Das ist die coolste Straße Berlins – und er hat sie dazu gemacht

Bevor Andreas Murkudis mit seinen Läden auf die Potsdamer Straße zog, gab es dort nicht viel. Auf einem Spaziergang zeigt er uns, warum sie nun gehyped ist.

Den Veränderungsprozess seines Kiezes erklärt Murkudis gern anhand von Schrippen-Preisen.
Den Veränderungsprozess seines Kiezes erklärt Murkudis gern anhand von Schrippen-Preisen.Jelka von Langen

Anhand der Brötchenpreise, findet Andreas Murkudis, lässt sich gut der Reiz der Potsdamer Straße beschreiben. 20 Cent bei Thoben, 70 Cent gegenüber bei Gragger Brot – hier die Bäckerkette, dort die Backwarenmanufaktur, und beide freuen sich über viele Kundinnen und Kunden. Es sei eben diese Gleichzeitigkeit, dieses friedliche Nebeneinander, das die Gegend in Tiergarten ausmache – Parallelität statt Gentrifizierung.

Andreas Murkudis, 1961 in Dresden geboren, 1973 mit der Familie nach West-Berlin übergesiedelt, muss es wissen. Fast im Alleingang hat er die Potsdamer Straße zu dem gemacht, was sie heute ist: ein Hotspot für Kunst und Design, eine der coolsten Straßen der Stadt. Rund zehn Jahre lang hatte Murkudis seine Concept Stores unter eigenem Namen, ein Konglomerat an klug kuratierten Läden für Mode und Möbel, in der Münzstraße in Mitte geführt.

Und dann das: 2011 zieht Murkudis mit Sack und Pack, Seidenkleidern und Polstermöbeln in die Potsdamer Straße um, in die sich Design-Enthusiasten vorher wohl nie verirrt hatten. Das hat sich geändert – neben Murkudis‘ großen Stores in den Mercator Höfen in der Potsdamer Straße 77-87 gibt es heute zahlreiche Galerien und Geschäfte, Kneipen und Cafés, die die Gegend so angesagt machen – ohne dass dem Kiez seine Ecken und Kanten abgeschliffen worden wären.

Zum 20-jährigen Jubiläum seines Geschäfts, das er an diesem Samstag mit gleich zwei Ausstellungen in den eigenen Räumen feiert – eine mit der Mode des italienischen Labels QUIRA, die andere mit Möbeln von Valerie_Objects aus Belgien –, haben wir Andreas Murkudis getroffen. Nicht zum bloßen Interview, sondern zu einem Spaziergang über seine Potsdamer Straße, in der irgendwie alles anders geworden – und doch vieles beim Alten geblieben ist.

Ein kurzer Stopp zwischen Design-Tempel und Durchfahrtstraße.
Ein kurzer Stopp zwischen Design-Tempel und Durchfahrtstraße.Jelka von Langen

Herr Murkudis, war das vor rund zehn Jahren eher eine Entscheidung gegen Mitte oder für Tiergarten?

Ich hatte damals sechs Geschäfte in einem Hinterhof an der Münzstraße. Und ich habe schon oft erzählt, dass irgendwann Touristen mit dem Fahrrad auf der Suche nach den Hackeschen Höfen quasi durch mein Geschäft geradelt sind. Die Gegend ist immer kommerzieller geworden. Heute gibt es dort nur noch den Mädchenitaliener, der seit 20 Jahren dieselbe Karte hat, was ich charmant finde. Ansonsten ist alles verschwunden, was da mal spannend und originär war. Als mir klar wurde, dass ich dort wegmusste, habe ich den Innenhof und meine jetzigen Räume hier an der Potsdamer Straße entdeckt. 1000 Quadratmeter Ladenfläche, sieben Meter hohe Decken, diese Dimensionen – ich war sofort begeistert.

Also waren es eher die Räume als die Straße, die Sie gelockt haben?

