Berlin Fashion Week künftig ohne Mercedes-Benz: Wie geht's nun weiter?

Der Autokonzern zieht sich offenbar als Sponsor zurück – eine Modewoche wird es im Januar trotzdem geben. Und die zeigt sich üppig, wie seit Jahren nicht mehr.

Viele Neuzugänge, einige alte Hasen: Nach mehrjähriger Pause kommt auch das Label Odeeh zurück nach Berlin.
Viele Neuzugänge, einige alte Hasen: Nach mehrjähriger Pause kommt auch das Label Odeeh zurück nach Berlin.Imago

In der deutschen Modebranche hatte man sich schon länger gefragt, wie lange es die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin in ihrer bisherigen Form noch geben wird. Wie lange der Autokonzern an seinem Engagement in der Hauptstadt festhält. Nun scheint sich zu bestätigen, was in der Berliner Szene seit wenigen Tagen als Gerücht kursiert: Nach rund 15 Jahren zieht sich das Unternehmen als Hauptsponsor der deutschen Modewoche zurück – die Mercedes-Benz Fashion Week wird es in seiner bisherigen Form offenbar nicht mehr geben.

In einem Statement der Automarke, das der Berliner Zeitung exklusiv vorliegt, werden die Vorgänge gleichwohl nur indirekt bestätigt: Die Mercedes-Benz AG hebt zum einen ihr globales Engagement im Modesektor hervor; tatsächlich tritt das Unternehmen seit Jahren und auch weiterhin in mehreren Städten und Ländern wie Madrid oder Mexiko als Sponsor der dortigen Modewochen auf.

Zum Berliner Format heißt es allerdings: „Um Zielgruppen und Kunden bestmöglich zu erreichen, werden alle Kommunikationsplattformen bei Mercedes-Benz kontinuierlich und individuell überprüft. Dazu gehört auch das Engagement der Marke bei internationalen Fashion Weeks und Events. So auch im deutschen Markt in der Modemetropole Berlin.“ Und weiter: „Derzeit arbeiten wir an einem neuen Konzept, das Mode-Engagement der Marke auf dem deutschen Markt in 2023 zu präsentieren.“

Eine Absage an den deutschen Modestandort ist das also keineswegs – wohl aber ein Hinweis darauf, dass man sich nach neuen Präsentationsplattformen und mithin wohl auch nach neuen Partnern umsieht. Das passt gut zu einer Meldung, die vor wenigen Tagen durch den Fashion Council Germany (FCG) verschickt wurde, den deutschen Moderat, der die Branche vor Politik und Wirtschaft vertritt.

Der Konzeptwettbewerb hat mit großer Kreativität der Teilnehmenden viele innovative und nachhaltige Ideen für die Berlin Fashion Week hervorgebracht.

Wirtschaftssenator Stephan Schwarz

Darin nämlich wird zwar eine Modewoche für den gewohnten Zeitraum vom 16. bis 21. Januar 2023 angekündigt, die „Mercedes-Benz Fashion Week Berlin“ allerdings, die ohnehin immer nur ein Teilformat der gesamten Modewoche war, taucht darin nicht mehr auf. Der größte Geldgeber für die Veranstaltungen im Januar, so ist der Ankündigung zu entnehmen, wird die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe sein.

Der Fashion Council Germany hat mit Förderungen des Senats einen Wettbewerb ausgeschrieben, der 29 verschiedene Preisträgerinnen und Preisträger hervorgebracht hat. Sie wurden durch eine Fachjury ausgewählt, darunter der MCM-Kreativchef Dirk Schönberger oder Herbert Hofmann, der Kreativ- und Einkaufschef des international renommierten Berliner Medien-Formats Highsnobiety. Insgesamt bewegen sich die durch den Senat bereitgestellten Fördergelder offenbar in einem siebenstelligen Bereich. „Der Konzeptwettbewerb hat mit großer Kreativität der Teilnehmenden viele innovative und nachhaltige Ideen für die Berlin Fashion Week hervorgebracht“, heißt es dazu von Wirtschaftssenator Stephan Schwarz; man freue sich auf die Umsetzung und gratuliere den gewinnenden Marken.

