Ein Lunch-Menü im Carl & Sophie: Salatherzen mit Chicorée, Orange und Walnuss; Suppe von Urkarotten; Hähnchengeschnetzeltes mit Reis und Kürbis; plus Espressomousse mit weißer Schokolade (v. unten rechts im Uhrzeigersinn)
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin-MitteEin lichtdurchfluteter Raum, wohlige Farben und als  Reverenz an den Kiez ein paar schöne Stücke Industrie-Vintage. Schon beim ersten Rundum-Blick im Restaurant Carl & Sophie wuchs in mir die Gewissheit: Ja, es war total richtig, hierherzukommen. Dann entdeckte ich an einem nahen Tisch auch noch zwei meiner Idole aus der Berliner Gastronomie. Nämlich Anna Plagens, die im Du Bonheur hochbarocke Pâtisserie-Kuppeln von französischem Raffinement komponiert, und Fritz Blomeyer, der Käse macht, wie ihn nicht nur die Berliner bisher vermisst haben.

Wenn es um talentierte Köche geht, kann ich durchaus zum Groupie werden. Ich kam also nicht umhin, den beiden Hallo zu sagen und meine Bewunderung auszusprechen. Und freute mich nun doppelt auf mein Mittagessen im Carl & Sophie. Denn wenn solche Küchenprofis hier essen, dann schmeckt es wahrscheinlich mehr als nur ganz gut. So war es dann auch.

Doch kurz ein paar Details zum Restaurant an sich: Seine Lage ist phänomenal, auch wenn man das erst mal nicht vermutet, ist es doch „ein Hotelrestaurant in Moabit“. Das Restaurant des Abion Spreebogen (ein Hotel der Ameron-Gruppe der Kölner Edelhoteliers Althoff) ist direkt zur Sonnenseite der Spree ausgerichtet liegt auf einem einstigen Meierei-Gelände, von dem aus das Ehepaar Carl und Sophie Bolle das gründerzeitlichen Berlin mit Milchprodukten versorgt hat. Von meinem Tisch schaue ich durch bodentiefe Fenster aufs Wasser hinaus.

Was die Küche angeht, ist Maico Orso verantwortlich. In Berlin habe ich ihn zuletzt im Restaurant Gärtnerei als präzisen Koch erlebt, der Gemüse vom Beilagenmief befreit und zu neuen geschmacklichen Höhen führt. Orso hat nicht zufällig bei Michael Hoffmann gelernt, der als „der Gärtner unter den Sterneköchen“ gilt.

Zarter Wildkräutersalat mit Quinoa

Ich bin zur Mittagszeit gekommen, und weil meine Verabredung – mein Mann – mal wieder zu spät dran ist, lasse ich mir zum 0,1-Glas Pfälzer Grauburgunder einen wunderbar zarten Wildkräutersalat mit Quinoa als Basis, Nusscrunch und einem leicht mit Orangennoten gebeizten Lachs von Sashimi-Qualität schmecken.

Als er auftaucht, steigt mein Mann mit dem täglich wechselnden Lunch-Menü ein, das sich als sehr faires Angebot erweisen sollte: Für zwölf Euro gibt es vier kleine Gänge, die genialerweise gleichzeitig serviert werden und von denen ich natürlich auch probiere. Der kulinarische Einstieg besteht in einem klaren Fischeintopf mit mediterranen Noten, der so auf die Essenz reduziert ist, dass einen die kleine Portion im Trinkbecher geschmacklich ganz und gar erfüllt. Ferner gibt es ein knackiges Coleslaw-Salätchen sowie knusprig frittierte Hühnchenteile, die mit etwas cremig angerührtem Kräuterquark und Drillingskartöffelchen heiß serviert werden.

Den Abschluss bildet ein Töpfchen mit Crème brûlée, unter deren gebrannte Zuckerkruste sich Limettenzeste mischt. So ähnlich findet sich dieses Dessert auch auf der normalen Speisekarte, die hauptsächlich leicht verwandelte Hotelklassiker aufführt. Für die Dinner-Karte am Abend werden sie extravaganter inszeniert, behalten aber ihre geschmackliche Intensität und Leichtigkeit.

Aber zurück zum Lunch. Ich hatte mir noch das Schnitzel ausgesucht, um zu prüfen, ob Orso nicht nur die Gemüseküche beherrscht, sondern auch ein ordentliches Stück Fleisch zubereiten kann. Es schmeckt, wie es soll: Die Panade ist buttrig, und das dünne Kalbfleisch hat ein feines Aroma. Nur beim Kartoffel-Gurkensalat trifft der Koch wegen der eher speckigen, festen Kartoffeln nicht ganz meinen Geschmack.

Zwar werden Bolles Käse- und Milchprodukte hier schon lange nicht mehr produziert. Geblieben aber sind Berliner Sprüche wie „Er ist stolz wie Bolle“ oder „sich wie Bolle freuen.“ Letzteres tue ich tatsächlich, und zwar auf mein nächstes Essen in meiner Entdeckung. Immerhin lockt die Karte mit einer Käseauswahl von meinem Idol Fritz Blomeyer als Nachtisch. Das wird ein Fest.

Restaurant Carl & Sophie, Alt-Moabit 99, 10559 Berlin-Mitte. Täglich geöffnet von 12 bis 1 Uhr. Das Lunch-Menü kostet 12 Euro, Vorspeisen 8–16, Hauptgerichte 18–32 und Desserts 8-14 Euro.