Klar, die Gegend war ja damals noch der blanke Horror. Eine klassische Durchfahrtsstraße, immer Verkehr; von der Victoria Bar und dem Kumpelnest mal abgesehen, gab es hier nichts. Keine Galerien, keine Cafés, kein kulinarisches Angebot.

War das für Sie auch reizvoll, der Erste, der Einzige auf der Potsdamer Straße zu sein? Ihr Geschäft bewusst als Destination zu inszenieren?

Ein bisschen war das ja schon in Mitte so. Meine Geschäfte lagen im zweiten Hinterhof, es gab zur Straße hin kein Ladenschild, man musste mich finden. Ich wollte immer Kundinnen und Kunden haben, die mein Angebot wirklich toll finden – und die nicht bloß zufällig vorbeischlendern. Nur mit diesem Konzept konnte ich auch auf der Potsdamer Straße bestehen. Man muss hier eine treue Kundschaft bereits mitbringen. Daran, dass das funktioniert, hat aber nicht jeder geglaubt. Als meine Bank damals von meinen Plänen hörte, hat sie mir erstmal den Dispokredit gekürzt.

Andreas Murkudis hat ein Herz für Ladenhüter, manches exaltierte Objekt steht jahrelang in seinen Läden.
Andreas Murkudis hat ein Herz für Ladenhüter, manches exaltierte Objekt steht jahrelang in seinen Läden.Jelka von Langen

Heute würde Ihre Bank dieser Idee sicherlich mehr Vertrauen entgegenbringen. Mittlerweile gibt es hier viele Galerien und Modegeschäfte, die gut laufen. Einige davon haben Sie höchstpersönlich zum Umzug auf die Potsdamer Straße bewegt.

Das stimmt. Es ist ja gut für mein Geschäft, wenn auch das Angebot drumherum stimmt. Ich habe zum Beispiel für Acne die Räumlichkeiten hier gefunden; zuletzt ist auf meine Vermittlung hin auch der belgische Modedesigner Christian Wijnants mit einem Laden um die Ecke eingezogen. Ähnlich war das mit der dänischen Designmarke Kvadrat, und die Galerien bei mir im Innenhof – Esther Schipper, Max Hetzler und Juerg Judin – sind ebenso nach mir gekommen. Mit vielen anderen Nachbarn wie Reference Studios oder Highsnobiety habe ich dann schon gar nichts mehr zu tun, die sind von selbst hinterhergekommen.

Lange vor Ihnen war allerdings der Ort da, den wir nun besuchen. Warum ist das Delikatessengeschäft Harb eines ihrer liebsten Läden auf der Potsdamer Straße?

Das ist mein Anlaufpunkt, wenn ich ein bisschen Nervennahrung brauche. Oder wenn ich meiner Freundin getrocknete Datteln und Nüsse mitbringen will. Ich mag die Produkte im Laden sehr, außerdem sind die Betreiber unheimlich charmant. Ein tolles Geschäft, in dem es immer wunderbar riecht.

Bei Harb deckt sich Murkudis gerne mal mit Nervennahrung ein.
Bei Harb deckt sich Murkudis gerne mal mit Nervennahrung ein.Jelka von Langen

Wer das üppig ausgestattete Geschäft mit den orientalischen Lampen, Tabletts und Tajines im Schaufenster betritt, kann das nur bestätigen. Von den Warentischen strömen die köstlichsten Düfte. Gewürze, Nüsse, Süßigkeiten, die Regale stehen voll von libanesischen Weinen und mediterranen Leckereien. Seit 1982 gibt es den Laden in der Potsdamer Straße 93. „Kulinarisch bewegen wir uns im Nadelöhr zwischen Nordafrika, dem Mittleren Osten und Fernost, am Ende der Seidenstraße, rund um die Levante“, beschreibt Oliver Harb, der Sohn des Gründers, der das Geschäft heute gemeinsam mit seiner Schwester Therese Harb führt. „Wir verkaufen nur, was wir auch selbst gut finden“, versichert er – nicht nur direkt an die Kundinnen und Kunden in der Potsdamer Straße, sondern auch an Berliner Restaurants wie Shishi, Byblos oder Layla.