Diese konnten sich mit Präsentationsvorhaben in drei Kategorien für die Förderungen bewerben: Unter der Überschrift „Berlin Contemporary“ wurden Konzepte für klassische Modenschauen eingereicht. Zu den 18 gewinnenden Marken, die je eine Förderung von 25.000 Euro für ihre Show erhalten, gehören etablierte Labels wie Odeeh, das nach einigen Saisons der Pause somit eine Rückkehr auf die Berliner Modewoche feiert, oder die international bekannte Berliner Marke Rianna + Nina, die ihre Entwürfe selbst im New Yorker Kaufhaus Bergdorf Goodman verkauft.

Wir spüren eine neue Aufbruchsstimmung – ein neues Miteinander. Dieses Momentum müssen wir nutzen, um Mode in und aus Deutschland zu präsentieren.

FCG-Vorstandsvorsitzende Christiane Arp

Unter den kleineren – und durchaus vielversprechenden – Nachwuchslabels, die im Januar eine Modenschau ausrichten, sind etwa Namilia, SF1OG oder Sia Arnika; letzteres Label wird sogar von Kylie Jenner getragen. „Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wieviel Potenzial in der deutschen Fashion-Szene vorhanden ist“, lässt die FCG-Vorstandsvorsitzende Christiane Arp ausrichten. „Wir spüren eine neue Aufbruchsstimmung – ein neues Miteinander. Dieses Momentum müssen wir nutzen, um Mode in und aus Deutschland zu präsentieren.“ Dafür sei Berlin der geeignete Ort.

Eine weitere Kategorie ist mit dem Titel „Studio2Retail“ überschrieben, hier werden speziell Einzelhandels- und Atelier-Events mit je bis zu 5000 Euro gefördert, darunter die Kleiderei Berlin oder Wardrobe Affair. Die höchsten Preisgelder wurden in der Kategorie „BWF Multiplikatorformate“ vergeben. Bis zu 189.000 Euro gehen hier an Konzepte, die die Berliner Modewoche stärker in einen internationalen Fokus rücken, ihre Bekanntheit ausbauen sollen. Unter den Gewinnern ist zum Beispiel die Berliner Sales-Agentur Melagence oder die Veranstaltungs-Plattform „202030 - The Berlin Fashion Summit“, die Themen der Nachhaltigkeit auf verschiedene Weise sichtbar macht und vermittelt.

Und dann wären da – unabhängig von den Senatsförderungen – ja noch die Modemessen der Premium-Gruppe, die seit 20 Jahren eine feste Größe im internationalen Modekalender und auf der Berliner Fashion Week sind. Nach einer coronabedingten zweijährigen Pause hatten die Veranstaltungen der Messechefin Anita Tillmann und ihres Geschäftspartners Jörg Arntz schon Anfang September das erste Mal wieder in Berlin stattgefunden. Vom 17. Bis 19. Januar werden sie dann erneut in den Räumlichkeiten der Messe Berlin ausgerichtet – dieses Mal mit einem nochmal ausgefeilteren, vielseitigeren Programm: Es wird neben dem üblichen Messebetrieb auch Partys, Talkformate und Podien bereithalten, die sich zum Beispiel mit Themen der Nachhaltigkeit oder Modetechnologie auseinandersetzen.

Ein insgesamt überraschend üppiges Programm, wie man es auf der Berliner Modewoche schon seit Jahren nicht mehr erleben durfte. Insofern wirkt das Wort „Aufbruchsstimmung“, das in der Ankündigung des Fashion Council Germany gleich mehrmals auftaucht, tatsächlich nur im ersten Moment etwas euphemistisch. Eher scheint es, als wolle Berlin es nicht bloß nochmal wissen – sondern als dürfte aus der neu positionierten Fashion Week wirklich etwas werden.