Sauer macht blau: Die Hortensie wechselt ihre Farbe je nach ph-Wert des Bodens.
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BerlinZugegeben, Hortensien sind nicht gerade dezent. Sie sind üppig, großzügig und manchmal auch ein bisschen überkandidelt. Ihre Blüten sind oft größer als Kinderköpfe. Sie leuchten in knalligem Rosa oder strahlendem Blau. Viele Menschen assoziieren mit ihrer aufgerüschten Hübschheit Hollywoodschaukeln, den Vorgarten der Oma, idyllische Bauernbeete und, besonders bei cremeweißen Blüten, eine durchaus elegante Opulenz. Hortensien blühen meistens in mehreren Farben gleichzeitig oder auch nacheinander – und sie sind viel pflegeleichter, als sie aussehen. Sie stammen aus einer Gegend der Welt, die für ihre anspruchsvolle Ästhetik gerühmt wird, nämlich aus Ostasien. Dort kultivierte man sie schon lange bevor die ersten Europäer auf diesem Erdteil auftauchten.

Bereits 1788 brachte der britische Botaniker Joseph Banks die erste Hortensie nach Europa. Vielleicht erledigte das aber auch Philibert Commerson, und zwar während der Weltumseglung unter dem Kommando von Louis Antoine de Bougainville – oder seine Begleitung, die als Mann verkleidete Jeanne Baret, die erste Frau, die jemals die Welt auf einem Schiff umrundete. Aber das ist eine andere Geschichte.

Nach Deutschland soll die erste Hortensie gegen Ende des 19. Jahrhunderts transportiert worden sein, im Gepäck des Gärtners Carl Adolph Terscheck, der sie aus Paris mitbrachte. Diese Pflanze wuchs, so heißt es jedenfalls in Sachsen, bis in die 1970er-Jahre in der Pillnitzer Pflanzensammlung. Sie wurde über 150 Jahre alt.

Aus den Wildformen des üppig blühenden Halbstrauches entstanden in Asien und Europa unterschiedliche Züchtungen. Bauernhortensien bilden kugelrunde Pompons, deren Anblick die englische Gärtnerikone Vita Sackville-West „an gefärbte Perücken“ erinnerte. Sie sind sozusagen der Klassiker, in den letzten Jahren wurden aber auch Rispenhortensien immer populärer. Die werden etwas größer und entwickeln längliche, spitz zulaufende Blütenstände. Dann wären da noch die Tellerhortensien. Sie werden in England auch Lacecaps (Spitzenhäubchen) genannt. Sie zeigen innerhalb eines Kranzes großer Scheinblüten viele winzig kleine „echte“ – also fruchtbare – Blüten. Diese filigrane Haube mit Rüschenkranz erhöht den ökologischen Wert der Pflanze erheblich, denn die Scheinblüten enthalten weder Pollen noch Nektar. Sie sind steril und für hungrige Insekten eine Enttäuschung.

Die Blütenkugeln der beliebten Bauernhortensien sind übrigens auch so ein Fall, ihre Blütenkugeln bestehen ausschließlich aus Scheinblüten. Das gleiche Problem haben meist auch Rispenhortensien, allerdings gibt es hier nahrhafte Sorten, wie die japanische, ihrer Wildform nahe „Kyushu“. Kletterhortensien und die wegen ihrer weichen Blätter so genannten Samthortensien haben echte Blüten. Wer beim Gärtnern an die Artenvielfalt denkt, wird sich für sie entscheiden.

Hat die Erde pH-Wert 5, strahlt das Blau der Hortensie. 

Hortensien blühen in der Farbe von Schnee, Schlagsahne und Vanilleeis, in zartem Rosa, Himbeerpink, in sattem Burgunder, himmelblau, dunkelviolett oder in allen Nuancen dazwischen. Viele von ihnen haben zudem die faszinierende Fähigkeit, je nach pH-Wert des Bodens ihre Blütenfarbe von Blau zu Rosa oder umgekehrt zu ändern. Wer eine blaue Hortensie auch blau blühen sehen will, sollte sie in saurem Boden kultivieren. Denn: Je saurer der Boden, also je niedriger der pH-Wert, desto mehr Aluminium kann die Pflanze aufnehmen. Dieses Spurenelement ist in humusreichen Böden vorhanden und färbt die Blüten blau, entsprechende Präparate aus dem Gartenhandel unterstützen diesen Vorgang. Um den pH-Wert fünf strahlt das Blau.

