Pornos im Öffentlich-Rechtlichen: Voll pervers – die zweifelhafte Erotik der Moral

Berliner Jusos fordern Pornos im Öffentlich-Rechtlichen – unserer Kolumnistin graut davor. Was wären das für Filme, die am deutschen Fernsehrat vorbeikommen?

Dann doch lieber Kopfkino: Die besten Filme produziert Hanna Lakomy selbst. 
Dann doch lieber Kopfkino: Die besten Filme produziert Hanna Lakomy selbst. Uwe Hauth

Und, welche Pornos schauen Sie so am liebsten? Dass Sie Pornos schauen, davon gehe ich aus. Und wenn Sie zu den Ausnahmen gehören, die das wirklich, wirklich nicht – also nein, gar nicht! – tun, dann sage ich Ihnen auf den Kopf zu, dass Sie wahrscheinlich doch Pornos schauen – nur halt Ihre eigenen, in Ihrem Kopfkino. Und dass dieses Kopfkino Ihnen etwas bedeutet, ein kostbares Geheimnis ist.

Pornos im öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Sollten Pornofilme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt werden? Die Jusos fordern das. Es geht um ethische, feministische Pornos, denen man eine Chance geben will, neben der Flut von billigem Trash im Internet wahrnehmbarer zu werden. Das ZDF-Magazin hat das ja mal gemacht, mit der Regisseurin Paulita Pappel. Doch der Film, der dann mit den Geldern des ZDF entstanden ist (und dort nicht gezeigt werden durfte, ich sah ihn dann anderswo im kleinen Kreis), den fand ich todlangweilig. Langweiliger als die anderen Filme von Paulita Pappel, die sie auf eigene Rechnung produziert hatte.

Mir graut bei der Vorstellung, was für Filme es sein würden, die am deutschen Fernsehrat vorbeikommen.

Ethische Pornos – damit können für mich nur die Arbeitsbedingungen der Beteiligten gemeint sein. Nicht der Inhalt. Ein Film, der mir nur das zeigt, was okay ist, womöglich noch mit überbetonter Demonstration, wie korrekt und anständig alles zugeht, löst bei mir nur Belustigung aus, aber keine Lust. Er macht mich schlicht nicht an. Wenn mein Staat mir sagt, hier, zu diesem Streifen darfst du dich rechtschaffend erregen, geht bei mir gar nichts mehr. Ich habe keine Lust, mir Filme über die Normalität des Sexualverhaltens netter Durchschnittsbürger anzusehen. Ich brauche keinen Sexualkundeunterricht. Aber ich bin ja nicht der Maßstab.

Triebhafte und Perverse

Meine Beischlafgefährten unterteile ich in zwei Klassen: die Triebhaften und die Perversen. Wahrscheinlich denken Sie jetzt: Pfui, wie schrecklich. Und rechnen sich selbst keiner der beiden Gruppen zu. Irrtum. Die Triebhaften, das sind einfach die ganz Normalen, die einem vitalen Bedürfnis folgen, wie die meisten Tiere. Für sie ist Sex eben etwas ganz Natürliches, so wie Essen und Trinken. Nur dass es halt nicht so oft sein muss. Aber sein muss es. In regelmäßigen Abständen. Maßvoll! Sex ist ja so wichtig auch wieder nicht. Und wenn die Triebabfuhr erfolgt ist, ist es auch mal gut, und sie gehen ihrer Wege, zufrieden, satt und bumsfidel. Die Triebhaften beschreiben sich selbst gern als ganz normal und sind anscheinend stolz auf ihr Normalsein.

Aber es gibt auch die anderen. Jene, für die Sex mehr ist als Triebabfuhr. Ein Drang, der nicht einfach vorbeigeht, wenn man ihm nachgibt. Wo die Lust sich steigert als Obsession. Es sind Menschen, die sehr gut Monate oder sogar Jahre ohne Sex auskommen können. Und dann, aufgrund eines Gedankens, eines Bildes im Kopf – kommen diese Menschen auf den Sex. Nein, nicht auf den Sex: auf die Erotik. Erotik ist eine Kopfsache und damit pervers. Nicht triebhaft und naturhaft, sondern vergeistigt. Sie fetischisiert, belegt Gegenstände mit Magie, ist eine magische Fähigkeit. Und durchaus auch ohne Gebrauch von anderer Leute Körper möglich.

