Berlin - Der Alexanderplatz ist kein Ort süßlicher Beschaulichkeit, auch kiezige Cosyness vermag er nicht zu vermitteln. Vielmehr ist seine Aura roh und respekteinflößend, denn die Architektur der sozialistischen Supermoderne hat den Platz noch fest im Griff – auch wenn einige Fassaden inzwischen westlicher Aufhübschung anheim fielen. Aus heutiger Sicht ein Frevel!  Doch die junge Generation stört das nicht, vor allem sie zieht dieser geschichtsträchtige Ort mit seiner zugigen Weite an. Und was uns in Sachen Fashion hier ganz besonders auffällt: Das Techno-Revival ist bereits in vollem Gange, und zwar nicht nur musikalisch, sondern auch in modischer Hinsicht. Das und noch viel mehr verrät unser Style-Check unterm Fernsehturm.

Grzegorz Bacinski
Großstadtromantik pur: Julie wartet am Brunnen der Völkerfreundschaft auf ihren Freund. Sie arbeitet als freischaffende Künstlerin, derzeit vor allem als Set-Designerin für Musikvideos. Sie kauft eigentlich alles nur „Vintage“, sagt sie, außer den Schuhen, die von Högl sind. Den Ledermantel hat sie auf einem Pariser Flohmarkt erstanden, die schwarze Levi's ist ebenfalls aus zweiter Hand. Den Wollpullover hat sie sich von ihrem Bruder geliehen.
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Die slick zurückgegelten Haare wurden Julie zuvor bei einem Shoot gestylt, denn die Berlinerin modelt nebenbei. Die Ohrringe hat sie auf dem Flohmarkt am Maybachufer in Neukölln gekauft.
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Keep smiling: Ein Tattoo als Appell an das Lächeln.
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Links ein Ring von der griechischen Mama, rechts ein Vintage-Ring aus Budapest.
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Noé ist gebürtiger Luxemburger. Derzeit lebt er in Berlin, um Verfahrenstechnik zu studieren. Hier am Alexanderplatz beeindruckt er mit herausragender Style-Kompetenz: Gemusterte Teddy-Jacke von Stüssy, Hose von Carhartt WIP, Sneakers des schwedischen Labels Axel Arigato und eine Gucci-Tasche.
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Die originale Gucci-Tasche aus Canvas mit Doppel-G-Muster ist aus den 80er-Jahren. Sie gehörte einst seiner Oma, wie Noé erzählt.
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„Gucci Accessory Collection - Made in Italy“, das Gucci-Label dieser Kollektion aus den 80er-Jahren.
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Darunter eine zweites Label, das an einen Geldschein erinnert. Es dürfte schon eine Reaktion auf die aufkommenden Gucci-Fälschungen gewesen sein.
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Das Sneakers-Modell von Axel Arigato heißt „Catfish“.
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Nach dem Rave ist vor dem Rave, zumindest für Mary und Saifu. Mary wohnt in Hohenschönhausen und arbeitet als Kindergärtnerin, manchmal veranstaltet sie auch Techno-Partys, wie sie sagt. Ihr Look: rotgefärbte Haare, Cateye-Sonnenbrille, Vans-T-Shirt, 80er-Bootcut-Hose und Nike Airmax. Saifu lebt in Wedding und ist Techno-DJ, sein Look: Pullover von Carlo Colluci, darüber ein Adidas-T-Shirt, dazu Adidas-Trainingshose und Nike TN.
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Mit dem Techno-Revival feiert auch die Club-Fashion aus den späten 90er- und beginnenden Nullerjahren ein Comeback. Damals waren das die Outfits der Nacht, heute sieht man die Looks auch im Alltag -  und sie werden sowohl von der Luxusmode als auch von der Fast Fashion reproduziert.
Grzegorz Bacinski
Marys Tattoos: 1312 für A.C.A.B. („All cops are bastards“), die Krone ist ein Cover-up-Tattoo. Der Siegelring mit Totenkopf ein Geschenk von Opa.
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Auch Mimi und Linda lieben den Techno-Style. Das zeigen sie eindrucksvoll mit bauchfreien Tops, Piercings, Fetisch-Details und chunky Boots. Mimi trägt einen Vintage-Echtledermantel, ein Oberteil mit psychedelischem Muster sowie Minirock und Overknees aus Kunstleder. Lindas Teddy-Jacke ist von Mimi geliehen, das rote Spitzenbustier und die Hose sind von Zara, die Plateau-Boots „no name“.
