Radikal unschick: Lars Eidinger mit seiner LE 1. 
Foto: Benjakon für PB 0110

BerlinPhilipp Bree wartet am hintersten Tisch der Paris Bar auf uns. Ein kunstkultiger Ort für das kunstkultige Objekt, das da neben Bree liegt: der Ledershopper LE 1 – Auflage 250 Stück, Preis 550 Euro – den Bree gemeinsam mit dem Theater- und Filmschauspieler Lars Eidinger entwickelt hat. Ein 50 x 45 Zentimeter großes Streifengemälde in Dunkelblau-Schwarz, kreideweiß gerahmt und mit zwei breiten Lederhenkeln, die man gleich anfassen möchte.

Sofort denkt man an die legendäre Aldi-Nord-Plastiktüte, welcher der Nachkriegsmodernist Günter Fruhtrunk eines seiner still-dynamischen Motive verpasst hatte. Dies ist ein anderer Fruhtrunk, betitelt „Progression, Etude I“ und von 1964. Aber sonst ist alles exakt wie bei der millionenfach produzierten Einkaufstüte, bis hin zum nun geradezu surrealistischen Aufdruck „Mehrzwecktragetasche zum wiederholten Gebrauch“.

Lars Eidinger probt gerade seinen monologischen „Peer Gynt“ mit John Bock an der Schaubühne (Premiere ist am 12. Februar 2020) und wird etwas später kommen. Seine Initialen trägt die LE 1 jedenfalls zu Recht: derselbe Mix aus urdeutschem Perfektionismus, Kunstkönnen und umgekehrtem Snobismus, der den Schaubühnenstar auszeichnet. Der Mann ist wirklich cool, und seine Tasche ist es auch.

Was nicht zuletzt an Eidingers Partner in crime liegt. Wie sein Nachname verrät, gehört Philipp Bree zum deutschen Lederadel; 1970 (das Jahr, in dem Fruhtrunk sich die Aldi-Tüte vornahm) gründeten seine Eltern eine Marke, die bis heute mit Naturleder assoziiert wird. Mit seinem Bruder Axel war Philipp Bree dort Geschäftsführer, bis er 2012 sein eigenes Label PB 0110 gründete. Seine Taschen und Etuis aus puristisch verarbeitetem Leder gibt es etwa bei Manufactum, im KaDeWe und im Hamburger Alsterhaus.

Herr Bree, wo werden die 250 Taschen der LE 1-Edition denn produziert?

PHILIPP BREE: Das Leder kommt aus Deutschland, die Fertigung ist in Polen. Mit den Leuten dort arbeite ich schon seit 20 Jahren zusammen. Sie sind wahnsinnig talentiert, ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Was war die größte Hürde?

BREE: Die kam schon am Anfang, nämlich erst mal eine originale Aldi-Nord-Tüte zu besorgen. Die mit dem Fruhtrunk gibt es ja seit Herbst 2018 nicht mehr. Im gesamten Freundeskreis haben wir rumgefragt: Hat noch jemand eine alte Aldi-Tüte? Aber keiner hatte die aufbewahrt. Dann fragte meine Schwiegermutter eine Nachbarin, und die fand noch eine. Die wird jetzt echt gehütet.

Wer hatte überhaupt die Idee: Wir machen eine Plastiktüte aus Leder?

BREE: Lars. Er braucht bei einer Tasche keine Organisation durch Fächer und so weiter. Er braucht einfach ein großes Loch, wo er seine Sachen reintun kann, fertig. Als wir die Form überlegten, war das Thema „Plastiktüte“ gerade überall, als ein aussterbendes Produkt. Und natürlich hat die Aldi-Tüte von Günter Fruhtrunk etwas Ikonisches. Als Künstler hatte er eine ganz klare Handschrift, grafisch und wunderschön. Mich beeindruckt, über wie viele Jahre er dieses sein Werk so ausgearbeitet hat. Und wenn man Fruhtrunk googelt, was kommt als Erstes? Die Aldi-Tüte.

Nach LWG-Goldstandard gegerbtes Rindsleder statt Plastik: die LE 1 im Aldi-Tüten-Look. 
Foto: PB 0110/Studio Tusch

Erst suchten wir uns also ein passendes Fruhtrunk-Werk aus. Dann das richtige Material, das Leder. Einen frühen Prototyp hatten wir aus sehr festem Leder produzieren lassen, das war zu steif und schwer. Nächster Versuch: zu weich. Lars hat ein unbestechliches Gefühl für so was, und ein echt gutes Auge. Die Barcodes unten zum Beispiel sind auf jeder Seite der originalen Aldi-Tüte unterschiedlich weit eingerückt, das wollten wir 1:1 genau so haben. Dann saß Lars über so einem Prototyp und meinte nur: „Das ist anders bei der Tüte, glaube ich, da stimmt was nicht.“ Sehr detailversessen, würde ich sagen.

Wie viel Gewicht hält die Tasche aus?

BREE: Den ganzen Einkauf, mindestens, und das Arbeitsleben auch. Die hält ganz, ganz viel aus.

Und was empfehlen Sie zum Reinigen des weißen Leders?

BREE: Lederlotion von Collonil, ein Berliner Unternehmenn übrigens. Einen Klacks auf ein weiches Tuch geben und die dunkle Stelle wegreiben. Wie man es bei Sneakers machen würde.