Anker zu haben, die bleiben in diesen wilden, wirren Zeiten, in denen sich so vieles verändert, tut gut.

Oliver Harb

„In den 40 Jahren, in denen wir nun an der Potsdamer Straße sind, haben wir viele kommen und gehen sehen“, erzählt der Chef. Zuletzt hätten sich die Straße und ihr Klientel positiv entwickelt, „auch durch Andreas, der als ein Wegbereiter viele tolle Geschäfte und Galerien in die Gegend gebracht hat.“ Trotzdem sei der Straße eine gewisse Härte geblieben, eine Authentizität, die den Charme der Gegend ebenso ausmache. Ob er damit die nahe Kurfürstenstraße meint, die seit Jahrzehnten von Kriminalität und Straßenprostitution geprägt wird? Oliver Harb winkt gleich ab.

„Es mag sein, dass einige, die hierherkommen, ganz bewusst dieses Schmuddelige sehen wollen“, sagt er. „Ich finde es allerdings eher verantwortungslos, wenn darüber gesprochen wird, als sei das bloß lässiger Teil eines kulturellen Prismas.“ Eher meine er Institutionen wie die legendäre Szenekneipe Kumpelnest, seit 1987 in einer Nebenstraße der Potsdamer gelegen, oder den mehr als 100 Jahre alten Traditionsfleischer Staroske. „Solche Anker zu haben, die bleiben in diesen wilden, wirren Zeiten, in denen sich so vieles verändert, tut gut“, sagt Harb. Und wieder draußen auf der Straße drückt es auch Andreas Murkudis ähnlich aus.

Auch der große Sex-Laden an der Ecke zur Kurfürstenstraße prägt die Gegend im Stadtteil Tiergarten.
Auch der große Sex-Laden an der Ecke zur Kurfürstenstraße prägt die Gegend im Stadtteil Tiergarten.Imago

Ist die Potsdamer Straße ein Beispiel für eine gesunde, sanfte Gentrifizierung, Herr Murkudis?

Das würde ich so nicht sagen. Ich würde eher von einer Parallelität alteingesessener und neuer Mieter sprechen, und nicht von einer Vertreibung. Anders als in Mitte oder Prenzlauer Berg ist hier in den vergangenen zwanzig Jahren genauso viel geblieben, wie sich verändert hat. Es gibt dahinten diesen Thoben-Bäcker, bei dem die Schrippe 20 Cent kostet. Und direkt gegenüber gehen die Brötchen bei Gragger Brot für 70 Cent das Stück über die Ladentheke. Beide finden ihre Kundinnen und Kunden, beide Konzepte funktionieren, niemand ist hier des anderen Gram. Die Potsdamer Straße nimmt Veränderungen entspannt hin. Anders als in Kreuzberg oder Friedrichshain sind hier nie Farbbeutel auf neue Design-Stores oder Galerien geworfen worden.

Zu einem der neueren Nachbarn gehen wir jetzt: Daniel Heer, der hier um die Ecke ganz traditionell von Hand Rosshaarmatratzen anfertigt.

Genau, sein Urgroßvater hatte sich dieser Unterkategorie der Sattlerei schon ab 1907 gewidmet, jetzt führt es Daniel als einer von ganz wenigen Handwerkern in Europa fort. Ich kenne ihn sehr lange, und wir haben seine Matratzen schon relativ früh bei uns im Store ausgestellt, verkaufen sie dort noch immer gut. Auch Daniel hatte sein Geschäft eine ganze Weile in Mitte, in der Rosa-Luxemburg-Straße. Dann wollte er aber ein privateres Ambiente. Auch, um sein „Schöneberger Zimmer“ umzusetzen.

Was verbirgt sich hinter diesem Konzept?

