Diaspora Delight: Wie der Rapper-Schmuck die Welt eroberte

„Wie ein Diamant ist auch Hip-Hop unter Druck entstanden“, schreibt die Journalistin Vikki Tobak. Ihr Bildband „Ice Cold“ erzählt die Geschichte des Blings.

A$AP Ferg wurde der erste Schwarze Markenbotschafter des Traditionshauses Tiffany & Co.
A$AP Ferg wurde der erste Schwarze Markenbotschafter des Traditionshauses Tiffany & Co.C.T. Robert/Taschen

Erykah Badu fletscht ihre Zähne. Statt Weiß wird zwischen ihren Lippen Blau sichtbar: Grillz der Designerin Lillian Shalom, besetzt mit australischen Opalen. Auf einem anderen Foto hält sich Cardi B die Augen zu. Von ihrem Finger leuchtet dem Betrachter ein Ring der Pristine Jewelers entgegen, verziert mit pinkfarbenen und weißen Steinen. Ein paar Seiten weiter zeigt Pharrell Williams seinen nackten Oberkörper. Die dicke Gliederkette, die er trägt, ist über und über mit blauen, gelben und rosafarbenen Diamanten verziert, ein Entwurf von Jacob & Co.

Saphire, Smaragde, Rubine; Amethyst und Tansanit; Diamanten in den verschiedensten Farben – alles so schön bunt hier! Doch „Ice Cold – A Hip-Hop Jewelry History“ kann mehr, als fantastische Fotografien Seite um Seite aneinanderzureihen. Der Bildband, unlängst bei Taschen erschienen, gibt Einblicke in ein komplexes Musikgenre, in dem sich vielschichtige Identitäten auch über die Mode und das Modische konstituieren.

Im Zentrum steht immer der Schmuck, der Bling, der hier viel mehr ist als Stilstatement oder Statussymbol. „Ich erzähle schon genauso lange Geschichten durch meine Kleidung und meinen Schmuck, wie durch meine Beats und meine Reime“, schreibt der britisch-amerikanische Rapper Slick Rick in einem einführenden Essay. Andere Textbeiträge kommen von den Musikern A$AP Ferg und LL Cool J, außerdem von Vikki Tobak.

Nofretete als Anhänger: Straßenszene aus East Flatbush, 1982.
Nofretete als Anhänger: Straßenszene aus East Flatbush, 1982.Jamel Shabazz/Taschen

„Wie ein Diamant ist auch der Hip-Hop unter Druck entstanden“, schreibt Letztere, „ein rares Gut von reiner Exzellenz.“ Die Herausgeberin des Taschen-Bandes beschreibt den möglichst auffälligen, möglichst üppigen Schmuck des Hip-Hops, des Rap und R'n'B, der Vertreterinnen und Vertreter dieser Genres als ein Ventil. Als eine Möglichkeit, von der eigenen Herkunft zu erzählen, sie zu feiern, sich zugleich von ihr loszulösen.

Hauptsache heiß: Megan Thee Stallion trägt eine „Hot Girl“-Kette, mit Diamanten verschiedenen Schliffs besetzt.
Hauptsache heiß: Megan Thee Stallion trägt eine „Hot Girl“-Kette, mit Diamanten verschiedenen Schliffs besetzt.Marcelo Cantu/Taschen

Über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg haben Rassismus und Marginalisierung auf das Selbstempfinden afro-amerikanischer und Schwarzer Communities in den USA zurückgewirkt: „Nichts geschenkt bekommen, sich alles selbst verdienen.“ Seit den 1980ern sei der Rapper-Bling ein potentes Instrument der Selbstermächtigung. „Wer ein Schmuckstück anlegt“, so Tobak, „fühlt sich bedeutend, fühlt sich gesehen.“ Und Slick Rick: „Mein Schmuck ist mein Superhelden-Anzug, eine Erweiterung meiner schönen braunen Haut, die ein Geschenk unserer Vorfahren ist, die auf Thronen gesessen und regiert haben, mit Ringen und Diamanten in der Größe von Eiswürfeln.“

Heavy Metal: Rapper Cam’ron trägt gleich die ganze Welt um den Hals.
Heavy Metal: Rapper Cam’ron trägt gleich die ganze Welt um den Hals.Phil Knott/Taschen

Dass sich die Verhältnisse in der Musik und in der Mode allmählich geändert haben, auch das lässt sich in „Ice Cold“ blätternd erleben. Anhand des Schmucks zeigt der Band, wie sich Schwarze Kultur nicht nur emanzipiert, sondern zum gemeingültigen Vorbild entwickelt hat – bis zur Spitze der Popkultur, Top of the Pops. Gerade von der Modeindustrie viel zu lange ignoriert, sind es längst die Rapperinnen und MCs, die immer wieder den Ton angeben; die oft auch selbst Schmuck und Mode machen, Millionen verdienen mit ihren Kollaborationen und Kollektionen.

Auch das Buch ein Schmuckstück: „Ice Cold. A Hip-Hop Jewelry“, Taschen, Köln 2022, 389 Seiten, 80 Euro.
Auch das Buch ein Schmuckstück: „Ice Cold. A Hip-Hop Jewelry“, Taschen, Köln 2022, 389 Seiten, 80 Euro.Taschen

„Wenn die Luxusmarken darin versagen, uns zu bedienen“, schreibt Slick Rick, „dann machen wir eben unseren eigenen Luxus“ – von der Londoner Marke Wales Bonner, über Frank Oceans Accessoire-Label Homer, bis hin zur nigerianischen Schmuckdesignerin Thelma West; Virgil Abloh bei Louis Vuitton oder Olivier Rousteing bei Balmain. Das beeindruckt auch die traditionellen, teils tradierten Juweliermarken, die sich nun an Geschmack und Grandezza des Hip-Hops orientieren, die versuchen, den Anschluss nicht zu verlieren.

Hier mit Ringen von Dior: Der verstorbene Virgil Abloh war ein Stilvorbild.
Hier mit Ringen von Dior: Der verstorbene Virgil Abloh war ein Stilvorbild.Kenneth Cappello/Taschen

A$AP Ferg etwa wurde der erste Schwarze Markenbotschafter des Traditionshauses Tiffany & Co.; schon 2011 hatte auch die Uhrenmarke Hublot mit Jay-Z ein Genre-Schwergewicht verpflichtet. Gestalterisch ist es gerade der figurative Entwurf, der es ausgehend von der Hip-Hop-Szene bis in die Kollektionen großer Marken geschafft hat.

Zeichnete A$AP Ferg, wie er in seinem Essay schreibt, bereits als Teenager Schmuckstücke in den Formen von Comicfiguren und Videospiel-Charakteren wie Bart Simpson oder Mega Man, entwirft heute die Schmuckdesignerin Victoire de Castellane diamantenbesetzte Äffchen und Totenköpfchen für Dior. Verbildlichten großformatige Gold-Anhänger in der Form des Nofretete-Kopfs oder der Silhouette des afrikanischen Kontinents in den 80ern und 90ern die Sehnsucht der Diaspora, gibt es figurative Schmuckstücke heute auch bei H&M.

So sind es neben den ikonischen Fotos gerade die beeindruckenden, lehrreichen Textbeiträge, die „Ice Cold – A Hip-Hop Jewelry History“ so wertvoll machen. Und dann sieht auch noch die Publikation selbst wie ein echtes Schmuckstück aus: Der Buchrücken des beinahe 400 Seiten starken Bildbandes ist silbern gehalten mit goldener Schrift, geprägt in scharfes Krokoleder. Bling Bling, Baby!