden ist.