Berlin - Ein krosser und zugleich fluffiger Pizzaboden gelingt tatsächlich mit Backpulver! Musste er an einem Sonnabendabend im April dieses Jahres auch zwangsläufig. Denn beim Blick in die Regale von sechs verschiedenen Supermarktketten bot sich mir in der Backabteilung immer dasselbe Bild: Hefepäckchen sind ausverkauft. Mehl hatte ich glücklicherweise bereits vor Beginn der Panikkaufsaison gehamstert. Mit ein wenig Milch, Olivenöl, einer Prise Salz und eben erwähntem Backpulver ließ sich der Teig zu einer recht puristischen, eher rustikalen Pizza formen. Sie schmeckte vollmundig wie beim Italiener um die Ecke, den man während des Lockdowns im Frühjahr nicht besuchen konnte.

Wer dieses Jahr auf exklusive Fine-Dining-Erlebnisse in Restaurants oder Heißgetränkspezialitäten in Cafés spekuliert hatte, bekam ab Mitte Mai eine andere Art von Exklusivität: nämlich einen vom Tischnachbarn mindestens 1,5 Meter entfernten Sitzplatz. Eisbein mit Sauerkraut oder Linseneintopf schmeckten in den Lokalen deshalb nicht besser oder schlechter. Sicherlich machten sich einige Restaurantbesucher aber noch mehr Gedanken darüber als gewöhnlich, was sie bestellen wollten oder sollten.

Denn Gesundheitsbewusstsein lag und liegt auch in Pandemie-Zeiten weiterhin im Trend, weiß der Kulturwissenschaftler Gunter Hirschfelder von der Universität Regensburg. „Essen soll mich widerstandsfähig machen, lautet die Devise“, sagt er. „Wir diskutieren noch stärker über Sauerkraut, Rote Beete oder andere saisonale Gemüsesorten. Allerdings weniger, weil sie nachhaltig sind, sondern weil sie bestimmte stoffliche Eigenschaften haben, die uns gesund halten und fit machen.“

Wer 2020 von gesunden Vitaminbomben naschen und gleichzeitig seinen Konsum-Fußabdruck in der Welt ökologischer gestalten wollte, baute sein eigenes Obst und Gemüse an. Ob Radieschen, Tomaten, Erdbeeren, Kopfsalat, Steckrüben oder die bewährten Kräuter: An vielen Küchenfenstern und auf unzähligen Balkonen gedieh die saftige Ernte der Wochen zuvor eingepflanzten Samen.

So wie bei Patrick, der seine Erfahrungen beim Gärtnern, seitdem er im Februar nach Berlin gezogen ist, mit seinen rund 15.000 Followern teilt. Der gebürtige Franzose, der bei Instagram „thefrenchiegardener“ heißt, verbringt jeden Tag mindestens 30 Minuten mit der Pflege seiner Gemüsesorten. Für alle Hobbygärtner hat Patrick einen Tipp: „Man sollte nicht zwei verschiedene Pflanzen in einen Topf pflanzen. Ich habe das im letzten Jahr gemacht, weil ich dachte, dass ich ein bisschen produktiver anbauen könnte. Aber die Natur ist nicht auf Produktivität ausgerichtet, sondern immer darauf, eine gute Qualität zu erzeugen.“

Der unbändige Trend zur Selbstversorgung zeigte sich ebenso beim Brotbacken. Mehl und Hefe waren auch deswegen so lange Mangelware, weil sich zahlreiche Haushalte ihre eingeweckte Marmelade auf die frisch gebackenen Laibe schmierten. Von diesem Boom profitierte auch Laurel Kratochvila. Die Inhaberin des Fine Bagels auf der Warschauer Straße in Friedrichshain verkauft in ihrem Laden zwei Dinge: Bagels und Bücher. „Während des ersten Lockdowns haben wir allein 50 Bücher übers Brotbacken in Berlin ausgeliefert.“

Geliefert haben auch Dutzende Essens-Bringdienste. „Im Bereich Delivery gibt es eine unglaubliche Dynamik“, bestätigt Kulturwissenschaftler Hirschfelder. Er glaubt, dass die Branche stetig wachsen wird, denn „die Leute gewöhnen sich einfach daran, dass ihnen das Essen an die Tür gebracht wird“. Das wiederum könnte einen Siegeszug der sogenannten Ghost Kitchens – in denen nur gekocht, aber keine Gäste bedient werden – zur Folge haben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Für Kunden bietet ein solches Angebot eine große Auswahl an flexiblen und individuellen Speisen, Gastronomen können dadurch bei der Standortwahl oder beim Personal sparen.

Auf die Hand oder to go gab es 2020 nicht nur den Döner oder die Currywurst, sondern auch Pasta, Suppen oder den Gänsebraten in der Pappschachtel. Selten schön angerichtet, unterwegs im Auto oder auf dem Gehweg nicht immer praktisch zu essen, aber ein Abwechslung bietender Sattmacher in einer ansonsten eher eintönigen Zeit. Denn in vielen Haushalten standen öfter einfache und erprobte Gerichte wie Eintöpfe, Braten oder Kartoffelspeisen auf dem Tisch.

Weniger im Fokus stand die internationale Küche. Urlaubsfeeling kam in meiner Küche dennoch besonders in der ersten Lockdown-Phase im Frühjahr auf. Da Genuss-Expeditionen in andere Länder nicht möglich waren, unternahm ich einfach eine kulinarische Weltreise und widmete mich jedes Wochenende am heimischen Herd einer anderen Esskultur.

Eine Bouillabaise und Coq au vin brachten mir Frankreich ein Stück näher, eigens marinierte Spareribs erinnerten mich an die USA und mit Lachs im Bratschlauch fand ich mich plötzlich in Skandinavien wieder. Was mir beim anschließenden Essen am meisten fehlte? Meine Familie und meine Freunde, für die ich ansonsten sehr gerne koche. Deshalb: Auf ein schlemmerhaftes 2021 – in hoffentlich bester Gesellschaft!