Haare waschen? Optional. Für den Videochat reicht ein halbwegs seriöses Hemd.
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AmsterdamIn diesen Tagen höre ich oft, dass unser aller Leben momentan ein nie dagewesenes Experiment sei. Je nachdem, welchem Experten oder welcher Expertin man gerade zuhört, handelt es sich beim Corona-induzierten Lockdown um eine gesellschaftliche/ökonomische/psychologische/medizinische Versuchsanordnung von globalen Dimensionen. 

Und ja, ich fühle mich tatsächlich gerade wie ein verwirrtes Meerschweinchen, das sich in einer Anderthalbmeter-Wirklichkeit zurechtfinden muss, die sich ein verrückter Wissenschaftler ausgedacht hat. In meiner Vorstellung ähnelt dieser Wissenschaftler übrigens meinem früheren Chemielehrer Herr Maywald. Den wir damals nur „Magic Maywald“ nannten, weil seine schlampigen Versuchsaufbauten regelmäßig dazu führten, dass Dinge in Flammen standen. Die langen Haare von Romina zum Beispiel, die unbedingt direkt vorm Lehrerpult sitzen wollte. Mal abgesehen von dem Grundsatz, in Chemieräumen immer einen der hinteren Sitzplätze zu wählen, konnte ich aus Magic Maywalds Experimenten leider keine bleibenden Erkenntnisse ableiten.

Das Versuchslabor, das ich gerade bewohne, umfasst 24 Quadratmeter Wohnfläche, eine Dachterrasse von weiteren sechs Quadratmetern und den Blick über die Dächer des Amsterdamer Stadtteils Watergraafsmeer. In dem Baum vor meinem Haus wohnt ein halbes Dutzend ausgewilderter Wellensittiche – der einzige sichtbare Beweis dafür, dass ich nicht als letzter Überlebender in einer Zombie-Apokalypse aufgewacht bin.

Bevor dieses seltsame Experiment begann, habe ich mir gern eingeredet, dass ich mich jeden Morgen vor allem für mich selbst schön mache. Sie wissen schon: rasieren, eine pflegende Gesichtscreme auftragen, vielleicht ein Spritzer Cologne, man will sich ja gut fühlen in der eigenen Haut.

Als ob! Seit ich sicher sein kann, dass mir den ganzen Tag niemand außer meinem Hund Joppie begegnen wird, zählt es schon als Errungenschaft, wenn ich morgens überhaupt dusche. Zum Videochat mit den Arbeitskolleginnen ziehe ich mir kurz ein seriöses Hemd an (das ehrlicherweise aber auch schon leicht müffelt), setze mich für eine halbe Stunde aufrecht hin und sehe zu, dass die leeren Becher Fertignudeln nicht im Bild sind. Den restlichen Arbeitstag verbringe ich auf dem Bett liegend, immer irgendwelche Snacks auf dem Nachttisch. Es wäre wirklich ein trauriger Anblick – wenn denn überhaupt jemand blicken würde.

Das ist vielleicht die schönste Erkenntnis dieses Lockdown: In der Fettsträhnen- und Jogginghosengesellschaft, in der wir gerade leben, ist alles schön genug, was sich für eine Videokonferenz kaschieren lässt. Und glauben Sie mir, Webcams sind gnädig, solange die Perspektive stimmt. 

Den Rest des Arbeitstages kommt es nicht mehr auf Äußerlichkeiten an, und langsam frage ich mich, warum es das überhaupt je getan hat. Innere Werte zählen jetzt – Liegestütze und Sommerbräune sind so 2019! Das Zeitalter des Zahnbelags ist angebrochen, wir erleben eine Renaissance der öligen T-Zone, der Solosocke und der totalen, ungenierten Bügelfreiheit.

Ja, ich möchte fast behaupten, die Ohrenschmalzrevolution steht unmittelbar bevor. Meerschweinchen dieser Welt, entfernt euch voneinander und findet zu euch selbst. Bei euch seid ihr schön.