Meeresbrise aus dem Ventilator: drei Ensembles aus Chanels „Balade en Méditerranée“-Kollektion 2020/21, fotografiert im Studio mit den Models Mica Argañaraz (Mitte) und Camille Hurel.  
Fotos: Karim Sadli/Courtesy Chanel

Paris - „Die Mode ist eine sehr konservative Industrie,“ erklärte mir kürzlich der Pariser PR-Guru Lucien Pagès, bei dem angesagte Marken wie Jacquemus oder Nina Ricci unter Vertrag stehen, am Telefon. „Sobald es keinen Coronavirus mehr gibt, werden wir wieder eine Pariser Fashion Week haben. Wir stellen ja auch keine Fußballspiele grundsätzlich in Frage, oder Theaterstücke. Ein Fashion-Designer träumt von einer Modenschau, so wie ein Regisseur seinen Film im Kino sehen will.“

Echte Kiesel vor gemaltem Hintergrund: Model Karly Loyce in einem Abendensemble der Cruise-Kollektion, in dem sich auch spontan heiraten lässt. Alles von Chanel.
Foto: Julien Martinez Leclerc/Courtesy Chanel

Auch Chanels Kreativdirektorin Virginie Viard hätte die Fashiongemeinde lieber auf Capri empfangen, Champagner in der Hand und Blick aufs azurblaue Meer. Doch wegen des Shutdowns musste die Präsentation der Chanel-Cruise-Kollektion 2020/21 auf Abstand stattfinden. „Balade en Mediterranée“, Spaziergang am Mittelmeer, lautet der Titel einer Video- und Fotoserenade, mit der die Luxusmarke seit Anfang Juni auf Instagram und Youtube für ihre neueste Produkte-Wunderwelt warb.

Zur Einstimmung gab es in den Tagen vor dem digitalen Kollektionslaunch auf Instagram Ansichten des realen Capri. Hier ein abendlicher Blick aus dem Garten der 1905 erbauten Villa Lysis, einem Lieblingsort von Karl Lagerfeld.
Foto: Bea De Giacomo/Courtesy Chanel

Capri wurde dafür gleich mehrfach Covid-19-gerecht eingefangen. Einmal in menschenlosen Natur-Kurzvideos wie von einem einsamen Spaziergang über die Insel; einmal als filmperfekte Kulisse im Hightech-Fotostudio, komplett mit echten Strandkieseln, Meeresbrise aus dem Ventilator und einem Nachbau der Terrasse der 1905 vom Dandy Jacques Fersen auf Capri erbauten Villa Lysis, die zu den Lieblingsorten von Karl Lagerfeld gehörte.

Aufgrund des Lockdowns bei den Zulieferbetrieben habe sie für die Entwürfe nur bereits eingelagerte Stoffe, Borten und Knöpfe genutzt, schreibt Virginie Viard in ihrem Pressetext. Den schwarzen und weißen Looks aus Sommertweed, Bandeau-Tops in Rosé-Tönen, Bauchketten mit Chanel-Logo und knappen Shorts war von Rationierung oder Trübsinn nichts anzumerken.

Dafür lohnen sich die Pilatesstunden: Mica Argañaraz im Chanel-Tailleur 2020/21. Die Studiokulisse imitiert die Terrasse der Villa Lysis auf Capri, bis hin zu den Fliesen mit Margeritenmuster. 
Foto: Julien Martinez Leclerc/Courtesy Chanel

Eine Cruise‐Show durch ein simples Video zu ersetzen, ist ein drastischer Schritt für das Pariser Modehaus. Normalerweise werden dafür jedes Jahr Journalisten, wichtige Kunden, Künstler und Freunde des Hauses an möglichst glamouröse Orte eingeflogen, die thematisch zur Kollektion passen. „Das Défilé ist der Anfang der Geschichte,“ erklärte Chanel-Chef Bruno Pavlovsky in einem Interview mit The Business Of Fashion. „Der Rhythmus ist, den Boutiquen alle zwei Monate neue Produkte zu liefern, und wir fühlen uns mit diesem Rhythmus sehr wohl. Jede Kollektion steht für sich und ist auf ein Thema fokussiert; wir machen dieses Storytelling sechs Mal im Jahr.“ Daran wolle man auch in Zukunft festhalten, sagte er.

Pavlovskys Position ist durchaus verständlich. Wer schon einmal eine physische Chanel-Modenschau besucht hat, unter der Kuppel des Grand Palais an einem künstlichen Strand oder an Supermarktregalen mit Chanel-Produkten entlang spaziert ist, der weiß, dass ein paar Instagram-Filmchen niemals diese Wirkung haben können. (Auch wenn die Capri-Ferienstimmung gerade für Corona-Zeiten wirklich keine schlechte Idee war.)

Bloß raus aus der praktischen Corona-Kluft: Model Camille Hurel zeigt, wie der Bikini auch ins Restaurant kann. Alles von Chanel.
Foto:  Julien Martinez Leclerc/Courtesy Chanel

Es ist einfach nicht dasselbe, ob man Entwürfe nur für Sekunden und ausschnittsweise zu sehen bekommt, oder ob man beispielweise ein Model in Musketierstiefeln und weiten, seitlich aufgeknöpften Hosen über den Laufsteg gehen sieht und dabei das Geräusch des auf das Leder schlagenden Stoffes hört. Bei einer Modenschau sind die herrlichsten Anziehdinge zum Greifen nah, man kann sie förmlich spüren – und von da ist der Wunsch, sie zu besitzen nicht mehr weit. Verständlich also, dass Chanel an seinen Shows festhalten möchte. Nur sechsmal im Jahr braucht man sie nicht.