Jeen Low beim Selbstversuch. Die 34-jährige Neuköllnerin möchte „die Magie eines perfekten Festival-Tages“ in die Großstadt verpflanzen.
Foto: camcop media / Andreas Klug

Berlin-NeuköllnDies ist die Geschichte von einer, die auszog, Berlin das Glitzern zu lehren. Jeen Low heißt die Tüchtige, denn tüchtig muss man sein, wenn man sich so etwas Ambitioniertes wie die Erhellung des Alltags vorgenommen hat. Von einem Neuköllner WG-Wohnzimmer im zweiten Stock eines Altbaus aus organisiert die 34-Jährige einen fröhlichen Feldzug.

 Was man mit Glitter falsch machen kann? Zu wenig davon zu benutzen, findet Jeen Low. Weil Glitter das Miteinander von Menschen fördere, und zwar auf die denkbar einfachste Art: durch schauen und angeschaut werden. Das durchaus potente Allzweckmittel bei der Verbreitung ihrer Botschaft: Reagenzgläser voller Glitzerstaub, aufgereiht zu einem gleißenden Regenbogen aus Pink, Lila, Türkis und Gold.  

Durch einen Vorhang aus Lametta tritt man ins Glitterlabor, das Wohnzimmer und Firmenzentrale zugleich ist. Jeen Low trägt schwarze, glitzernde Leggings. Schnell hockt sie im Schneidersitz auf dem Teppich (in dem natürlich unzählige Pünktchen schimmern) und erklärt ihre Mission. Vor vier Jahren hat sie das „Projekt Glitter“ auf den Weg gebracht.

Glitzerpuder als Lebensphilosophie

In der Investorensprache würde man das kleine Unternehmen wohl als „Start-up für biologisch abbaubares Glitzerpuder“ bezeichnen. Für Jeen Low hingegen, die viel passender Jeen Glow hieße, ist es eine veritable Lebensphilosophie. „Ich möchte die Magie eines perfekten Festival-Tages in den Alltag bringen“, sagt sie. „Wir brauchen viel mehr Verbindungen zueinander. In Berlin und auf der ganzen Welt.“ Mit ein bisschen Glitter ließen sich solche Verbindungen leichter knüpfen. Und glamouröser natürlich auch, darf man wohl ergänzen.

Glitter für Puristen: Partikel aus PVC oder PET kommt in vielen Formen wie Herzchen, Mond oder Stern. Bei Bio-Glitter dagegen sind die Teilchen immer hexagonal, also sechseckig.  
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In jedem Sommer finden sich in Fashion-Magazinen Tipps, wie sich Menschen mit Glitter verschönern können. Denn auf internationalen Musikfestivals ist das längst Usus; ein bisschen Glitter um die Augen, Strass auf den Wangen, Sternenstaub auf dem Scheitel gehören dort für Performer wie Besucher zum Optimierungsprogramm. Doch genau genommen gibt es kaum einen Ort, an dem man nicht von ein bisschen mehr Glitzer profitieren könnte, glaubt Jeen Low.

An Veranstaltungen rund um die Weihnachtstage etwa lässt Kerzenschein die kleinen Partikel auf der Haut besinnlich blitzen. Silvester kann es gar nicht genug funkeln. Und etwas später, in der Faschingszeit, ersetzt gekonnt platzierter Glitter aufwendige Kostüme. In Berlin, bekannt für  seine Verachtung des rheinischen Jeckentums, oft genau die richtige Dosis an Verkleidung.

Herkömmlicher Glitter ist übles Mikroplastik

Und dass jeder wintergraue U-Bahn-Morgen zwischen den Stationen Alexanderplatz und Leinestraße mit etwas Glitzer erfreulicher wirkt, erkennt man nicht nur dann, wenn man wie Jeen Low erst vor ein paar Jahren von Malaysia nach Neukölln gezogen ist.  

Berlin soll also glitzern, so weit, so gut. Herkömmlicher Glitter ist jedoch eine Mikroplastik-Katastrophe. Die Partikel bestehen aus Plastik, drumherum sorgt Aluminiumfolie für das Funkeln.

Schon während ihrer Studienzeit in London hat Low immer ein Tiegelchen Glitter in der Tasche dabeigehabt. Vor allem auf Festivals feierten die Briten ausgelassen, erzählt sie. „Die Leute scheuen sich nicht, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Davon könntet ihr euch in Berlin noch etwas abgucken.“ Bei jeder Gelegenheit verteilte Low schon damals Funkel-Portionen an Freunde und Fremde. Wenn sie abends den konventionellen Glitter im Abfluss verschwinden sah, wußte sie aber auch: Das ist eine dauerhafte Belastung für die Umwelt.

Lippenstift überflüssig: Jeen Low beim Auftragen ihres ökologisch korrekten Glitter.
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Nach sechs bis zwölf Monaten biologisch abgebaut

-Was sie wiederum erfinderisch werden ließ: Öko-Glitter wollte sie herstellen, ein Beautyprodukt mit Botschaft. Lange suchte Low nach einem Hersteller, der ohne Plastik auskam. Und wurde schließlich in Deutschland fündig. Der Glitter, den sie jetzt in der Neuköllner WG in Reagenzgläser abfüllt, besteht aus Zellulose und natürlich eingefärbter Alufolie. Das Aluminium mache 0,1 Prozent aus, so Low. Strenggenommen sei es biologisch nicht abbaubar. Aber es ist ein in der Erde auch natürlich vorkommendes Metall und gilt in so winzigen Mengen als unschädlich. Je nach den Umweltbedingungen ist ihr Glitter nach sechs bis zwölf Monaten abgebaut. Damit kann sie leben.

Doch kann sie auch davon leben? Gerade hat Jeen Low ihren Job in einem Tech-Unternehmen gekündigt, sie ist jetzt Vollzeit „in der Verbindungs-Industrie“ tätig, wie sie es formuliert. Auf jeder ihrer Glitzerampullen steht als einziger Verwendungshinweis „Share it.“ Also: Teile es, mit Freunden oder Fremden. Tun wir sehr gern.

Die Produkte von Jeen Low findet man im Internet unter projektglitter.com  Ein Set mit drei Ampullen und Kleber kostet 16 Euro, das Glitzer-Gel 12 Euro.  
Foto: camcop media / Andreas Klug