Wer sich eine handgemachte, hochwertige Matratze kauft, will ja vorher wissen, wie es sich darauf schläft. Da reicht es nicht, sich im Matratzengeschäft eben mal fünf Minuten draufzulegen. Also hatte Daniel die großartige Idee, in seinen Werkstatträumen ein Gästezimmer einzurichten. Dort können Besucherinnen und Besucher für 140 Euro die Nacht schlafen. Wer sich für eine Matratze entscheidet, bekommt diesen Betrag wieder gutgeschrieben. Eine wirklich schöne Idee, die gut angenommen wird. So wie ich konnte auch Daniel treue Kundinnen und Kunden sozusagen zum neuen Standort schon mitbringen.

In seinem Atelier fertigt Daniel Heer Rosshaarmatratzen von Hand an.
In seinem Atelier fertigt Daniel Heer Rosshaarmatratzen von Hand an.Jelka von Langen

Auf Laufkundschaft kann Heer tatsächlich kaum bauen. Weil er eben eine Werkstatt und keinen Laden betreibt. Und weil sein Geschäft gut versteckt in der ruhigen Blumenthalstraße 7 liegt – die rummelige Potsdamer Straße scheint hier ganz weit weg. Gut ist das für die Gäste, die in Heers „Schöneberger Zimmer“ ruhig schlafen können; in den 140 Euro für ein oder zwei Gäste ist auch ein Frühstück inbegriffen, das Heer gleich selbst zubereitet, wenn er nicht gerade an seinen Matratzen werkelt. Seit 1998 führt er das Handwerk seiner Familie fort. Jede Matratze, die er ganz allein von Hand baut, wird aus reinem Pferdeschweifhaar gefertigt. Wie schon sein Urgroßvater bezieht auch Daniel Heer das Pferdehaar von der schweizerischen Traditionsspinnerei Toggenburger.

Wir wollen darstellen, dass es gutes Handwerk auch zu fairen, nicht aber zu Schleuderpreisen gibt.

Daniel Heer

In Sachen Bezugsstoff aber geht er durchaus neue Pfade: Modernste Materialien kommen zum Einsatz, darunter Textilien, die der belgische Designer Raf Simons für Kvadrat entworfen hat. Aktuell widmet sich Heer aber nicht nur seinen eigenen Matratzen, von denen er monatlich vier im Alleingang bauen kann. Jüngst hat er die Initiative „Machen“ mitgegründet, ein Netzwerk aus Handwerkerinnen und Handwerkern, die sich auf verschiedene Weise dem guten Schlaf widmen. „Christian Haas zum Beispiel macht ein Bettgestell, Mario Rust aus Lichtenberg die Bettwaren, die auch in meinem ‚Schöneberger Zimmer‘ bereitliegen“, erzählt Heer. Die gemeinsame Kollektion „Sleep We Make“ wird am 17. November in Lissabon vorgestellt.

Das erklärte Ziel der Initiative ist es, traditionelle Methoden sichtbar zu machen und zu wahren. „Und darzustellen, dass es gutes Handwerk auch zu fairen, nicht aber zu Schleuderpreisen gibt.“ Dass sich das in Deutschland nicht immer leicht vermitteln lässt, erzählt Andreas Murkudis auf dem weiteren Spaziergang.

Wenn Heer nicht gerade an seinen Matratzen werkelt, macht er Frühstück für seine Übernachtungsgäste. 
Wenn Heer nicht gerade an seinen Matratzen werkelt, macht er Frühstück für seine Übernachtungsgäste. Jelka von Langen

Ist es in Deutschland besonders schwierig, Luxus an den Mann oder die Frau zu bringen, Herr Murkudis?

Nun, die Deutschen haben auf ihren Spar- und Aktienkonten mehrere Billionen Euro geparkt. Das Geld ist da – die Bereitschaft, es für Dinge von hoher Qualität auszugeben, eher nicht. Ich kenne kein anderes Land, das so viele Supermarkt-Ketten hat und sich solche Preiskämpfe leistet, die letztlich auf Kosten von Bauern und Erzeugern gehen. Und natürlich zeigt sich diese eiserne Sparsamkeit gerade auch im Bereich der Kleidung und Einrichtung.

