Uckermark - Ein Thema, mit dem sich heute viele Gartenbesitzer beschäftigen, ist der „naturnahe Garten“. Also ein Garten, der sich nicht gegen die Natur wendet, sondern sie einbezieht und bestenfalls sogar positiv beeinflusst. Im vergangenen Jahr habe ich an dieser Stelle schon eine Studie vorgestellt, die am Beispiel des englischen Anwesens Great Dixter eine verblüffende Tatsache ans Licht brachte: nämlich dass die Biodiversität in klassischen Gärten deutlich höher ist als in der freien Natur. Außerdem erfuhr man, dass ein naturnaher Garten eben vor allem ein Garten ist, der von vielen unterschiedlichen Lebewesen bewohnt wird. Wenn sich also Vögel und Igel, Schmetterlinge und Bienen, Regenwürmer und Hummeln im Garten tummeln, dann ist man auf dem richtigen Weg. 

Aber welche Maßnahmen sind es nun genau, die den Garten naturfreundlich werden lassen? Was muss man tun und was lassen, um einladend auf die Tierwelt zu wirken? Ratschläge gibt es zuhauf. Aber wenn man genauer hinschaut, entpuppen sich viele als die immer gleichen überlieferten (Binsen-)Weisheiten, die leider nicht auf wissenschaftlichen Untersuchungen beruhen. So wird zum Beispiel immer wieder behauptet, dass Brennnesseln gut für den Garten sein sollen – nur hat bisher niemand überprüft, ob das auch stimmt. Fast niemand.

Denn der britische Autor Ken Thompson hat eine Reihe von (nebenbei noch sehr unterhaltsamen) Büchern geschrieben, die mit den Mythen rund um naturnahe Gärten aufräumen. Über empirische Studien hat er nachgewiesen, was wirklich einen Unterschied macht, und was nicht. Bezüglich der Brennnesseln etwa heißt das: Bringt im Garten nichts, solange man nicht größere Flächen damit zuwachsen lässt. Schließlich ist die Brennnessel eine der häufigsten Pflanzen in der Natur. Es ist also nicht unbedingt notwendig, sie auch noch im Garten zu haben. Draußen vor der Tür oder an der nächsten Straßenecke gedeiht die Brennnessel ohnehin prächtig von alleine.

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Kaum wärmt die Frühlingssonne, ist er unterwegs: der Zitronenfalter. 

Und es gibt weitere gute Nachrichten. Die erste und wichtigste: Jeder, der einen Garten unterhält, leistet allein schon damit einen Beitrag für Natur und Lebewesen. Egal, was sie oder er macht – zumindest solange nicht in großem Maße Gifte eingesetzt wird und nur Rasen und giftige Thujabäume gepflanzt werden. Auch die Größe des Gartens ist nicht ausschlaggebend. Jeder Quadratmeter, auf dem sich Natur sich ausbreiten kann, ist für die Lebewesen nützlich. Und vor allem auf die vielen, vielen kleinen Lebewesen kommt es an. Denn Vögel & Co. sind eher Besucher, als dass sie einen Garten durchgehend als Lebensraum nutzen; die eigentlichen Bewohner sind die, deren Lebensraum der Boden selbst ist. Und ohne Insekten und Würmer als Nahrungsgrundlage haben andere Tiere keinen Grund, sich im Garten aufzuhalten. Die kleinen Kriecher sind die Kernpopulation eines gesunden Stücks Natur mit regem Tierleben. Laut der Untersuchungen von Ken Thompson sind dafür folgende Dinge wichtig:

Komposthaufen

Ein Komposthaufen ist nicht nur die günstigste Art, (Bio-)Lebensmittel zu entsorgen und fruchtbare Erde herzustellen, er wird auch Lebewesen in den Garten bringen, die von alleine nicht den Weg hineingefunden hätten. Unter anderem auch die Blindschleichen, die gern im Kompost überwintern und der Schrecken der Schnecken sind.

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Kein Veilchenstrauß, aber nützlich: der Bio-Komposthaufen ist ein Must-have.

Totholz und Laub

Wie der Komposthaufen ist auch Totholz, wie etwa alte Baumstümpfe und Laub, Lebensraum für viele Tiere, die sich dort sonst nicht ansiedeln würden. Alte Äste sollte man deswegen stellenweise liegen lassen, ebenso wie das von Bäumen abgefallene Laub.

Ein Teich

Ein kleiner Teich (die Größe eines Fensterrahmens reicht schon) in voller Sonne und ohne Fische bietet eine hervorragende Lebensgrundlage für allerlei Getier, wie zum Beispiel Amphibien. Neben seinem Mehrwert als hochdiverses Ökosystem bietet er Vögeln auch Trink- und Badewasser an.

Wildhecken

Eine dichte Hecke ist Schutzraum und Nahrungsgrundlage für eine Vielzahl von Tieren, nicht zuletzt für die Vögel. Diese mögen vor allem die beerentragenden Sträucher wie Berberitze, Kornelkirsche und Schlehe.

Große Bäume

Sie machen einen entscheidenden Unterschied in den von Ken Thompson untersuchten Gärten aus, denn sie erweitern den Raum in die Höhe. Damit wird auch der Lebensraum für Tiere vergrößert. Das gilt auch für Raupen und andere Insekten, von denen sich Vögel ernähren. Gott sei Dank haben wir eine Menge hoher Bäume in Berlin. Bietet der kleine Garten also keinen Platz, sollte der nächste Baum auf öffentlichem Gelände nicht weit sein. Thompson hinterfragt auch das Pflanzen neuer Bäume, denn viel besser sei es, einfach nicht so viele von selbst gewachsene Bäumchen zu entfernen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, was er meint: Auch ich entferne auf meinem sehr baumlastigen Grundstück bestimmt um die hundert Schösslinge pro Jahr.

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Da freut sich der Salat: Blindschleichen sind Kompostfans und ein wahrer Schneckenschreck. 

Gras lang wachsen lassen

Ein Stück Rasen nicht mehr zu mähen, sondern das Gras stehen zu lassen, bietet zum Beispiel Hummeln einen Lebensraum. Wer möchte, kann auch Wildblumen aussäen, aber letztendlich kommt es auf die langen Halme an.

Durchgehend blühende Pflanzen

Wie hier schon oft erwähnt, sollte möglichst immer etwas blühen im Garten, von den winterlichen Christrosen, Mahonien und Schneeglöckchen bis zu im Herbst blühendem Efeu. Es geht hier nicht um Ansiedelung insbesondere heimischer Pflanzen, sondern einfach darum, dass zu jedem Zeitpunkt etwas blüht. Und das möglichst vielköpfig und in allerlei Formen (also auch Lippenblütler, Korbblütler usw.).

Zum Schluss die drei No-Gos

Diese Dinge sollte man unbedingt vermeiden, denn sie sind schädlich fürs Tierleben und den Garten: 1. Gifte aller Art; 2. großflächig versiegelte Flächen wie Terrassen und überbreite Wege; sowie ganz besonders 3. ein Übermaß an Ordnung bezüglich Laub, rottender Pflanzenteile und Totholz. Beseitigt man immer gleich alles Abgestorbene, heißt das meistens, dass man Kleintieren mögliche Lebensräume nimmt. Ohne dass ich mich dessen rühmen möchte, kann ich stolz berichten, dass ich zumindest beim Vermeiden einer dieser drei Gartensünden ganz weit vorne liege.


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