Braucht’s das wirklich? Hermès stellt erstes Kinderparfum vor

Während der Kinderduft in Frankreich oder Italien ganz selbstverständlich im Drogerieregal steht, tut man sich in Deutschland schwer damit. Warum eigentlich?

Ab welchem Alter ist ein schöner Duft angebracht? Daran scheiden sich in Deutschland die Geister.
Ab welchem Alter ist ein schöner Duft angebracht? Daran scheiden sich in Deutschland die Geister.Imago

Es duftet wirklich wunderbar, dieses neue Parfum von Hermès. Ganz zart, beinahe flüchtig, gefällig im besten Sinn: Wirklich nichts an dieser eleganten Kombination aus Duftblüte, Geißblatt und Sandelholz dürfte irgendjemandem missfallen. Außer vielleicht die Zeichnung auf der ikonisch orangefarbenen Verpackung.

Denn das drollige Werk der Illustratorin Alice Charbin zeigt ein kleines Kind im geringelten Strampler, das auf einem Pferdchen turnt, einen Schmetterling zu fangen versucht, kurzum: den Spaß seines Lebens hat. Der nun vorgestellte neue Duft „Cabriole“ ist also das erste Kinderparfum aus dem Hause Hermès – und gerade in Deutschland könnte das nicht nur für Begeisterung sorgen.

Denn während der Kinderduft gerade in Frankreich, auch in Italien sowie in vielen asiatischen und arabischen Ländern ganz selbstverständlich ins Drogerieregal gehört, tut man sich hierzulande meistens schwer mit Produkten aus der Kategorie „Dinge, die die Welt nicht braucht – aber die sie einfach schöner machen“. Überfluss und Überflüssiges passen eben nicht zum Selbstverständnis der Deutschen, die sich allzu gern des Sachlichen, der Sachlichkeit zuwenden.

Mit „Cabriole“ richtet sich Hermès wohl an jüngere und ältere Duft-Fans.
Mit „Cabriole“ richtet sich Hermès wohl an jüngere und ältere Duft-Fans.Studio des Fleurs

Wer Pro- und-Kontra-Listen zum Kinderparfum ergoogelt, wird jedenfalls eine Menge Foreneinträge finden, in denen sich Eltern über laissez-faire Patentanten beschweren, die ein solches Duftwässerchen verschenken; und natürlich Feststellungen darüber, dass ja wohl der Kinderduft an sich, also der ganz natürliche des Kindes, sowieso der schönste sei. Immerhin: Auch ein paar weniger moralische, weniger spießige Artikel lassen sich finden. Sie zählen unbedenkliche Kinderprodukte auf oder geben Tipps, welche Regeln sich in Bezug auf den präpubertären Parfumgenuss aufstellen lassen.

Auch im Spiel mit Düften probieren sich die Kleinen aus

Denn es ist doch so: Viele kleine Mädchen und einige kleine Jungs haben Spaß daran, sich spielerisch herzurichten. Spielerisch, wohlgemerkt: Mal einen Lippenstift auszuprobieren oder ein paar Tropfen Parfum aufzulegen, bereitet ihnen Freude – was nicht gleich bedeutet, dass sie nolens volens das Erwachsensein bis ins kleinste Detail mimen wollen; dass sie „ein Stück ihrer Kindheit aufgeben“, wie es oft dramatisch heißt.

Den ägyptischen Flakon (circa 1353–1226 v. Chr.) ziert eine Kinderfigur.
Den ägyptischen Flakon (circa 1353–1226 v. Chr.) ziert eine Kinderfigur.Imago

Im Gegenteil: Das Erwachsenspielen ist eine Form des Ausprobierens, des Entdeckens verschiedener Rollen – das gemeinschaftliche „Mutter, Vater, Kind“-Spielen zeugt genauso davon, wie das Verkleiden als Polizistin oder Prinzessin, das Herumhantieren mit dem Plastik-Arztkoffer oder mit der Kinder-Werkzeugkiste.

Und es ist doch schön, wenn es eben dafür, für das Spielen und Sich-Ausprobieren, kindgerechte Produkte gibt – und die Kleinen nicht heimlich zu Mutters „Trésor“-Flakon von Lancôme greifen müssen.

Das erste speziell für Kinder ausgewiesene Parfum war ein Flop

Tatsächlich hat das Kinderparfum eine längere Geschichte, als man zuerst annehmen würde. Mal ganz abgesehen davon, dass in der ägyptischen Antike, zur Zeit der Erfindung des Parfums, oder im Rokoko wohl ohnehin Herrscher jeder Altersklasse eingedieselt wurden – auch den ersten speziell für Kinder ausgewiesenen Duft der Neuzeit gab es bereits vor mehr als 50 Jahren.

Viel lässt sich zu dem Wässerchen „Baby Dior“, das Christian Dior 1970 vorgestellt haben soll, allerdings nicht mehr herausfinden – das Parfum soll ein Flop gewesen und schnell wieder aus dem Sortiment der Marke verschwunden sein.

Erst im folgenden Jahrzehnt wurde etwa „Eau de Bonpoint“ zum Renner, der 1986 lancierte Duft der französischen Kindermodemarke Beaupoint, der von der überaus erfolgreichen Parfumeurin Annick Goutal entwickelt wurde. Oder der 1988 vorgestellte Duft „Ptisenbon“, was so viel heißt wie „der Kleine riecht gut“, von Tartine et Chocolat, ebenfalls einer französischen Kindermarke.

Die 1990er hindurch war ein blumiger Kinderduft allgegenwärtig

Einen regelrechten Hype löste dann 1989 die niederländische Kindermodemarke Oilily mit der Präsentation eines eigenen Parfums aus: Bis tief in die 1990er-Jahre hinein war der geblümte Flakon des Labels – passend zum ebenso blumigen Duft – wirklich allgegenwärtig. In Kinderzimmern in ganz Europa, aber mehr noch auf den Schminktischen von Teenagern und jungen Frauen.

Dass auch „Cabriole“ von Hermès dort landen dürfte, scheint nicht nur wahrscheinlich. Das Ziel, jüngere und ältere Duft-Fans anzusprechen, ist offenbar Teil des Konzepts: Ihr Wunsch sei es gewesen, einen Duft zu entwerfen, „der die Brücke zwischen Klein und Groß schlägt“, so Hermès-Chefparfumeurin Christine Nagel in einer Vorabankündigung. „Dieser Duft ist eine Einladung, den kindlichen, verspielten Esprit, in dem alles möglich erscheint, solange es geht fortwähren zu lassen.“

Konzipiert wurde das komplett alkoholfreie Parfum, das für stolze 92 Euro die 50-Milliliter-Flasche über den Onlineshop der Marke und in ausgewählten Verkaufsstellen zu finden ist, übrigens als Unisex-Duft. Sich ein bisschen herrichten, einduften, sich ausprobieren dürfen in diesem Fall also genauso kleine Jungs wie kleine Mädchen. Und dagegen kann doch nun wirklich niemand etwas haben.