Es sind die Perversen durch die Bank Wichser. Die Masturbation ist das Zentrale ihrer Sexualität, die Hauptsache, und wenn sie mit anderen Menschen sexuell verkehren, so ist dies eigentlich nur erweiterte Masturbation mit Anwesenheit oder Beteiligung eines anderen Menschen. Umso schöner, wenn dieser andere auch ein so vergeistigter Wichser ist. Und ich will gar keinen Hehl daraus machen, dass die Erotiker mir näherstehen. Auch dann, wenn ich mich nicht für jeden schrägen Fetisch begeistern kann, faszinieren sie mich. Leider sind sie unter meinen Kunden die Ausnahme. Zu kompliziert, zu komplexbeladen gestaltet sich das Verhältnis zu anderen Menschen. Erst recht im zeitlich begrenzten Rahmen einer schnöden Sexdienstleistung.

Da haben es diejenigen wirklich leichter, die kein erotisches Szenario brauchen. Die vollauf zufrieden sind, dass ich überhaupt da bin, als Realität – und sich nicht denken können, dass das mir selbst wiederum nicht reicht.

Ich bin eine passionierte Kopfkinobetreiberin. Nicht alle wollen mit mir ins Kino – aber manche lassen mich einfach faseln, während sie tun, was sie nicht lassen können. Vielleicht gefällt den meisten das Zeug nicht mal und sie ertragen es nur, weil sie merken, dass es mir selbst offensichtlich gefällt. Mein Kopfkino-Repertoire, es ist ziemlich düster, ziemlich Hardcore. Vergewaltigungsfantasien und ähnlich Verbotenes. Es sind meine Filme, nicht die der Männer. Ich spreche sie von jeder Schuld frei. Meine Kunden haben es mit einer Perversen zu tun. Aber nur mit einer Perversen der Worte. Meine Praxis ist harmlos, Vanillasex, wie es als Porno-Genre heißt, nur mein Kopfkino ist pervers. Ich könnte das, was mich in der Fantasie erregt, niemals ertragen. Das weiß ich. Aber dennoch bin ich berauscht von meinen Fantasien.

Mein erster Porno

Wir saßen im Zimmer von Bastis großem Bruder. Sein Bruder hatte einen eigenen Fernseher mit Videorekorder. Wir, das waren meine beste Freundin Lina, Basti und ich, wir waren elf Jahre alt. Basti hatte in den Sachen seines großen Bruders etwas gefunden, was er uns unbedingt zeigen wollte.

Wir waren fasziniert und amüsiert: Nachdem Basti es fertiggebracht hatte, die Videokassette, die er versteckt in den Sachen seines Bruders gefunden hatte, einzulegen, startete das Video direkt in der Mitte von dem, was man wohlwollend als Handlung bezeichnen könnte. Bastis Bruder hatte die Kassette nicht ordentlich zurückgespult. Was uns auf dem Bildschirm entgegenleuchtete, war die Nahaufnahme einer Penetration einer Vagina durch einen Penis – diese Art von expliziten Pornos, wie es sie zuerst in Holland legal zu kaufen gab, war viel anschaulicher als das sehr vage Aufklärungsfilmchen, das uns in der Schule vorgeführt worden war. Basti war ganz aufgeregt, und auch Lina und ich taten so, und erwiesen dieser Entdeckung die gebührende Ehre mit dem Ausruf: „Voll pervers!“ Doch meiner besten Freundin und mir offenbarte es eine große Enttäuschung: Wir hatten es uns nämlich viel dramatischer vorgestellt.