Was bedeutet das für Ihr Geschäft?

Ich glaube, in einem anderen Land wäre es bereits an einem anderen Punkt, als es jetzt in Deutschland ist. Trotzdem muss ich sagen, dass wir hier in Berlin eine sehr treue Kundschaft aufbauen konnten. Eben weil wir nicht ausschließlich im absoluten Luxussegment unterwegs sind. Wir haben Marken im Programm, bei denen du ein Hemd schon für 90 Euro bekommst; man findet bei uns auch kleine Geschenke ab 30, 40 Euro. Bei uns macht die Masse der Kundinnen und Kunden den Umsatz – nicht vereinzelte Leute, die in der Saison 100.000 oder 200.000 Euro bei uns im Laden ausgeben. Wir bedienen eher Kundinnen und Kunden, die ein bisschen preissensibler sind als jene, die klassischerweise auf dem Kudamm einkaufen.

Wie meinen Sie das?

Ich würde sagen, zu uns kommt ein Klientel, das wirklich sein eigenes Geld verdient. Das weiß, was es bedeutet, für sein eigenes Geld arbeiten zu gehen. Bei uns kommt niemand rein und greift einfach zu, ohne auch mal auf den Preis zu schauen. Ich kann damit viel anfangen, weil auch ich den größten Teil meines Lebens Angestellter war, zum Beispiel zwanzig Jahre hindurch in einem Museum.

Eine Installation bei Murkudis weicht Grenzen zwischen Kunst und Design auf.
Eine Installation bei Murkudis weicht Grenzen zwischen Kunst und Design auf.Jelka von Langen

Wie kaufen Sie selbst für Ihr Geschäft ein?

Ich bin ja glücklicherweise alleiniger Inhaber des Stores und gleichzeitig sein Einkäufer. Und ich kaufe tatsächlich nur ein, was ich auch wirklich gut finde, ohne dass kommerzielle Aspekte immer im Vordergrund stünden. Ich habe zuletzt zum Beispiel eine völlig wahnsinnige Jacke von Rick Owens gekauft: mintfarbenes Leder, mit Ziegenhaaren besetzt, ein richtiges Ungetüm. Oder einen Mantel von Dries van Noten mit hunderttausenden Leder-Pailletten. Das sind wahnsinnig tolle Entwürfe, die allerdings mehrere tausend Euro kosten und von denen ich nicht weiß, ob ich sie überhaupt jemals verkaufen kann. Aber ich will sie gern im Laden haben – und manchmal bleiben solche Sachen dort über Jahre.

Sie haben also ein Herz für Ladenhüter?

(Lacht) So könnte man das ausdrücken. Wobei sich meistens doch noch irgendjemand findet, der sich zum Kauf erbarmt. Ich habe aber auch Sachen im Laden, die noch aus meiner Anfangszeit stammen. Erst neulich habe ich eine Nymphenburg-Skulptur verkauft, die wirklich zwei Jahrzehnte in meinem Store stand. Manchmal gewinne ich die Dinge mit der Zeit so lieb, dass sie irgendwann unverkäuflich sind. Sie gehören dann zum ewigen Inventar meines Geschäfts. Oder gehen in meinen privaten Besitz über.

Mit seinem großen Store in den Mercator Höfen bietet Murkudis Mode, Möbel – und Parkplätze direkt vor der Ladentür.
Mit seinem großen Store in den Mercator Höfen bietet Murkudis Mode, Möbel – und Parkplätze direkt vor der Ladentür.Jelka von Langen

Gibt es etwas, das alle Produkte in Ihrem Store gemeinsam haben?