Meist ist der pH-Wert im Gartenboden jedoch höher als fünf bis sechs. Allerdings lässt er sich leicht und auch ohne Einsatz von torfhaltiger Spezialerde senken: Man arbeitet einfach ein wenig Kaffeesatz oder Kompost aus Eichenlaub und/oder Bestandteilen von Nadelbäumen in die Erde ein. Empfehlenswert ist es auch, mit Regenwasser zu gießen, statt kalkhaltiges Wasser aus der Leitung zu benutzen, das den pH-Wert steigen lässt. Wer es genau wissen will, kann den Boden testen – alle anderen probieren es einfach aus. Ab pH-Wert 6 fühlen sich alle Hortensien wohl, das sieht man den Pflanzen auch an. Weiße Sorten bleiben übrigens immer weiß, sie verändern ihre Farbe höchstens beim Verblühen leicht in Richtung Rosa.

Die Tellerhortensie ist nicht nur Augenschmaus für uns Menschen, sondern auch ein kulinarisches Highlight für Insekten.
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Egal welche Wuchsform, Blütenform oder -farbe sie haben, alle Hortensien brauchen nur wenig Sonnenlicht und mögen es feucht. Nicht umsonst bedeutet ihr botanischer Name Hydrangea so viel wie „Wasserbehälter“ und in trockenen Sommern lassen sie schnell die Köpfe hängen. Da heißt es täglich gießen. Nicht nur in dicht bebauten Städten, wo die Sonne es nicht in die Ecken schafft, ist das ein unschlagbarerer Vorteil: Wer zum Beispiel eine schattige Mauer begrünen will, kann das mit einer Kletterhortensie in relativ kurzer Zeit schaffen und tut gleichzeitig etwas für die Vögel, die gern in ihren Zweigen nisten.

Auch in Hinterhöfen oder auf sonnenarmen Balkonen treiben Hortensien ihre imposanten Blüten, hier lassen sie sich gut in Kübeln halten. Im Winter freuen sich die Pflanzen über ein wenig Schutz, insbesondere frisch gepflanzte oder die im Topf. Bei älteren Züchtungen gibt es jedoch zuweilen Probleme mit Frost, der schon mal die Blütenknospen für eine ganze Saison zerstören kann. Neuere Sorten treiben in so einem Fall einfach neue Knospen.

Die Blätter der Teehortensie können Süßstoff ersetzen.

Hortensien sind vieles, aber sicher nicht langweilig. Alle, die prächtige Blüten mögen – oder eine dunkle Ecke nicht nur mit Farnen und Funkien beleben wollen, kommen an ihnen nur schwer vorbei. Wer mit ihnen liebäugelt, kann sie jetzt in Gärten, Parks und Gärtnereien begutachten. Sofern sie nicht für den Handel vorgetrieben wurden, öffnen Hortensien im Juli ihre Blüten. Dann kommen wir in den Genuss der opulenten Kugeln und ihrer Vielfalt, die von von schlicht bis exzentrisch reicht und aus großen und winzigen Bestandteilen bestehen kann, wie bei Teller- und Samthortensien.

Die Rispenhortensie erfreut mit einer Menge hübscher Kappen.
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Und wer immer noch meint, Hortensien seien nur etwas für Kurort-Blumenkübel, sollte sich einmal die eigenwillige Blüte einer japanischen Teehortensie anschauen. Auch ihre Blätter sind etwas Besonderes, denn sie sind so süß, dass sie als Zuckerersatz verwendet und Buddha traditionell als Opfergabe dargereicht werden. Diese Sorte steht nicht in jedem Gartenmarkt, man muss schon ein wenig nach ihr suchen. Im Gegensatz dazu findet man die populären Sorten im Sommer fast überall, auch als Billigangebote in Gartencentern oder Supermärkten.

Wie vieles, was auf diese Art verkauft wird, landen die Pflanzen nach der Blüte oft in der Biotonne, dabei sind sie ganz und gar keine Wegwerfblumen. Wer sie aus den Plastikgefäßen befreit, ihnen einen größeren Topf mit guter Erde (und ein bisschen Kaffeesatz!) oder gar einen Platz in Garten oder Hof gönnt, wird sie mit den Jahren zu Sträuchern heranwachsen sehen. Ungeschnitten erreichen Hortensien locker zwei Meter und mehr, sie können Freundinnen fürs Leben sein – manche von ihnen werden über einhundert Jahre alt. Bei guter Pflege, versteht sich, aber das ist gar nicht schwer.