Jedes Mal, wenn Lina bei mir übernachtete, masturbierten wir gemeinsam nach meiner Anleitung, und ich erzählte dazu passende Fantasiegeschichten. Das, was wir da auf dem Bildschirm sahen, war viel langweiliger als jede meiner Geschichten. Meine Ohren glühten. Ich fühlte mich wie eine Hochstaplerin.

Lange nachdem ich erwachsen geworden war, standen mir Internet und Suchmaschinen zur Verfügung. Beim gründlichen Studium von Porno-Websites registrierte ich mit einer gewissen Kränkung, wie wenig originell ich doch bin. Die Kategorien „Hardcore BDSM“ und „Public Disgrace“ beispielsweise enthielten mehr oder weniger exakte Versionen der Szenarien, die mein präpubertärer Geist imaginiert hatte, wenn ich mich in selbstverständlicher Weise selbst befriedigte, ohne mich dafür je schuldig zu fühlen.

Mich würde übrigens mal eine wissenschaftliche Studie interessieren, die gewisse Kategorien sexueller Fetische zum Gegenstand hat und untersucht, warum sie so spezifisch sind, und unter welchen Umständen sie entstehen. Ich weiß nicht, woher meine erotischen Fantasien so früh kamen. Niemand hat es mir beigebracht. Schon gar nicht die Pornoindustrie. Ich brauchte die Pornoindustrie nie. Aber ich sehe ihre tiefe Berechtigung als Spiegelbild eines Teils menschlicher Integrität.

Ich mache mir Gedanken. Ich versuche eine Ordnung zu erkennen bei erotischen Fantasien. Ich teile sie ein in drei Kategorien, die ich mir ausgedacht habe. Ich habe Schubladen im Kopf. Das Philosophiestudium hat mich so verdorben.

Erotische Fantasien der ersten Kategorie sind Fantasien, die in der Realität durchaus möglich sind. Wunschträume. Wie der Sex mit einem fernen geliebten Menschen. Oder ein anderes Geschlecht zu haben als das bei der Geburt zugewiesene. Man könnte es real erleben. Die Fantasie ist kein Selbstzweck, sondern eine Ersatzbefriedigung.

Erotische Fantasien der zweiten Kategorie sind Wunschträume, von denen man sich Erfüllung verspricht, die jedoch in der Fantasie erfüllender sind als in der Realität. Dazu gehört zum Beispiel Sex an ungewöhnlichen Orten. Ein Fahrstuhl kann sehr ungemütlich sein! Oder Sex zu dritt, bei dem dann meist man selbst zu kurz kommt. Oder auch Spanking, wenn man nach dem ersten Peitschenhieb sofort begreift, dass man wohl doch nicht auf Schmerzen steht. Kurz gesagt alles, wo die eigenen Ansprüche zu weit hinter der persönlichen Leistungs- oder Leidensfähigkeit zurückstehen. Diese Fantasien verlieren nach der Probe aufs Exempel ihren Reiz.

Mit der dritten Kategorie wird es spannend: jene Fantasien, bei denen einem glasklar ist, dass man so etwas nicht wirklich erleben will. Es gibt ja die abgefahrensten Dinge im Universum der Pornografie. Inszenierungen von Überwältigung, Vergewaltigung und Demütigung. Bis zur Zerstörung des Körpers. Nehmen wir nur die japanischen Hentai-Comics, wo Frauen von Tentakelmonstern angefallen werden! Warum ist es möglich, dass solche Schreckensbilder erregend sind, und zwar offenbar für sehr viele Menschen? Haben sie eine Verbindung zu unseren Urängsten, als über Generationen vererbte Angstlust-Träume? Kann vielleicht das, was im Leben unerträglich ist, verdrängt werden muss, als erotische Fantasie zu einem Teil unseres Selbst werden, auf den man spielerisch wieder Zugriff hat?