Die Qualität. Es gibt immer mal Momente, an denen ich ganz bewusst nein sage. Hypes wie die um Off-White oder Balenciaga fahre ich nicht mit, selbst wenn ich damit richtig Geld machen könnte. Aber ich kann solche Marketing-Produkte, die in ihrer Qualität überhaupt nicht ihrem Preis entsprechen, niemandem anbieten. Wenn ich für den Preis eines Balenciaga-Kleides auch eine Matratze von Daniel Heer haben kann, in der ein wirkliches Konzept und echte Handarbeit steckt, würde ich doch immer die Matratze nehmen. Deswegen ist es mir so wichtig, die Marken, mit denen ich zusammenarbeite, wirklich zu kennen und zu verstehen.

Ziemlich gut kennen Sie auch den Typografen Erik Spiekermann, den wir jetzt besuchen. Als Sie vor kurzem einen Innenhof-Markt bei sich veranstaltet haben, bei dem die Gäste mit einer eigens entworfenen Währung zahlen konnten, haben Sie eben diese Scheine von Spiekermann drucken lassen.

Ja, Erik ist ein echter Schriftenpapst. Seine Art zu arbeiten, beeindruckt mich sehr. 1979 hat er die renommierte Agentur Meta Design gegründet, nun sitzt er mit seiner typografischen Werkstatt P98a direkt gegenüber von meinem Store auf der anderen Straßenseite. Erik sammelt alte Druckmaschinen, die er dort im Hinterhaus ausstellt. In seiner Werkstatt druckt er und gibt gelegentlich entsprechende Workshops. Auch das Gebäude an sich ist ganz toll. Da war früher eine Mädchenzeichenschule ansässig, in der auch Käthe Kollwitz gezeichnet hat. Ich mag den grünen Innenhof sehr. Es ist schon vorgekommen, dass ich mich dort für ein Mittagsschläfchen in den Schatten gelegt habe (lacht).

Auch den „Schriftenpapst“ Erik Spiekermann hat's in den Kiez verschlagen.
Auch den „Schriftenpapst“ Erik Spiekermann hat's in den Kiez verschlagen.Jelka von Langen

Tatsächlich ist der Hinterhof in der Potsdamer Straße 98 überaus hübsch; viel Grün, ganz ruhig, eine kleine Oase mit Springbrunnen und Wandmalereien. Drinnen, in Spiekermanns luftigen Fabrikräumen, stehen seine historischen Druckmaschinen beieinander. Warum der Typografie-König mit seinem schweren Gerät ausgerechnet hier gelandet ist? „Daran bist doch du schuld“, ruft er aus und deutet auf Murkudis. „Ich habe vor knapp zehn Jahren einen Platz für mein Hobby gesucht und bin auf einen Tipp von Andreas hin hierhergezogen.“

Ich war hier viel in der Musikszene unterwegs, diese typische Nina-Hagen-mäßige Subszene West-Berlins.

Erik Spiekermann

Es ist kein kommerzieller Ort, den Spiekermann nun betreibt, sondern einer, „an dem ich jeden Monat 10.000 Euro verliere“. Als gemeinnützige Stiftung konzipiert, sucht P98a derzeit nach finanzieller Unterstützung – in den Corona-Jahren konnte Spiekermann kaum noch Workshops anbieten, eine wichtige Einnahmequelle, die ihm weggebrochen ist. Trotzdem scheint er bester Laune, als er über die Gegend rund um die Potsdamer Straße spricht. „Im Grunde“, sagt Spiekermann, „bin ich hier im Eck schon seit Jahrzehnten unterwegs.“

Sein Vater habe vor vielen Jahrzehnten nebenan in der Potsdamer Straße 96 gearbeitet; seine Schwester war Geschäftsführerin beim Rotbuch Verlag, der eine Zeit lang im selben Gebäude ansässig war, in dem jetzt Spiekermanns Typografie-Werkstatt liegt. „Und ich selbst war in der Gegend viel in der Musikszene unterwegs, habe Plattencover gestaltet und diese typische Nina-Hagen-mäßige Subszene West-Berlins mitgemacht.“ Irgendwie romantisch sei es gewesen, damals, als am Ende der Potsdamer Straße für die West-Berliner auch ihre Stadt zu Ende ging.

