Kommt ideal temperiert aus dem Fach: „Herz des Lauchs“ (links)  mit Perlgerste und Misomayonnaise, oder der Fjordlachs mit hingetupftem Zitronenverbene-Gel.
Foto: Sabine Gudath

Berlin-MitteStellen Sie sich vor: Zwei perfekt wachsweich gekochte uckermärkische Eier, angerichtet auf handgestampftem, buttrigem Kartoffel-Schnittlauchpüree und von einer körnigen Senfsoße, knackigen Erbsensprossen und grünem Spargel umspielt – genau das können Sie direkt aus einem Automaten ziehen. In idealer Verzehrtemperatur. Vermutlich würden Sie abwinken: „Keine Chance, gibt es nicht.“

Wenn ich Ihnen dann noch verspreche, Sie könnten dieses Gericht mit auf eine der schönsten Hinterhof-Terrassen von Berlin-Mitte nehmen, und es umgeben von dicht begrünten Mauern und unter hellen Sonnenschirmen genießen, würden Sie mir erst recht nicht glauben. Hiermit garantiere ich Ihnen: Es ist genau so. Denn genau so funktioniert das Data Kitchen, ein Restaurant mit kontaktlosem Bestell- und Abholprozess, das sich der Gastronom Cookie zusammen mit dem Softwarehersteller SAP ausgedacht hat. Mein Lieblingsgericht dort ist das Berliner Senfei. Es schmeckt herrlich, jemand sagte mal: So herrlich, dass man darin beerdigt werden möchte.

Hinter der Food Wall der Data Kitchen steht das per App bestellte Essen bereit. Zum Mitnehmen oder Vor-Ort-Verspeisen.
Foto: Sabine Gudath

Das Data Kitchen ist nicht neu. Doch in einer Zeit, in der wegen eines Virus Kontakte möglichst eingeschränkt werden sollen, erscheint es visionärer denn je. Geplant war das Restaurant ursprünglich als eine Art Edelkantine für SAP und die benachbarten Bürogebäude. Per App kann sich jeder noch vom Bürostuhl aus das Gericht seiner Wahl für eine bestimmte Zeit bestellen. Danach spaziert man ins Data Kitchen, wo die sogenannte Food Wall, die wie die gläserne Oberfläche vieler aufeinander gesetzter Bildschirme aussieht, auf Tastendruck am eigenen Smartphone das exakt zur richtigen Zeit zubereitete Essen freigibt.

Es ist die perfektionierte Neuerfindung des Automatenrestaurants. 1896 von der „Deutsche Automaten Gesellschaft“ erfunden, ging diese Apotheose der Selbstbedienung Anfang des 20. Jahrhunderts um die Welt – als die gastronomische Zukunft. Kein Warten, kein Service, dafür ein Gastraum mit Schließfächern wie in einer Bank. In jeder Box ein Gericht: Hühnchenpastete, Bohnen und Speck, Pumpkin Pie oder Vanillepudding. Man warf Geld ein, klappte das Fensterchen auf und nahm sich den Teller. Zum Glück ebbte der Boom ab den 1920er-Jahren wieder ab. Die Menschen erkannten schnell, dass lange stehendes Essen nicht moderner, sondern einfach nur schlechter ist.

Kurz vor dem Ziel: Das Smartphone weist den Weg zum richtigen Fach.
Foto: Marcus Zumbansen

Das Wunderbare heute: Dank Informationssytemen in Echtzeit ist dieses Problem behoben. Keiner muss mehr auf Frische verzichten, denn hinter all dem digitalen Zauber im Data Kitchen steckt solide Handarbeit – nämlich die des wunderbaren Küchenchefs Alex Brosin. Er setzt auf regionale Produkte und Nachhaltigkeit, und weil das Mittagsgeschäft derzeit schleppend läuft und die grüne Terrasse zu schön ist, um sie nicht auch abends zu nutzen, hat er sich für die Sommermonate drei neue vegetarisch angelegte Abendmenüs überlegt. Man kann sie aber auch mit der gezupften Schulter vom Wolowina Rind, Thüringer Rostbrätl oder Fjordlachs ergänzen.

Ist der digitalen Bestell- und Abholprozess erst mal erledigt, bekommt man das volle, analoge Restauranterlebnis. Denn klarerweise arbeitet im Data Kitchen auch Service-Personal, das auf Wunsch passende Drinks empfiehlt, sie bringt und dabei Small Talk macht. Barkeeper und Sommeliers rümpfen zwar regelmäßig die Nase, aber für mich beginnt der perfekte Abend auf dieser Terrasse mit einem Aperol Spritz, der hier mit einem Cremant Brut und Soda gemacht und aus Glasstrohhalmen getrunken wird.

Eine Oase nahe des Hackeschen Markts: der begrünte Innenhof der Data Kitchen.
Foto: PewPew Productions

Den Klassiker Berliner Senfei gibt es nicht immer, dafür aber zurzeit einen im Ofen gegarten jungen Lauch, der mit Gerstengraupen im Lauchsud serviert und von einer Miso-Mayonnaise mit knusprigem Lauchstroh umspielt wird. Sie können dieses geniale Gericht allein bestellen oder, so wie ich, mit einem Stück perfekt gegrilltem, noch glasigem Fjordlachs. Oder aber Sie essen es als Teil des Stadtterrassen-Menüs. Ein Gartensalat ist dann die Vorspeise. Den bezieht Brosin laut Karte aus „Peters Garten“, wo offensichtlich auch Wildkräuter wachsen. Dank aromatischer Datteltomaten, cremigem Feta und Koroneiki-Oliven fühlt man sich dann kurzzeitig wie auf einer griechischen Insel.

„Kontaktlos, aber mit Herz“, so umschreibt Chefkoch Alex Brosin das Erlebnis Data Kitchen. Ich würde gerade in diesem Sommer, auch dank der grünen Innenhof-Insel, ergänzen: Und mit Feriengefühl.


Preise: Drei-Gänge-Menü von 9,50 bis 13,50 Euro; mit Fleisch/Fisch 15 bis 17 Euro. Einzelne Gerichte 8 bis 10,50 Euro. Desserts 4,50 Euro. Aperol Spritz 5,50 Euro.

Data Kitchen, Rosenthaler Straße 38, 10178 Berlin-Mitte, Mo–Fr 11.30 bis 22 Uhr. www.datakitchen.berlin