Auftritt LARS EIDINGER, der sich zu uns an den Tisch setzt und ein Entrecôte mit Pommes bestellt. Seine Augen sind noch mit Khol konturiert von den „Peer Gynt“-Proben und über dem Pullover baumelt sein Geldbörsen-Charivari von Prada. An dem erkennt man ihn auch auf jenen Fotos der Werbekampagne für die LE 1, auf denen er die Tasche über den Kopf gestülpt trägt.

Herr Eidinger, welches Verhältnis haben Sie zu Taschen?

EIDINGER: Es gab eine Zeit, wo es wahnsinnig schwer war für Männer, eine gute Tasche zu finden. Dann kamen die Umhängetaschen, diese Boten-Bags mit dem Riemen quer über der Brust. Inzwischen gibt es ganz attraktive Sachen, glaube ich.

Hat ein Händchen für modernes Leder: Philipp Bree, hier im Künstlerhaus Bethanien in Berlin. 
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Rucksack kam nie infrage?

EIDINGER: Nee, nicht wirklich, finde ich nicht angenehm zu tragen … Zuerst habe ich überlegt: Was benutze ich wirklich, um meine Sachen zu transportieren? Das sind tatsächlich eher Tüten. Und dann fiel mir auf, dass wir in einer Ära leben, in der die Plastiktüte wohl nach und nach ganz verschwinden wird. Aus logischen Gründen. Finde es gut, dass man inzwischen gefragt wird, ob man eine haben will. Dass sie Geld kosten. Die Aldi-Tüte war für mich immer das Klischee einer Tüte. So wie das erste, was einem einfällt, wenn man ans Theater denkt, Hamlet ist. Ein Schauspieler mit einem Totenkopf.

Aus Luxuskonzern-Perspektive sind 550 Euro wenig für eine lederne Editions-Tasche. In Berlin hingegen halten das viele für lächerlich teuer.

EIDINGER: Was mich fasziniert hat, war die Hommage an den Alltag, die da drin liegt. Es ist ja oft so bei Objekten: Man kauft sich was, gibt viel Geld aus dafür. Und dann trägt man es einmal auf dem roten Teppich, dann noch einmal, und das war’s. Während man bei Alltagsgegenständen oft spart. Den Sachen, die man täglich benutzt. Manchmal sparen die Leute ja sogar an ihrer Brille. Da sage ich dann: Die hast du doch im Gesicht, dafür kannst du doch richtig viel Geld ausgeben! Statt für ein Kleid, das du zweimal anziehst.

Begonnen hat dieser Hyperrealismus, das Feiern des Banalen in der Mode, mit dem DHL-T-Shirt von Vêtements, richtig?

EIDINGER: Genau. Das war Demna Gvasalia. Was auffällig ist an unserer Zeit: Früher konnte man Qualität anhand von Stofflichkeit, Verarbeitung, Materialität beurteilen. Heute bestimmt der Preis den Wert. Das DHL-Shirt von Vêtements zum Beispiel ist ein stinknormales Baumwoll-T-Shirt, das sie für 600 Euro verkauft haben. Und die Kids sind durchgedreht, alle wollten es haben.

Eure Tasche macht etwas Konträres.

EIDINGER: Bei uns steht der Preis genau im Verhältnis zu Materialwert und Aufwand. Da war ich eben so glücklich darüber, dass ich mit Philipp jemanden hatte, der das fair produzieren lässt, in Europa. Und wir bereichern uns wirklich nicht daran.

BREE: Was man auch nicht vergessen darf: Die Tasche rückt Günter Fruhtrunk wieder ins Blickfeld. Der dieses grandiose Werk hinter sich hat. Die Kunst partizipiert also ebenfalls an dem Projekt. Über unsere Abgabe an die VG-Bildkunst (die Abbildungsrechte im Namen von Künstlererben wahrnimmt, d. Red.) auch finanziell.

Wird die LE 1 womöglich mal als Prop in einem Film mit Lars Eidinger auftauchen? Oder auf der Bühne?

EIDINGER: Hab ich noch nicht darüber nachgedacht … Im Moment mach ich wahnsinnig viel Verschiedenes parallel. Und oft ist es mir lieber, die Sachen nicht zu vermischen. Wenn also einer kommt und sagt: Hey, du bist doch auch DJ, spiel mal in dem Film einen DJ, dann reagiere ich eher so: Hmmmm, muss jetzt nicht unbedingt sein.

Apropos „Peer Gynt“ an der Schaubühne: Schon in Norwegen gewesen?

EIDINGER: Nee, aber ich liebe A-ha, die Musikgruppe. A-ha kommt vor in unserer Inszenierung, A-ha ist ganz wichtig. Wegen Morten Harket und seiner Stimme, deren Range echt beeindruckend ist. Jeder von uns, wenn er „Take On Me“ mitsingt, scheitert doch an diesen hohen Tönen im Refrain. (Er singt los.)

KELLNER: (guckt fragend um die Ecke.)

Foto: PB 0110/Studio Tusch
LE 1

Tragetasche/Shopper aus mineralisch gegerbtem Rindsleder, entworfen von Lars Eidinger (LE). 50 x 45 x 2 cm; 
Kunstwerk: „Progression, Etude I“ (1964) von Günter Fruhtrunk 

Limitiert auf 250 Stück. Zu bestellen über https://pb0110.com/products/le-1