Für uns im Westen war die Mauer nur ein Bauwerk. Da hat man drangelehnt, da hat man gegengepinkelt.

Erik Spiekermann

„Schon komisch“, sagt Spiekermann. „Für uns im Westen war die Mauer eigentlich nur ein Bauwerk. Da hat man drangelehnt, da hat man gegengepinkelt. Da hat man auch mal einen Nagel in die Wand geschlagen und ein Bild aufgehängt.“ Nach dem Fall der Mauer sei auf der Potsdamer Straße erstmal gar nichts mehr gewesen. „Ein bisschen tote Hose, ‚pantalones muertes‘, wie der Spanier sagt.“ Dass sich das nun geändert hat, sei zwar nicht nur positiv – auch auf der Potsdamer Straße sieht man sich längst mit steigenden Mieten konfrontiert. Mit irrsinnigen Forderungen, mit „Kudamm-Mieten“, wie es Spiekermann nennt, kämen Investoren in der Gegend allerdings nicht weit. „Ein Laden wird gerade erst leer und schon kommt der nächste rein, egal zu welchem Preis – dieses typische Berliner Programm läuft hier nicht ab“, meint er. „Da haben sich schon einige Investoren verschätzt.“

Spiekermann erzählt, wie er 1989 ein Büro im Gebäude des Weinhauses Huth am Potsdamer Platz bezog, dem letzten Haus des Westens. Wie zwischen eben diesem Haus und der Berliner Philharmonie zwischenzeitlich die Magnetbahn fuhr, für die Spiekermann eine Stütze entworfen hatte. Wie die Bahn irgendwann entgleiste und in die Büsche des Tiergartens krachte – während einer unbemannten Testfahrt, Gott sei Dank.

Und wie sich von einem Hochstand zwischen Weinhaus Huth und Brandenburger Tor aus in den Osten schauen ließ, bei Currywurst und Bier, Souvenirshops überall umher. An diese Zeiten kann sich auch Murkudis noch bestens erinnern, wie er wieder draußen auf der Potsdamer Straße erzählt.

In einem hübschen Hinterhof an der Potsdamer Straße steht Spiekermanns Druckmaschinen-Sammlung.
In einem hübschen Hinterhof an der Potsdamer Straße steht Spiekermanns Druckmaschinen-Sammlung.Jelka von Langen

Herr Murkudis, auch Sie waren schon Jahrzehnte, bevor Sie ihren Store eröffnet haben, viel in dieser Gegend unterwegs. Was sind Ihre einschneidendsten Erinnerungen?

Ich bin hier in der Nähe in die Sophie-Scholl-Schule gegangen, also verbinde ich wirklich viel mit der Gegend. Später, in den Achtzigern, bin ich auch oft im „Sound“ in der Genthiner Straße ausgegangen, damals eine der bekanntesten Diskotheken Europas. Ich habe gerade neulich noch die Geschichte über einen total verhassten „Sound“-Türsteher erzählt, der hier um die Ecke wohnte. Irgendwann haben ihm ein paar geschasste Diskogäste kurzerhand die Wohnungstür mit schnellbindendem Zement zugemauert. Ich war’s aber nicht (lacht).

Das „Sound“ gibt es seit 1988 nicht mehr. Wer hier in der Ecke ausgehen will, tut das nun in der Victoria Bar oder im Kumpelnest. Gibt es abgesehen davon ein Restaurant auf der Potsdamer Straße, das Sie empfehlen würden?

