Ein Signaturgericht des Lokals: die „Heißen Schwarzen Steine“ aus Teig, gefüllt mit Scamorza-Käse und Wirsing.
Foto: Markus Wächter

BerlinGutes Licht im Restaurant liegt voll im Trend. Vermutlich ist Instagram nicht ganz unschuldig daran, dass in den letzten Jahren leuchttechnisch so stark aufgerüstet wurde in der Gastronomie. Viele Gäste dokumentieren inzwischen akribisch, was auf ihren Tellern liegt. Beliebt sind etwa schwarze Stablampen, die den Teller wie ein Spotlight genau ausleuchten. Im 2019 eröffneten Restaurant Boujee hängt ein ganzes Arsenal davon.

Beim ersten Betreten frage ich mich kurz, ob ich mich nicht in einen Interiordesign-Showroom verirrt habe. Denn um es vorsichtig auszudrücken: Das Boujee, das von dem Modefachhändler Sergej Braude aus Sankt Petersburg geführt wird, ist überkomplett dekoriert. Nicht nur was die Lampen angeht.

Auch in Sachen Aromen haut die Küche, die sich vorwiegend auf italienische Spezialitäten konzentriert und diese mit Eigenkreationen umspielt, ganz schön auf den Putz.

Schon im Namen steckt eine Referenz ans Wohlleben und Zur-Schau-Stellen: Das Wort „boujee“ ist eine absichtliche Falschschreibung von „bourgeois“ und Slang. Der Ausdruck bedeutet, dass man es trotz seiner Wurzeln geschafft hat – und er ist unter jungen Amerikanern durchaus anerkennend gemeint.

Auch Sergej Braude ist einer von denen, die es   geschafft haben. Er hat keinen Aufwand gescheut – die langen Tafeln etwa wurden aus 200 Jahre altem Eichenholz einer abgerissenen Brücke in Südrussland maßgefertigt und eingeflogen. Ebenso hat sich Braude um den Starkoch Christian Lorenzini bemüht, der immer mal wieder einfliegt. Fürs Boujee hat Lorenzini ein paar Signature Dishes konzipiert, etwa die „Hot Black Stones“, eine Vorspeise, mit der er sich in seinem eigenen Moskauer Restaurant einen Namen gemacht hat.

Sie werden in einer schwarzen Holzbox und auf Heu gebettet serviert, drei teigummantelte Pasteten, mit Sepia gefärbt und naturalistisch wie Steine geformt. Bricht man sie auf, fließt ein Saft, der von eingebackenem Wirsing stammt, dazu zieht ein flüssiger Kern aus Scamorza und Mozzarella Fäden. Etwas sehr bemüht finde ich den schwarzen Latex-Handschuh, der zu diesem Gericht gereicht wird. Nun gut, man muss ihn ja nicht benutzen.

Statt italienisch-mediterrane Assoziationen zu wecken, spielen die Aromen dieser „Steine“ eher mit osteuropäischen und georgischen Anleihen, wo es ja viele Teigtaschen mit Kohl und Käse gibt. Und sie schmecken hervorragend.

Nun wollte ich noch gern die Pinsa probieren – pizzaähnlich belegte Teigfladen, die in Metallpfännchen gebacken werden und tatsächlich eine Erfindung der Italiener sind. Im Boujee gibt es fünf Varianten davon, leider hat die Küche heute kein Reismehl für den Teig bekommen. Überhaupt sind an diesem Montagabend im gastronomisch ruhigen Januar einige Gerichte nicht zu haben. Doch Sergej Braude, der persönlich anwesend ist, macht dies als Gastgeber wett.

So probiere ich auf sein Anraten den Avocadosalat mit Tomaten, und zwar nicht mit Himbeer-Balsamico wie auf der Karte, sondern wie von ihm empfohlen: mit Vanillesoße. Die ist entgegen meiner schlimmsten Befürchtungen bloß ein Olivenöl-Zitronen-Dressing mit echter Vanille. Bei den ersten paar Happen harmoniert das durchaus zur Avocado. Doch dann werde ich des Vanillig-Cremigen schnell überdrüssig.

Richtig gut schmecken hingegen die Spaghetti Vongole, laut Karte ein Remake; allerdings kann ich nicht herausfinden, was daran neuartig sein soll. Hervorzuheben ist jedenfalls die gute Qualität der Muscheln, die oft genug bei diesem Gericht nur spielerisches Beiwerk sind. Hier tragen sie tatsächlich zum Geschmack bei, toll auch der Szechuan-ähnliche, ätherische Pfeffer, der dem Sud mit Petersilie viel Würze gibt.

So fällt mein Fazit des Abends positiv aus. Generell denke ich zwar nach wie vor, dass in der Küche wie beim Lokaldesign weniger mehr ist. Aber wer so freundschaftlich protzt, und dabei sein Versprechen auf besondere Genüsse hält, darf das von mir aus gerne tun. Die behäbige Westberliner Restaurantszene kann etwas mehr experimentellen Pfeffer gut gebrauchen.

Boujee

Pariser Straße 18a in Wilmersdorf, Telefon +49 30 86459417, geöffnet täglich außer Sonntag ab 18 Uhr
Vorspeisen, Pinsa und Pasta kosten 8 bis 22 Euro, Fisch und Fleisch 19 bis 29 Euro und Desserts 8 bis 12 Euro.