Das habe ich mal so mit einem meiner Kunden durchanalysiert, der Psychiater von Beruf ist. Erstaunliche These, nicht wahr? In meinem Kopfkino dann machte ich ihn ehrenhalber zu meinem Psychiater (allerdings ganz anders, als die Bundesärztekammer es vorschreibt). Das Gefühl nach dem Orgasmus, wenn ich solche Fantasien mit meinen Beischlafgefährten teile, ist dasselbe Gefühl verwirrender Unschuld, das ich als Kind empfunden habe. Es hat sich nie etwas daran geändert. Vielleicht war ich nie eine erwachsene Frau. Mag über mich urteilen, wer es nicht lassen kann.

Menschen kann man nicht vorschreiben, was sie geil finden sollen

Die Fantasie einer Vergewaltigung kann mich also erregen, obwohl eine echte Vergewaltigung, von mir selbst oder Dritten, ganz andere Gefühle in mir auslöst. Und auch das Video einer echten Vergewaltigung. Bei einem vermeintlichen Porno, von dem man mir später sagte, dies sei gar nicht gestellt, es handle sich gar nicht um Pornodarsteller, sondern um ein reales Verbrechen, würde ich nach dieser Information ebenfalls keinerlei Erregung beim Anblick der Bilder mehr empfinden, sondern Ekel und Entsetzen. Aber was, wenn ich es nicht weiß, was ich da sehe?

Die Kategorien, die ich mir ausgedacht habe, sie greifen nicht, wenn es um Pornos geht. Die ja real sind. Unter realen Bedingungen gedreht, mit lebenden Menschen. Als Pornos in Umlauf gebrachte Filme von Sexualdelikten können denselben Zweck erfüllen wie alle Pornos. Man muss es nicht wissen, was man da eigentlich sieht, um erregt zu werden. Ich sehe das Problem.

Der Vergleich mit Prostitution drängt sich mir sofort auf: Woher soll ein Kunde wissen, ob sie freiwillig ihre Dienstleistung anbietet oder dazu gezwungen wird, wenn sie sich gut verstellt? Er kann es letztendlich nie mit hundertprozentiger Sicherheit wissen. Man kann ihm nicht die Verantwortung zuschieben. Und dann gibt es ja auch noch die, denen es gerade so gefällt. Ich sehe das Problem.

Menschen kann man nicht vorschreiben, was sie geil finden sollen. Man kann sich nicht mal selbst dazu bringen, etwas anderes geil zu finden, als man geil findet. Und daran ist nicht die Pornoindustrie schuld. Sie ist doch nur der Spiegel der Vorlieben, die Menschen nun mal haben. Ich habe immerhin mein Kopfkino. Aber was ist mit jenen, denen das nicht reicht? Nicht jedes Seil, das über einen Abgrund gespannt ist, hält. Nicht immer lässt es sich ausbalancieren, jenes empfindliche Gleichgewicht zwischen Sexmonster und Staatsbürger.

Zu folgern: Pornografie verbieten! (Analog: Freier bestrafen!), ist eine allzu verständliche Reaktion. Statt Straftaten mühselig einzeln zu verfolgen, wünscht man sich eine mächtige Keule, um kräftig draufzuschlagen auf die Bestie Mensch. Und natürlich gibt es solche Keulen. Lynchjustiz. Oder Verbotsgesetze. Entzug von Bürgerrechten. Die chemische Keule, wenn nötig, Libido-Hemmer. Die Todesstrafe für Vergewaltiger! Doch Vorsicht: Der moralische Furor kann Menschen hinwegreißen. Auch Moral ist ein Fetisch. Und insbesondere Bestrafungsfantasien können erotisch aufgeladen sein.

Die Bestie Mensch, sie ist auch eine Bestie, wenn sie moralisch entflammt ist. Los werden wir sie nie, auch im Kloster nicht, und den Heiligen in der Wüste sucht sein Dämon in der Einsamkeit heim. Der Inquisitor verbrennt selbst im Feuer seiner Leidenschaft. Nachtseite des Menschenwesens: Wann immer eine Ordnungsmacht versucht hat, sie auszumerzen, ward diese Ordnungsmacht selbst über kurzem zum frivolsten der Dämonen.