Das Schöne ist, dass es hier wirklich für jeden Geschmack und auch für jede Preisklasse etwas gibt. Im Rocket and Basil wird ein guter Brunch serviert, ich selbst bin auch sehr gerne im Einstein-Stammhaus auf der Kurfürstenstraße. Du kannst im Irma La Douce teuer essen gehen oder kriegst ein paar Häuser weiter beim Türken eine Linsensuppe für 2,50 Euro.

Hier im Schatten hält Murkudis auch schon mal ein Mittagsschläfchen.
Hier im Schatten hält Murkudis auch schon mal ein Mittagsschläfchen.Jelka von Langen

Das ist diese Gleichzeitigkeit, von der Sie vorhin schon in Bezug auf den Thoben-Bäcker und Gragger Brot gesprochen haben.

Genau. Der eine verkauft sein Sechs-Gänge-Menü, der nächste seine Suppe, und alle sind glücklich.

Als letzte Station unseres Spaziergangs haben Sie sich allerdings für die Joseph-Roth-Diele entschieden.

Ja, die Gaststätte ist dem Schriftsteller gewidmet, sie ist eine richtige Huldigung an ihn. Das Tolle ist, dass du dort selbst am Abend ein Gericht für 5,95 Euro essen kannst. Ich gehe auch mit Kundinnen und Kunden aus dem Ausland öfter mal dahin. Und die bestellen dann ein Hauptgericht, das so viel kostet wie in Paris ein Cappuccino.

An seinem Stammplatz in den schönen Joseph-Roth-Dielen bestellt Murkudis am liebsten Rinderrouladen.
An seinem Stammplatz in den schönen Joseph-Roth-Dielen bestellt Murkudis am liebsten Rinderrouladen.Jelka von Langen

In der Gaststätte steuert Murkudis direkt seinen Stammplatz an, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, ganz hinten in der Ecke. Das Betreiberpaar, das mittags selbst durch den Gastraum flitzt, gutbürgerliches Essen serviert und bereits die ersten Biere zapft, hat kaum Zeit, mit seinen neugierigen Gästen zu sprechen. „Unser Restaurant gibt es seit 2002, den Raum aber schon seit 1889“, ruft Dieter Funk, der die Joseph-Roth-Diele mit seiner Frau Grit betreibt, eilig über die Schulter. „Das war früher allerdings keine Gastronomie, sondern ein Feinkostgeschäft. Und irgendwann auch mal ein Bestatter.“

Dass sich quasi parallel zu seinen Stores ein paar Häuser weiter auch die Gaststätte etablieren konnte, freut Andreas Murkudis. „Der Laden hat einfach eine sehr schöne Atmosphäre und ich bin unheimlich gern hier“, sagt er. Abends bestelle er am liebsten die Rinderroulade mit handgemachten Spätzle; mittags darf’s auch mal die Schwarzbrotstulle mit Matjes und Gürkchen sein. Murkudis fühlt sich sichtlich wohl. Hier in der Gaststätte, in der er jetzt gemütlich an seinem Tischchen sitzt, und auf der Potsdamer Straße an sich, in der er so viele andere Kreative, Leute und Läden um sich scharen konnte.

Ob er sich vorstellen könne, mit seinem Concept Store irgendwann mal weiterzuziehen? „Nun, mein Mietvertrag läuft noch bis 2036“, sagt Andreas Murkudis milde lächelnd, die Ellenbogen lässig auf der rotweiß-karierten Tischdecke abgelegt. Viel weiter wolle er nicht denken. Und ohnehin: „Ich habe auf der Potsdamer Straße jede Menge Spaß.“

Andreas Murkudis begießt sein Jubiläum am heutigen Samstag (29. Oktober) mit zwei Ausstellungen: In seinem Store 81 wird die neue Kollektion von QUIRA vorgestellt, im Store 77 gibt es Möbel von Valerie_Objects zu sehen. Die Macherinnen und Macher der Labels werden anwesend sein, beide Ausstellungseröffnungen laufen von 14 bis 18 Uhr in den Mercator Höfen, Potsdamer Straße 77-87 in Tiergarten. www.andreasmurkudis.com