Grzegorz Bacinski
Fetisch-Anleihen spielen beim Rave-Fashion-Revival 2022 eine größere Rolle als beim Aufkommen der Clubwear in den 90er-Jahren.
Grzegorz Bacinski
Ihr Top hat Mimi im Internet gekauft. Das Muster erinnert an die Clubvisuals der 90er- und Nullerjahre, die mit einfachen Animationsprogrammen an die Clubwände projiziert wurden. Die blaue Tasche ist von Urban Outfitters.
Grzegorz Bacinski
Die beiden Freundinnen leben in München, Linda arbeitet als Krankenschwester, Mimi macht eine Ausbildung als Steuerfachangestellte. Die beiden betreiben gemeinsam den Instagram-Account @technotusen.
Grzegorz Bacinski
Man sagt, das Bücherlesen sei zurück. Hier ein wunderschöner Beweis in Person von Nona aus Prenzlauer Berg. Sie und ihr Goldendoodle Buba warten auf Mama, die gerade einkaufen ist. Nona trägt eine Pufferjacke von Hallhuber, Tuch und Jeans sind von Mango.
Grzegorz Bacinski
Schon süß: Nonas Markenzeichen sind ihre zwei geflochtenen Zöpfe.
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Wir fanden Nona vertieft in den Karl-May-Schmöker „Der Schatz am Silbersee“. Die Schülerin ist Karl-May-Fan und hat fast alle seine Bücher zu Hause.
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Der Musiker Seba ist aus Los Angeles angereist, um seine ukrainische Oma zu besuchen, die nach der Flucht bei einer deutschen Familie in Potsdam untergekommen ist. Ein trauriger Anlass für eine Familienzusammenkunft, aber eine herzerwärmende Geschichte. Seba ist auch Skater, der Kenner sieht es am casual Look: cremeweiße Cordjacke (Uniqlo), weißes Poloshirt (Target), graue Cordhose (Onia) und leichte Stoffschuhe (Replay). Im Hintergrund zu sehen: die Weltzeituhr, die hier seit 1969 steht.
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Sebas Cap ist von The Hundreds, einem Skaterlabel aus Los Angeles.
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Auch die Tasche ist von The Hundreds.
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Die gebürtige Mexikanerin Raxide lebt zur Zeit in Oldenburg, wo sie Neurowissenschaften studiert. Sie besucht ihren Freund Manuel, der  vor einem Jahr aus Argentinien nach Berlin kam und hier derzeit für einen Delivery-Dienst arbeitet. Sein Ziel ist ein Job als Web-Developer.
Grzegorz Bacinski
Die Hummel-Sportjacke eines Polizeisportvereins aus Tegel ist das Geschenk eines Freundes, erzählt Manuel. Dazu trägt er ein Uniqlo-Shirt, eine Jogginghose von Primark und Schuhe von New Balance.
Grzegorz Bacinski
Raxide trägt gerne knallige Farben auf dem Kopf. Derzeit ist es ein pastelliges Violett. Dazu kombiniert sie ein schlichtes Outfit in Schwarz, bestehend aus Teddy-Jacke von The North Face, Uniqlo-Hose und Reebok-Sneakers. Dazu eine Crossbody-Bag der Outdoor-Marke Patagonia.
Grzegorz Bacinski
Die Schülerinnen Hellero und Lillian kommen aus Hamburg und befinden sich derzeit auf Klassenfahrt. Den Partnerlook aus Baseballjacken, weißen Shirts und hellblauen Jeans krönen sie mit ihren Frisuren. Ihre Zöpfe samt bunter Strähnen lassen sie beim selben Friseur machen.
Grzegorz Bacinski
Hellero trägt ein T-Shirt mit einem Aufdruck der Sängerin Aaliyah, die 2001 mit 22 Jahren bei einem Flugzeugunglück ums Leben kam. Die Jacke ist von Boohoo, die Tasche ein Geschenk von Mama.
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Zu ihren Primark-Jeans tragen die Schülerinnen Nike Jordan 4 (Lillian) und Nike Air Force 1 (Hellero).

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