Zur Met-Gala 2019 kam Rapperin Cardi B in dieser dezenten Menstruations-Robe von Thom Browne. Passte bestens zum Ausstellungsthema Camp, vulgo glamouröse Übertreibung. 
Foto: dpa

New York„First Monday in May“: Dieser erste Montag im Mai ist ein magisches Datum für Modedesigner, Models und jene Stars, ob männlich oder weiblich, die gern die innere Diva nach außen kehren. Oder sich mal so richtig doll verkleiden wollen. Dabei geht es weder um die Oscar-Verleihungen noch um eine Couture-Schau, sondern bloß um ein Benefiz-Dinner zur Eröffnung einer Modeausstellung: die „Met Gala“, auch als „Met Ball“ bekannt.

Überraschung: Die Met-Gala gab es schon 1948

Ins Leben gerufen wurde die Gala 1948 von der New Yorker Modejournalistin Eleanor Lambert, um Spenden für das neu gegründete „Costume Institute“ des Metropolitan Museum of Art und den Erhalt von dessen textilen Schätzen einzusammeln. Seit 1995 steht die Gala unter der Schirmherrschaft von Anna Wintour, und das änderte alles. Die Chefredakteurin der US-Vogue macht bekanntlich keine halbe Sachen, und so hat sie das hausbackene Benefiz-Dinner zum luxuriösesten Modefest des Globus entwickelt. In den letzten Jahren brachte die Met-Gala immer wieder achtstellige Summen ein – die des Jahres 2017 zu Ehren von Rei Kawakubo erzielte einen Rekord von 13,5 Millionen US-Dollar.

So erschien Rihanna zur Met-Gala im Mai 2018. Das Motto lautete „Mode und Katholizismus“. Motto erfüllt.
Foto: dpa

Mehr mediale Aufmerksamkeit als die Exponate erzielt seit Jahren das Schaulaufen auf dem roten Teppich bei der Eröffnungsgala. Und jetzt das: 2020, zu deren 72. Ausgabe, gab es weder roten Teppich noch Blitzlichtgewitter. Die Corona-Pandemie lässt keinen Platz für den großen Auftritt und die üblichen Bussibussi-Exzesse zwischen Stars und ihren Ausstattern. Wirklich? Wer will, der kann! Dachten sich jedenfalls viele Promi-Damen und zeigten auf Instagram und YouTube, in welchen Kreationen sie gern zur Gala erschienen wären.

So sieht 70 heute aus: Anna Wintour, die formidable Chefin der US-Vogue, bei ihrer Gala.
Foto: dpa

Anna Wintour eröffnete die virtuelle Gala per Stream

Statt des Luxus-Events gab es auf dem YouTube-Kanal der US-Vogue als Livestream die Eröffnungsrede von Gastgeberin Anna Wintour aus deren privatem Wohnzimmer. Dabei erinnert sie an die Näherinnen und die vielen Freiberufler der Modebranche, die durch Corona jetzt in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, und ruft zu Online-Spenden für sie auf. Es folgt ein Minikonzert von Florence and the Machine und ein DJ-Set von Virgil Abloh. Außerdem klickbereit im Programm: Videos, in denen Naomi Campbell von ihren Met-Looks erzählt, und Cardi B und Jeremy Scott sowie Liv Tyler und Stella McCartney über vergangene Met-Galas reminiszieren.

Die Gala fällt aus? Egal, Julia Roberts zeigte ihre Volantrobe von Carolina Herrera eben im Bad mit Blick auf SoHo. Cheers!
Foto: dpa

Aber es gab noch mehr prominente Unterstützung für Wintours Werbeaktion für die New Yorker Mode: Hollywood-Star Julia Roberts postete auf Instagram ein Bild, das sie in einem Downtown-Badezimmer zeigt. Sie trägt eine schwarz-weiße Bustierrobe mit Tüllvolants von Wes Gordon, der nun die Carolina-Herrera-Kollektion entwirft. (Anm. d. Red.: Die sensationellen Badfliesen nennen sich „New York SoHo Brick Look Tiles“ und es gibt sie auch in augentäuschend wie Marmor gefärbter Keramik.)

Auch die schwangere Katy Perry wäre gern zu dem gesellschaftlichen Großereignis der Vogue gekommen. Auf Instagram signalisierte sie ihr Bedauern über den Gala-Ausfall mit einem Foto der Korsagen-Kreation von Jean-Paul Gaultier, die dabei ihren Babybauch kunstvoll in Szene gesetzt hätte. „Was wäre gewesen ... “, bedauert sie im Kommentar. Fashion-Kenner merken es sofort: Der Look ist ein Riff auf Gaultiers legendären Spitzkegel-BH, den seine damalige Muse Madonna 1990 bei ihrer „Blonde Ambition“-Tour ausführte. Offensive Mütterlichkeit statt aggressiver Sex-Appeal – der Kommentar zur Entwicklung weiblicher Ideale in den letzten drei Jahrzehnten sitzt wahrlich perfekt. 

Sexy Mom: Mit dieser Babybauch-Korsage von Jean-Paul Gaultier wollte Katy Perry eigentlich zur Met-Gala kommen.
Foto: Privat/Instagram

Auch die Schauspielerinnen Kate Hudson und Rita Wilson trauern der Kult-Veranstaltung nach. Hudson postete ein Foto von sich und Kollegin Liv Tyler bei einer vergangenen Met-Gala und kommentierte es mit: „Ach ja ... wie gern wäre ich heute so nah und kuschelig mit ihr zusammen.“ Die frisch von einer Coronavirus-Infektion genesene Wilson aka Mrs. Tom Hanks zeigte sich auf Instagram in ihrem liebsten Met-Gala-Outfit, einem Kleid von Prada. Auch Filmstar Blake Lively stimmte in die Klagerufe ein: Sie postete drei Glamourfotos von sich bei den „Met-Balls 2018, 2017, 2016“, wie sie dazu schrieb.

Weniger Rihanna, mehr Virginia Woolf

Doch was ist mit dem eigentlichen Anlass all der textilen Aufregung, der Modeausstellung 2020 des Costume Institute, die ab 7. Mai im Metropolitan Museum of Art laufen solle? Deren Eröffnung wurde wegen Corona auf Ende Oktober verschoben. Unter dem Titel „About Time: Fashion and Duration“ soll es diesmal um die modische Evolution von 1870 bis heute gehen, veranschaulicht durch ikonische Kleidungsstück-Kombis aus weit auseinanderliegenden Stilepochen.

Als imaginäre Führerin und „geisterhafte Erzählerin“ bei dieser Spurensuche nach dem Überzeitlichen wird die Schriftstellerin Virginia Woolf fungieren, erklärte Chefkurator Andrew Bolton.

Hoppla – klingt das so, als wolle das Met-Modeinstitut wieder elitärer werden? Das Spektakel für die medial zugeschalteten Massen runterfahren und sich wieder um sein Kern-Zielpublikum kümmern: Menschen, die Mode als Kulturphänomen interessiert, statt sie bloß als Anlass für Social-Media-Hysterie und Kleiderklatsch zu nehmen.

Könnte nach der Corona-Ernüchterung kein schlechter Move sein.